Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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IX. Jahrgang, tzeft 15. I. -Mai 1894.

>- GerauFgegeben von Friedrich Pechr

„Die Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag gehestet. Bezugspreis im
Buchhandel oder durch die Post sReichSpostverzeichniz Nr. S7SÜ, daher. Verzeichnis Nr. 438, k. u. k. osterr. Zeitungsliste Nr. 1747) 3 M. 60 Pf. sür das Vierteljahr

(6 Hefte); das einzelne He^ 75 Pf. _

Die Frühjahr-Ausstellung der Münchener Secession.

von D L. v. Berlepsch (München).

Nachdruck verboten.

^^er hat denn nun eigentlich recht?" Die Frage

ist tausend- und abertansendmal gestellt worden,
als die Kunde von der Trennung bekannt wurde, in-
folge deren sich ein Teil der Münchener Künstler von
dem bisherigen allgemeinen Verbände, der Münchener
Künstler-Genossenschaft, lossagte, um ledig aller tra-
ditionell gewordenen, die Freiheit der Entwickelung
hemmenden Um- und Zustände auf eigenen Füßen zu
stehen und demnach zu handeln.

„Der Münchener Künstler-Streit" — so nannte
man vielfach die Sache. Es ist kein Streit, es war
kein Streit im Sinne Neuigkeitssuchender Publizitäts-
Krakeeler, vielmehr vollzog sich die Lossagung ohne
Heftigkeit seitens der Künstler. Nur hat man es der
neuen Gruppe nicht recht verzeihen wollen, daß, als sie
nun ganz auf sich selbst angewiesen war und der
Feinde mehr hatte, als der Freunde, sie sich aufrecht
stellte und sagte: „Wir sind und wir bleiben!" Das
mußte sie thun. Aber es giebt ja immer Menschen,
die den Selbsterhaltungstrieb der andern für ein Ver-
brechen halten. Zu einer reuigen Umkehr braucht's ein
reuiges Gemüt oder jenes Charakterzuges, der
Heinrich IV. von Frankreich sagen ließ: „?aris vuut
dien uns messe!" Keines von beiden aber trat ein;
die Münchener Secession blieb bei ihrem Programm,
sie kehrte nicht, wortbrüchig an sich selbst, um. Heute
fehlt es nicht an einsichtsvollen Männern selbst im
entgegengesetzten Lager, die das Gute dieses Schrittes
vollauf zu würdigen wissen, ja dankbar darin den An-
stoß zum Fortschreiten anerkennen, hat doch die Genossenschaft — ob freiwillig oder nicht, das bleibe dahin-
gestellt — selbst begonnen, Neuerungen im Sinne der secessionistischen Bewegung in Anregung zu bringen —
wohl verstanden: in Anregung — denn als einen bedeutsamen Schritt nach vorwärts kann man es vorerst wohl
kaum bezeichnen, daß auch genossenschaftlicherseits der Beschluß gefaßt wurde, künftig alle Schriftstücke mit einem
— dekorativen Briefköpfe zu versehen. Die Secession führt bekanntermaßen einen Minervakopf im Schilde.

Die Kunst den Künstlern! Das ist das secessionistische Programm. Die Lebensfähigkeit, die Durch-
führbarkeit dieses allerersten Prinzipes wird heute kaum mehr von irgend jemandem, der mit künstlerischen
Dingen auch nur einigermaßen vertraut ist, in Zweifel gezogen- Daß in seiner Durchführung jede Einseitigkeit

Interieur, von Gotthard Auehl.

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Die Runs! für Alle IX.
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