Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Rundschau. — Personal- und Ateliernachrichten.

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als dritter, der frühverstorbene, so begabte, weiche, em-
pfindungsvolle Mauve, der dramatisch unter allen
Holländern empfindende Mesdag und nach ihnen viele,
sehr viele, wirklich gute Meister, die nur darum im
zweiten Rang stehen, weil die Plätze der ersten Reihe
bereits für ein so kleines Land ganz überfüllt sind, —
bilden die glorreiche neue holländische Schule, das heißt
eine neue Schule, die bereits zu lange neu ist, als daß sie
nicht schon — eine nachfolgende Generation bekommen
haben sollte. Eine jüngere holländische Schule hat sich
natürlich gebildet, das ist der Lauf der Welt, sie leidet,
wie alle mit ihr korrespondierend einhergehenden Bestre-
bungen, ein wenig an internationaler Allgemeinheit, es
ist ihr nicht gegeben, so glücklich im Lande zu sein, wie
ihre Vorgängerin, aber auch in ihr fehlt es nicht an
markanten Talenten; wir werden vielleicht von dem einen
und andern unter ihren Vertretern unsere Leser noch zu
unterhalten haben.

Die von Israels begründete Schule steht deshalb
aber nicht im Zeitalter der Altersschwäche, weil ihr eine
neue, d. h. in Holland neue, Schule auf dem Fuße folgt.
Nein, die von Israels begründete holländische Schule
ist im Gegenteil der Fels in der Erscheinungen Flucht
aus unseren internationalen Kunstausstellungen, die fast
stets sich gleichbleibende, das heißt stets gut bleibende
Richtung auf unfern Ausstellungen. Es sei zum Schlüsse
dieser Rundschau gestattet, ihre historischen Begrenzungen
anzugeben.

Sie setzt gewissermaßen die Schule, die man die von
Fontainebleau nennt, fort. Ein Meister wie Daubigny
z. B. könnte als ihr Ausgangspunkt bezeichnet werden,
und die Schotten könnte man als ihren Endpunkt hin-
stellen.

Israels ist in seinen Themen manchmal Millet
nahe, — in der Empfindung seiner Themen und ihrer
Farbensprache hat er mehr von Corot.

Corot wäre überhaupt vielleicht besser der Anreger
der holländischen Schule zu nennen, wäre nicht in ihm noch
ein Idealismus, den erst Daubigny abgestreift hat,
der sich ganz an die Schilderung von Flußufern, im
stimmungsvollen Lichte des Morgens oder Abends, be-
gab, den Fluß von ihn durchziehenden Enten belebt, au
den Ufern Frauen waschend, Kühe weidend, oder nur
ganz wirkliche und natürliche Bäume in den ganz natür-
lichen Himmel aufragend. Das Breite, Weiche, Poetische
in der Malweise und Empfindung nahmen wohl die Hol-
länder von Corot an, aber mit Daubigny teilen sie die
Beschränkung auf das Natürliche, Umgebende, Einfache,
Ländliche, Naheliegende. Corot hatte ja auch, wie
alle seine Bewunderer sagen, in heimischer, naher Um-
gebung seine Bilder geschöpft, wenigstens vielfach. Aber
doch ist in ihnen eine Verklärung, und um Gotteswillen,
man möchte sie nicht missen, wir stellen Corot vielmehr
weit, weit über Daubigny, aber uns scheint, in der Weise
der „Natürlichkeit" hat Daubigny einen „moderneren"
Rang. Diese Rolle haben die Holländer, angeregt durch
Israels, ausgenommen und es verteilen sich ihre Kiinstler
aus die verschiedenen Zweige. Israels ist Meister ihres
gemütvollen Genrebildes; die Brüder Maris, Jacob
und Willem Pflegen Landschaft, Genre und Tierstück,
der Bruder Matthew, ein wenig aus der holländischen
Art geschlagen, ein Genre von einer etwas romantisch
gesteigerten Poesie; Mauve die Landschaft, allein oder

