Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Kunfk-Vhotagrgxiyie.

von A.

urch einen klaffenden Abgrund ist von einem Künstler-
genius der photographische Apparat getrennt.
Zwar giebt auch dieser die sichtbare Welt auf der Bild-
fläche wieder, aber ohne daß der Prozeß des Jdealisierens

Bildnis. Aufnahme nach der Natur von L. Uhlenhuth.

und Stilisierens dabei im Spiele gewesen wäre. Der
Photographie ist das Auge und der Westenknopf, der
Mensch und das Straßenpflaster ganz gleichartig; das
verdrießliche Durcheinanderklingen der unharmonischen
Menge wird von ihr verdrießlich und unharmonisch ab-
geklatscht. Darum ist — ohne ihre sonstigen Meriten
zu verkennen — im Bezug auf ein Kunstwerk gedacht,
die Photographie so absolut unleidlich." Dieses Urteil
Arthur Fitgers erscheint vielleicht auf den ersten
Blick unanfechtbar und doch kann es nimmermehr für
das ganze Gebiet der Photographie als zutreffend an-
erkannt werden. Wenn auch der Photograph insoferne
nicht zu idealisieren und stilisieren vermag, als ihm sein
Apparat nicht gestattet, in der Wiedergabe dies und das
abzustreifen, was für den künstlerischen Zweck nicht taugt
und wiederum jenes hervorzuheben, was ihm nützt, wenn
er, in einem Wort, die Wirklichkeit auch nicht korrigieren
kann, so vermag er doch schöne Wahrheit in der Wirk-
lichkeit zu geben. Das rasche Künstlerauge eines genialen
Photographen erfaßt den einen glücklichen Moment, der
ihm eine Erscheinung in der höchsten Vollendung, in
dem charakteristischesten Ausdruck, der ihm eine Mehrzahl

Berger.

von Erscheinungen in der vollkommensten Harmonie dar-
bietet. Künstler in der Auswahl seines Stoffes, hat er
durch die Wiedergabe dieses Moments ein Werk ge-
schaffen, von dem es vielleicht in der Wirklichkeit keine
Kopie mehr giebt noch je geben wird. Dem Abklatsch
des verdrießlichen Durcheinanderklingens der unhar-
monischen Menge aber widmet sich der Maler-Hand-
werker und der Schriftsteller-Handwerker nicht
weniger als der Photograph-Handwerker. Der Maler-
Künstler findet in dem Photographen-Künstler natürlich
eine erwünschtere Hilfskraft als in dem wahllos
arbeitenden Photographen. So schuf z. B. der Hof-
photograph Professor Uhlenhuth in Coburg hervor-
ragend schöne Studien für Maler. Unter den seiner
Zeit während des Festspiels von ihm aufgenommenen
Bildern aus Rothenburg ob der Tauber — von denen
wir hier nur einige zur Anschauung bringen können
— erregt „Ein Fähnlein Landsknechte" unsere Auf-
merksamkeit. Ein allerliebstes Bildchen, voll poetischen
Zaubers, ist auch ein „Ein Plauderstündchen". Vor-
dem Thore steht ein rauher Kriegsmann in emsiger
Zwiesprache mit des Thorwarts holdseligem Töchterlein.
Haltung und Ausdruck lassen schließen, daß unser Held
der Schönen soeben den Schwur ewiger Treue leistet.
Fragend, forschend blickt sie ihm in das Auge. Wer
traut wohl einem Kriegsmann? Vielleicht denkt sie auch
an das Liedlein von Scheiden und Meiden .... Die
beiden Landsknechte, die sich abseits von dem Paare
unterhalten, scheinen ein weniger romantisches Thema
gewählt zu haben; ihre Rede gilt wohl mehr dem gestrigen
Gewinne im Würfelspiel oder den Vorzügen des benach-
barten Klosterbräus. — Eine sehr belebte und natur-
wahre Gruppe sehen wir in „Im Feldlager". Während
Landsknechte und Troßbuben sich um das Feuer drängen
oder ermattet Rast halten, ist ein gefangener Spion im
Vordergründe an das Wagenrad gebunden. Ein düsterer,
verzweifelter Ausdruck liegt auf seinem Gesicht. Was
wird sein Schicksal sein? Rauh sind des Krieges Ge-
setze .... In heitere Stimmung hinüber führt uns
die Studie „Vor dem Aufbruch". — „Die Thorwache"
kann uns den Beweis liefern, daß selbst die Wahrheit
von einem Jünger des Mars arg vergewaltigt werden

Sichernde Hirsche. Aufnahme von L. Uhlenhuth.
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