Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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IX. Jahrgang. Heft 6.

iA. Dezember 1893.

tzerausgegeven von Friedrich Recht -r-

„Die Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geheftet. Bezugspreis im
Buchhandel oder durch die Post (Reichspostverzeichnis Sir. 3661. daher. Verzeichnis Nr. 1671. k. u. k. österr. Zeitungsliste Nr. 42g) 3 M. S0 Pf. für das Vierteljahr

(S Hefte); das einzelne Heft 75 Pf. __

Über den Genusz an Bildhauerwerken.

Von Ivolfgang Kirchbach.


Vildnis I. 8. H. der Prinzessin Auguste von Bayern.

(vermählt mit Erzherzog Joseph August am j-j. November jSg3.)
Von H. Schönchen.

"?!>ie Bildhauerei gilt mit Recht als das Stiefkind unter
den Künsten der modernen Welt. Malerei und
Dichtung, Baukunst und Musik weiß man zu genießen.
Die Musik unter ihnen vielleicht sogar allzuviel.
Ein schönes, mächtiges Bauwerk zieht alle Blicke ganz
von selbst auf sich und so viel Sinn für Verhält-
nisse, so viel ornamentalen Geschmack haben die meisten,
daß sie wenigstens unbewußt den Eindruck empfinden,
den eine neue Kirche, ein neuer Staatspalast auf sie
macht. Man schreibt und redet zwar nicht viel davon,
aber man kann sich einem gewissen Geschmacksverhältnis
zu dem nicht entziehen, was so groß und wohnlich vor
jedermann steht. Von den Scharen, die in die neuesten Opern
laufen und Konzerte anhören, braucht man gar nicht zu
reden; sie haben alle eine gewisse Vorbildung zum Ge-
nüsse der Musik, sind Virtuosen im Genüsse, wissen, wo-
rauf es ankommt und was ihnen die Welt der Töne
sein soll, sind „Kenner". Bücher und Romane werden
auch noch viel gelesen, zum Teil mit Verstand, Schau-
spiele ziehen Tausende an und die aufgeregten Gespräche
darüber beweisen, daß man auch zur Poesie in weiten
Kreisen ein Verhältnis hat. Die Maler finden auf
internationalen Kunstausstellungen gleichfalls ihr Stamm-
publikum, welches sich den nötigen Kennergeschmack zu
eigen zu machen sucht und bald über die „Farbe", bald
über den Gegenstand sich kunststreitermäßig aufregt.

Dagegen giebt es nur sehr wenige, die Bildhauer-
werke genießen. Man braucht nur die Anzahl der Be-
sucher deutscher Gemäldegalerien mit den Besuchern der
Marmor- und Gipssammlungen zu vergleichen. Es giebt
Sonntage, wo man in der Dresdener Galerie oder in
den Münchener Pinakotheken sämtliche Säle schwarz von
Menschen sieht. In den schönsten Skulptnrensammlnngen
dagegen wird man immer sich in einer gewissen vor-

nehmen Einsamkeit einherbewegen. Allenfalls steht man
junge Archäologen, welche wissenschaftliche Zwecke verfolgen, man sieht gelegentlich einen Bildhauer und einige weiße
Raben von Hochzeitsreisenden, Schwiegermüttern und dergleichen, die mit dem Gefühle, eigentlich nicht hier herein-
zugehören, aber pflichtschuldigst bewundern zu müssen, die Säle durchschreiten. Mag sein, daß es ollolcivg ist!
Diese Skulpturensammlungen haben ja die Eigenschaft, dadurch merkwürdig zu sein, daß sie im ganzen keine
Kleiderbazare sind, und es scheint, als ob die meisten Menschen eine Empfindung dabei hätten, als seien sie ver-
botener Weise in ein Damenbad geraten. Das ist nun leider ein sehr nichtiger, aber doch gefährlicher Umstand,

ll

Kunst für Alle IX.
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