mit Tieren, Mesdag die Marine, und eine Unzahl von
Malern und einige Malerinnen, mit glücklichem Erfolg
alle, entschieden die besten „Ensembles" unserer Aus-
stellungen bildend, sind hauptsächlich auf den Gebieten,
die der Landschaft nahestehen, künstlerisch thätig. Während
von ihnen sich entfernend die jüngste holländische Schule
ihr Heil in Symbolismus, „Decadence"- Kunst u. s. w.
sieht und bisweilen findet, findet die jetzige holländische
Kunst ihre wahre Nachfolgerin nicht im Lande, sondern
jenseits der Nordsee, in Schottland. Angeregt erstens
durch ihren Genius selbst, dann angeregt durch die
guten französischen „Fontainebleau"-Bilder, die nach
Glasgow kamen und durch die dort in den öffentlichen
und Privatsammlungen reich vertretenen Holländer,
ist in Schottland die Schule der Jungschotten aufgestanden;
bei den Einflüssen, die auf sie wirken, ist freilich auch
des Amerikaners Whistler zu erwähnen; den hauptsäch-
lichsten aller Einflüsse aber übten neben dem eigenen
Genius die Holländer auf sie aus. Diese Schotten, die
man bekanntlich in München vor ein paar Jahren zuerst
kennen lernte und die einen wahren Taumel unter den
Künstlern Hervorriesen, — einen Taumel, der sich jetzt
zu legen beginnt, — taugen aber bei allen ihren glänzen-
den Eigenschaften, die verblüffen und in der That zuerst
ein Gefühl erwecken, als sähe man Plötzlich nicht ein
Genie, sondern ein Volk von Genies vor sich —- lange
nicht so viel, sind bei weitem nicht von der dauernden,
inhaltvollen, tiefgemütlichen Bedeutung ihrer Vor-
gänger, der jetzigen Holländer, deren noch frischem Nestor
wir ein langes weiteres Leben wünschen.

L.-O. München. Anläßlich des 25jährigen Wirkens als
Professor der Akademie bereiteten Studierende und viele Münchener
Künstler dem hochverdienten Kupferstecher und Radierer Joh.
Leonhard Raab am 15. Januar eine ganz außerordentlich ge-
lungene Jubiläumsfeier. Der Künstler ist 1825 zu Schwen-
ningen bei Nürnberg geboren, war erst Schüler von Carl Mayer
in Nürnberg, dann von Reindel, und besuchte von 1844 an die
Akademie in München. Nach vollendetem Studium siedelte sich
Raab in Nürnberg an, und wurde l 869 als Nachfolger Thäters
zum Lehrer der Kupferstecherkunst an der Akademie in München
ernannt. Seine Lehrtätigkeit daselbst war innerhalb des Biertel-
jahrhunderts eine überaus ersprießliche, außer einer Anzahl treff-
licher Kupferstecher und Radierer von Beruf (wie seine Tochter
Doris, Deininger, Schmidt, Stauffer-Bern u. a.) verdanken fast
alle die zahlreichen Münchener Maler, die mit so großem Geschick
die Radiernadel handhaben, dem Meister Raab Anregung und
Kenntniß der Technik. Biel hervorragende Kunstblätter sind unter
der emsigen Hand des Künstlers hervorgegangen und haben
meist eine ungeheure Verbreitung gefunden. Wir nennen nur
von Kupferstichen „Weinprobc" und „Morgenkuß" nach Flüggen,
„Luther verbrennt die Bannbulle" und „Anschlagung der Thesen"
nach Lessing, „Vor Gericht" nach Bautier, „Die Verlassenen auf
dem Tanzboden" nach Kindler, „Sturm" nach Jakob Becker,
besonders hervorragend „Madonna Tempi" und „Madonna
Foligno" nach Rasfael, dann mehrere nach Wilh. von Kaulbach,
Ramberg und viele andere. In den letzten Jahren hat Raab
sich mehr mit der Radierung befaßt, und auch da hervorragende,
feinfühlig nachempfundene Blätter geschaffen, so nach Knaus
(Schusterjunge), Feuerbach (Pietä), Porträts nach van Dyck und
das große Werk über die alte Pinakothek, sowie mehrere ausge-
zeichnete Porträts (Originalradierungen.) Doris Raab, die
Tochter und Schülerin des Meisters (geb. 19. Okt. 1851), hat sich
ebenfalls einen bekannten Namen gemacht, unter ihren Arbeiten
find „Die Verkündigung des Todesurteils der Maria Stuart"
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