Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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IX. Jahrgang. Heft IZ. I. April 1894.

Herausgegcven von Friedrich Recht -r-

„Die Kunst sür Alle" erscheint in halbmonatlichen Hesten von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag gehestet. Bezugspreis im
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(S Hefte); das einzelne Heft 75 Ps. __

Bilder von Burne-Ione§>.

von Iderman Delserich.

Edward Vurnr-Iones.

ndem wir heute eine Reihe Burne-Jonesscher
Arbeiten bringen, eröffnen wir die Beschreibung mit
einem Bilde des Malers selber.

Er ähnelt in nichts einem Maler, wie ihn die neuen
Strömungen zur Erscheinung gebracht haben. Weder
trägt er sich mit dem geschickt gewählten Bartschnitte, der
kokett der Mode zugleich und dem Wohlgefälligen nach-
gehenden Kleidung und jenem Ausdrucke, der dem ähnelt,
den die „llomines cku moncke" haben — und in der
That haben unsre Maler, wenn sie Erfolg hatten, den
eleganten Schichten unsrer Gesellschaft sich genähert —,
sondern Burne-Jones, der erste Blick zeigt es, hat die
Äugen mit ihrem sinnenden Wesen, den Bart, der nichts
der Mode Unterworfenes hat, eines Dichters, der einsam
lebt, zu Hause träumt und zu philosophischer Betrach-
tung neigt.

Und in der That ist Burne-Jones nicht als Maler,
sondern als Student ins Leben getreten. In Oxford
war es, wo er durch den Anblick von Schöpfungen
Rossettis zur Kunst geführt und darin durch Ruskin nur
bestärkt wurde. Seine Vorliebe für das Mythische rührt
von da. Natürlich hat eine von Haus aus vorhandene
große Geschicklichkeit zur Seite gehen müssen. Ohne
diese wäre es nie dahin gekommen, daß Burne-Jones
nicht nur im Handwerk geübt und weit geschickter als
Rossetti ist, sondern auch ein so überaus produktiver
Maler geworden ist. Seine Phantasie ist von größter
Leichtigkeit im Hervorbringen, und ebenso mühelos wie
das Ornament bringt er die Landschaft, schafft er Fittige
für die Engel und erfindet reizende Kompositionslinien.
Immer aber ist das Sujet das Wesentliche; nur um es
zur Erscheinung zu bringen, malt er; und er würde
niemals wie ein Münchener und Pariser Maler gegenstands-
los, nur um der Ausübung seiner Technik willen, dem
Modell gegenübertreten. Immer begleitet ihn die Vor-
stellung von dichterischer Produktion, von erzählendem
Hervorbringen, einem Hervorbringen von Märchen und
Legenden, die der Bildung eines ihm zuhörenden Publi-
kums entsprechen: mit ihm ist er in geistigem Kontakt.

Ihm zuliebe schmückt er ein Klavier, innen und
außen, in der reichsten Weise, für einen erlesensten Ge-
brauch, jugendfrisch in der Ornamentation uud doch voll
der seltsamen Anmut botticellischer Gestalten, mit der Ge-
schichte des Orpheus als einer Huldigung für die Musik
und mit den Verschlingungen der Linien der Töne
musikalische Verkettungen hold und geistreich ausdrückend.

In einem einzigen Gebiete kommt Burne-Jones da-
zu, gleichsam von einem Thema abzusehen und Gestalten
um ihrerselbst wegen hervorzubringen: das ist die Dar-
stellung von jungen Mädchen. Sie in Gruppen darzu-
stellen, selbst wenn er keine Legende, keine Sage mit
ihnen zu verknüpfen hätte, scheint ihm nicht ungehörig.
Aber reizvoller wird es ihm, sie zur anmutigen Belebung
einer Linie zu verwenden, wie auf der „goldenen Treppe",
sie schreiten herab, indem sie Musikinstrumente in den
Händen halten, zu einander sich neigen, sich mit der

Die Kunst für Alle IX.

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