Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die große Berliner Uunstausstellung t8A4- — Hermann Baisch. von P. Schultze-Naumburg.

hier ein Bildnis des Kaisers und eines des jetzigen Reichs-
kanzlers Grafen von Caprivi. Der Kaiser ist in Garde-
husarenuniform dargestellt und in der Haltung und im
Ausdrucke ähnlich wie in dem früheren vielbesprochenen
Kaiserbildnis derselben Künstlerin. Graf Caprivi ist in
wenig glücklicher Stellung mit steifer Kopfhaltung gemalt
und nimmt sich vor dem grünen Grund nicht besonders
gut aus. Jedenfalls läßt sich gegen diese beiden Bilder
von Frau Parlaghi manches einwenden. Dagegen ist das
dritte Bild, das sie ausgestellt hat, und das in einem
der hintern Säle hängt, wieder ein erstaunliches Meister-
werk. Es ist das Bildnis des Posener Erzbischofs
I)r. von Stablewski im roten Ornat. Man wird es
bedauern dürfen, daß die so reich begabte Künstlerin
nicht bei allen Bildern mit gleicher Kraft einsetzt.
Als ein besonders Berechtigter hat Adolf Menzel
mit einem kleinen Aquarell im Ehrensaal Platz

gefunden, bei ihm allein ist nicht der dargestellte Gegen-
stand patriotischen Inhalts für die Plazierung maßgebend
gewesen, sondern allein der künstlerische Gehalt. Darin
scheint mir eine besondere Ehrung zu liegen, und kommt
Menzel auch im Ehrensaal in merkwürdige Gesellschaft,
so bleibt er darum doch isoliert. Das kleine Aquarell,
1892 gemalt, heißt „Eine Fahrt durch schöne Natur". Das
Innere eines Eisenbahncoupes mit Sommerreisenden voll
besetzt, die nun jeder aus seine Weise die schöne Aus-
sicht im Vorbeifahren betrachten. Eine Fülle feinster
lebensvoller Züge und ein entzückender etwas gravi-
tätischer Humor erfreuen wieder. Nach meinem Gefühle
steht aber die in einem der Hinteren Seitensäle versteckte
braune Studie eines sitzenden Mannes auf einer höheren
Stufe. Beinahe wiegen mir diese beiden Aquarelle die
ganze übrige Ausstellung auf. Oder wiegen sie gar
noch mehr?

(Ein zweiter Artikel im nächsten Hefte.)

Hermann Baisch.

Gestorben am 18. Mai in Karlsruhe,
von p. Schultze-Naumburg (München).

irH>it tobender Hast dreht sich das Zeitenrad. Sterne
gehen unter, Sterne leuchten auf, und wenn die
Welt sich ihres schönsten Glanzes freut, müssen sie sich
zum Erlöschen neigen.

Hermann Baisch ist tot. Bei dem gefeierten
Namen brauche ich nicht zu sagen, wer er war. Erst
48 Jahre alt, hinterläßt er doch ein Lebenswerk, dem
er in abgerundeter Geschlossenheit nichts mehr hinzuzu-
fügen gebraucht hätte, um in der Kunstgeschichte unter
den Besten zu stehen, die die zweite Hälfte des Jahr-
hunderts in Deutschland hervorbrachte.

Baisch war der Maler der Viehweiden Hollands
und seines Meerstrandes. Wie engbegrcnzt sein Gebiet
scheinbar auch war, seine Darstellungen ließen doch
nie ermüden, da sein Malerauge stets die koloristische
Idee zum Ausgangspunkt nahm, er nie Schablone,
sondern stets gesehene Natur brachte. Grüne, fette Marsch-
flächen mit weidendem Vieh, oder die Brandung der
Nordsee mit dem Treiben der Fischer am Strande, das
war Baischs Element. Wohl stattete er auch hie und
da dem Schwarzwald einen Besuch ab oder stieg zu den
grünen Matten der Alpen hinauf, von deren Sennhütten
man den fernen Bodensee hinüberglänzen sieht, aber seine
eigentliche Heimat ist das flache Land, die Niederlande.
Duftende große Weideflächcn, endlos, aber nicht einsam;
wohlgenährte Ochsen, auf deren glattem Fell Sonnen-
lichter spielen, Ziehbrunnen und Zäune, Kanäle und
Viehtränken; Sonnenluft umsäuselt sie und stimmt die
heitere Weise des Pastorale, die sich als Leitmotiv durch
Baischs Kunst zieht. Frühjahr und Sommer sind seine
Zeiten; die junge Pracht frühlingsgrüner Zweige, die
sich im Sonnenlichte des neuen Lenzes badet, zitternde
schlanke Erlen, die ihre Spitzen in die Lichtfluten der
Abendwolken recken; am fernen Horizonte drehen sich

Windmühlen und durch den Glast der Sonnenatmosphäre
verkündet die Silhouette der alten Kathedrale die Nähe
Rotterdams. Oder die tiefgestimmte eintönige Weise der
Dünen, über denen die Sonnenstrahlen zwischen Wasser-
dampf und Aether kämpfen; unter den blühenden Ginster-
büschen stehen schwere Ochsen, die das Gras zwischen
den Büschen rupfen. Man hört das Kauen und Schürfen
der großen Mäuler, man atmet die erfrischende Luft,
die vom Meere herweht. Crevcttcnfischer ziehen dem
Strande zu, wo Welle auf-Welle ihre Schaumkämme
auf den Sand spülten. Die Melodie tönt ernster und
schwermütiger; Häringsfischer segeln aufs Meer hinaus,
die Boote kehren heim und auf Pferden ziehen die Knechte
die Taue durch die Brandung, um die Fahrzeuge vor
dem Sturme auf den Strand zu ziehen. Das Wetter
zieht heran, der Sturmwind, der sein Bote ist, peitscht
das klatschende Segel um die Raaen; das Gewitter hat
ausgetobt, grollend sich glättend wogen draußen die
Fluten, die dicken Leiber der Boote liegen am Ufer und
in Häubchen und Holzschuhen ziehen Mädchen und
Burschen, Frauen und Männer den niedrigen Häusern
-des Dorfes zu.*)

Was soll ich noch von Baisch sagen? Daß die
Karlsruher Akademie einen ihrer besten Lehrer verloren,
der es verstanden hatte, die größte deutsche Tierschule
zu gründen; daß die Karlsruher Künstlerschaft einen
ihrer warmherzigsten und heitersten Kollegen zu Grabe
getragen, der viele Jahre lang im Mittelpunkt ihrer
Geselligkeit gestanden hat und eine junge Gattin und
jugendliche Kinder zurückläßt? Seit Hoffs Tod traf
die Karlsruher Kunst kein so schwerer Verlust.

*) „Die Kunst sür Alle" brachte im Laufe der Jahre fast in
jedem Bande eine oder mehrere der Schöpfungen Baischs. Sein
Porträt finden die Leser auf Seite 146 des 6. Jahrgangs.
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