Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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von Paul Schumann.— Personal- und Ateliernachrichten.

für Dresden gemaltes Bild von Hugo Vogel schildert
in leuchtender Farbenpracht eine Maiandacht in der
St. Gudula-Kirche zu Brüssel. Max Liebermann hat einen
„Markt in Haarlem" gesandt, der an Kühnheit pastoser
Mache alles bisher Geleistete in den Schatten stellt, ohne
daß ein entsprechender Erfolg erzielt ist. — Das Kunst -
gewerbe ist nur durch eine Reihe schimmernder Vasen
und Urnen von Fritz Stahl vertreten, die in ihrer
geschickten Aufstellung der Ausstellung zur Zierde gereichen.

— Vor einiger Zeit stand die Todesnachricht Karl
Bodmers in den Zeitungen, wenige nur werden die kurze
Notiz beachtet haben, man Pflegt ja in der Rubrik mit dem
ominösen Kreuz davor nur aus die Namen zu achten, die einen
bekannte» Klang haben. Ter Name Bodmers gehört nicht zu
diesen, und doch ruft sein Tod mehr Erinnerungen wach als das
Ableben manches Besseren, er war der vorletzte Fontainebleauer,
noch lebt und malt der greise Jacque als letzter einer Künstler-
schar, die in diesem Jahrhundert nach schwierigen Anfängen an
Glanz nicht ihresgleichen hat und in der Kunst dem historischen
Wald einen unvergänglichen Namen gab, uere xeremüus. Im
engsten Sinne des Wortes giebt es eigentlich nur drei Fontaine-
blcauer: Millet, Rousseau und Diaz. Diese bauten sich am Rande
des Waldes an und entnahmen demselben den größten Teil der
Motive ihrer landschaftlichen Bilder, jeder von ihnen diesem
schönen Fleck Erde etwas besonderes ablauschend, jeder ganz er
selbst und nur sich selbst gebend, doch zusammengehörig durch
das gleiche Streben, unbekümmert um die Welt da draußen das,
was sie stets vor Augen hatten in der Natur, die sie umgab, in
seinem ganzen Reiz zu ergründen, in seinem ganzen Reiz darzu-
stellen. Freilich hat man schon srüh angesangen, alle Neuerer
unter den Landschaftern, die, mit der alten Tradition brechend,
emsig bemüht waren, die Natur mit ihren eigenen Augen zu
sehen und sie so, wie sie sie sahen, darzustellen, diesem Kreis der
Fontainebleauer hinzuzuzählen, so Dupre und Troyon und eben-
falls den ungleich älteren Corot wie den späteren Daubigny. Sie
alle bildeten die enggeschlossene Phalanx der frischen jungen Feuer-
köpfe gegen die Alten. Damals waren sie die Revolutionäre, die
von einigen bewundert und in den Himmel gehoben, von den
meisten derzeit freilich ebenso leidenschaftlich gehaßt und an-
gefeindet wurden; ungefähr so, wie es heute in München mit
den Secessionisten geht. Ja, man gönnte ihnen nicht einmal den
Raum, um das, was sie wahrlich mit dem Aufbieten aller ihrer
Kräfte und in liebevollster Hingabe fertiggebracht hatten, auszu-
stellen. Wie ost ist Rousseau vom Salon refüsiert worden und
das mit Bildern, die jetzt von aller Welt als die besten cke
I'ecole moderne bewundert werden und vielleicht mit Recht zu
den vorzüglichsten Landschaften aller Zeiten zählen. Natürlich
ging es ihnen herzlich schlecht, wie immer denen, die die gewohnten
Geleise verlassen, denn das Publikum als großes Ganze ist ja
stets unbegabt und schwerfällig und kann nicht gleichen Schritt
mit denen halten, die neue Pfade betreten. Bewundert und be-
zahlt wird meist nur die jüngst vergangene Epoche, die vom lang-
sam begreifenden Gros endlich begriffen zu werden anfängt, aber
die andern, die Jungen sind dann schon weit voraus und wollen
schon etwas ganz anderes. So ist es früher Rembrandt gegangen
und geht's jetzt wieder den Neuen. Warum sollten die Fontaine-
bleauer nicht das gleiche Schicksal gehabt haben? Jetzt wird
sogar viel Wesens davon gemacht, wie schlecht es ihnen gegangen
sei, nun, man wird doch nicht Maler, um viel Geld zu verdienen,
dafür giebt's andere Sachen, als Kaffee- oder Guanospekulationen,
und wer nicht den Teufel im Leibe zu haben glaubt, soll der
Kunst fernbleiben. Gewiß haben sie in ihren ersten Zeiten Sorgen
gehabt ums tägliche Brot, schwere Sorgen, aber später ist es
ihnen allen doch leidlich gegangen, einigen sogar sehr gut, die
angenommene Tochter des unverheirateten Troyon z. Ä. ward
eine reiche Erbin. Und ihre Größe, ihren Ruhm haben sie nicht
nur geahnt, sondern noch erlebt, sie sind nicht als verkannte
Genies gestorben; freilich wurde ihr Ruhm damals noch nicht
mit so exorbitanten Summen bezahlt wie in den letzten Jahren.
Davon war nur Dupre, der Letztverstorbene der Führer, noch

Zeuge. Aber sie waren zufrieden wie die meisten wirklichen
Maler, die nicht ums Hungern zu sorgen fauchen, und als
man einst dem alten pere Corot mitte,lte auf emer ?lu twn er
eines seiner Bilder mit 9000 Frs. bezahlt worden, rie, er er-
staunt: c'e-t vraiment pas donne! Dies Bild sie passemr er-
reichte vor drei Jahren den Pre^ °°n ^ L

Sk. Michael, von LH. van der Staxpen.

Hälfte der Bilder dieser Fontainebleauer eine Rolle. Nur Millet,
Diaz und Rousseau hatten sich dort in Barbizon angesiedelt,
Troyon hat häufig, besonders in seiner ersten Zeit, die Anklänge
an Dupres Malweise enthält, daselbst Studien gemacht, die
anderen waren nur gleichzeitige Mitstrebende. Der allgemeine
Kollektivname ist erst viel später entstanden und als auch er noch
zu eng erschien, erfand man den Ausdruck ecole de 1830. Die
Landschafter konnte man, wenn auch nur in sehr loser Weise, alle
zu dem berühmten Wald in Beziehung bringen, aber Delacroix,
einer der besten, der Stolz der Franzosen, war doch schlechter-
dings nicht ein Fontainebleauer zu nennen. So wählte man
die Zahl, die in der Politik Frankreichs etwas bedeutet, um mit

Die Kunst für Alle IX.

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