Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Bilder von Burne-Jones. von kjerman kjelferich. — Die internationale Jubel-Ausstellung in Wien.

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Hand auf die Gefährtin stützen, oder allein, den Kranz
auf dem Haupt, träumend und graziös herniedersteigen;
unten bildet sich wieder eine geschlossenere Gruppe, ihre
Füße, die die Stufen herunterkommen, haben etwas von
der Anmut der Stellung in Gemälden Peruginos.

Wenn Märchen für Kinder einen Inhalt haben
müssen — für Erwachsene bedürfen sie dessen nicht, ge-
nügt das Goldgrundgefühl ihres Ensembles und so
schließen sich die Büsche hinter der Märchcnfigur der
„Waldnymphe" zusammen, ohne daß wir ein Verlangen
trügen, das „Warum" und die Geschichte zu hören. Es genügt,
wie anmutig sie dasitzt und wie träumerisch sie blickt.
Die Circe aber war uns ein wohlbekanntes Wesen. Und
oft hatten die Maler uns ihre Geschichte erzählt. Da
kam Burne-Jones und löste aus dieser Geschichte die Be-
wegungen, die etwas Allgemeineres, Verbrauchteres, „Dra-
matischeres" hatten, und die er deshalb in seinem raffi-
nierteren Nerveulebeu nicht brauchen konnte, heraus, und
machte Circe fast zu einer Engländerin, wohlverstanden
einer Engländerin, die ihr moosgrünes Boudoir hat,
Rossetti liest und die italienischen „Primitiven" mehr
liebt, als manche späteren und gesünderen Künstler . . .
Und als Abschluß der Szene, voll nur innerer Dramatik,
stellt er das Meer, den Marmor und die Schiffe dar,
wie der, wenn auch nicht im selben Heerlager, raffinierte
Alma Tadema sie wählt, und das Ganze wird eine so
von den üblichen Circebildern abweichende Darstellung
moderner Circenauffassung, wie die Darstellungen der
englischen Schauspielerin Ellin Terry von der allgemeinen
Darstellung abweichen.

Im „König Cophetua", der die Bettlerin zur Frau
begehrt, weil sie schöner war als alles in seinem Reiche,
einem großen Bilde, das auch auf der Pariser Ausstellung
1889 war, ist ein großes Quantum subtilster Arbeit an-
gewendet, und wir sehen das Gefühlsleben des Kreises,
der in England sich für Burne-Jones interessiert, in der
Maskerade gleichsam wieder, bei diesen beiden wie zu
einem lebenden Bilde aufgestellten schönen Personen. Der
„Liebessang" ist noch unmittelbarer, auch die Färbung
hat bei diesem Bilde eine reichere Skala, und es ist, als
strömte hier alles aus, was in dem Kreise um Burne-
Jones an Gefühl gesagt wird. Sehr schön ist die Ge-

stalt, die kniend und dienend die Musikhervorbringung
ermöglicht, die Landschaft auf diesem Bilde ist die gute
Illustration des Seelenzustandes, der ein vollkommenes
Glück der vollkommenen Schönheit der musizierenden Frau
vereinigt darstellen soll, und in betreff dessen man nicht
wissen darf, daß die Figur des zuhörenden Jünglings,
in welcher Teile von hervorragender Schönheit sind (ich
erinnere an den Geschmack des Panzers aus der Schulter
z. B.), etwa Unglück atme, Schmerz, tiefes Leiden aus-
drücke. Diese Stimmung ist nichts weniger als eine
schmerzliche; sie findet ihr Glück aber im Traum, in dem
Gefühl der Betrachtung, der Kontemplation, in der Ruhe,
im Schweigen, einem Schweigen, das voll von Empfindung
ist und das mit der schönen Umgebung, dem Frieden der
Landschaft, dem gesättigten Liebesglücke, dem Besitze der
schönsten Frau — vielleicht zu blasiert, mehr wohl aber
zu geschmackvoll ist, um ein andres als stilles Genießen
damit zu verbinden.

Hatten wir bisher Burne-Jones nun mehr im
Schildern einer Gefühlsverfeinerung und bei arkadischen
Gegenständen begleitet, so ist es von einem eigenen
Reize, ihn auch dort und zwar als denselben, der
er war, zu finden, wo wir den Gegenstand für einen
solchen halten, der ihm nicht entgegeukommt. Wie könnte
man die Schöpfungsgeschichte ausdrücken ohne Pathos
und ohne stärkste Männlichkeit? Und doch hat der sanfte
Burne-Jones uns auch hier etwas zu bieten und führt
uns ohne Zwang geruhig in seiner Weise die „Engel
der Schöpfung" vor, weit geschmackvoller als solche, die
den üblichen Stil der Engel nachahmeu und dadurch der
Banalität verfallen sind. Seine Engel gehören ihm:
englisch, still träumen sie, wie junge, englische Mädchen.
Und lieblich gar ist die Komposition, da das eiste Menschen-
paar erscheint, in den Augen all dieser lieblichen Engel
der zärtliche Gedanke und die Sympathie für die Menschen so
hervorbricht, wie etwa bei einem gutmütigen, stillen, Märchen
liebenden Mädchen.. . Und wir verlassen Burne-Jones,
wenig getrübt in unsrer Empfindung durch die verhältnis-
mäßig kleine Skala, die er uns nur vorzuführen hat, weil
das, was er zeigt, immerhin erquicklich und rein ist, und
von dem die Wiederholung Gelegenheit giebt, eine anmutige
Erfindungsweise stets aufs neue in Bewegung zu setzen.

-—ES-----

Me internationale Iuüel-AuMellung in Wien.

von Karl von vmcenti.

n der Wiener Lothringerstraße wehen wieder die
Flaggen von den hohen Masten und im Künstler-
hause herrscht gehobene Stimmung. Nach sechs Jahren
Zwischenraum haben wir wieder eine Internationale.
Und noch eine jubilierende dazu, denn das schöne, leider
für so große Veranstaltungen etwas raumbeengte Kunst-
palais feiert zugleich sein erstes Vierteljahrhundert.
Stifter- und Gründernamen, die allerhöchsten darunter,
berichten darüber in Goldschrift auf vier Rotmarmor-
tafeln, welche man in die Vestibülepfeiler eingefügt hat.
Die Ausstellung ist am 6. März in Vertretung des an
der Riviera weilenden Kaisers durch den Erzherzog
Rainer feierlich eröffnet worden. Sie ist ein Kunstfest,

Nachdruck verboten.

wie es Wien seit langem nicht erlebt, und wir freuen
uns, daß unser Kunstleben während drei Monaten unter
dem Zeichen dieses Festes stehen wird, dessen Anregungen,
so wünschen wir, fruchtbringende sein mögen, in künst-
lerischer Hinsicht nicht allein, sondern auch in kunst-
politischer, denn Österreich gehört noch zu jenen Staaten,
welche auf die Wege einer großen modernen Kunstpolitik
gelenkt werden müssen. Neues gibt's in Fülle. Wie
1888 die Spanier in ihrer starken Entwickelung vielfach
durch eine bei ihnen wiedererstandene Großmalerei über-
raschten, so dürfen wir diesmal von der vornehm durch-
gebildeten, feinempfindenden Malerei der Engländer, deren
Bildniswerke auf so lichter Höhe stehen, gute Einflüsse
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