Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Zusammengeinalt. von Wilhelm Herbert. — weihnachtsbücherschau.

an seiner Brust und was hätte dann noch alles Wehren
und Sträuben geholfen! Wenn sie doch laut aufschreien
würde — —

Aber der Maler!

„Mirzl!" wisperte der Sepp und sein heißer Atem
wehte ihr in das Gesicht, während er sich zu ihr hinüber-
beugte. „Schau, iatzt Hab' i d' Kurasch' kriagt auf amal!
Deine liab'n Äugerln san 's Schlüsserl g'wesen, dös hat
mir 's Herzkastl aufg'sperrt und iatzt kummt de ganz'
Lieb' 'raus! Schau, Mirzl, oft wann i auf 'm See
g'fahren bin oder auf 'n Berg ausig'stieg'n oder im
Wald 'ganga, da Hab' i 's laut 'naus g'sunga und g'juchazt:
,,D' Mirzl, d' Mirzl, — dös is dös schönst' Dirndl,
dös is mei' Stern und mei' Sonn', dös is mei' Himmi
und mei' Leb'n!" — aber da herin im Dorf und in
da Stub'n, wannst mi' so spöttisch ang'schaugt hast
und hast g'lacht über mi', da hat's mir d' Stimm' ver-
schlag'», da war mir der Hals zuag'schnürt, da Hab' i
nix 'raus'bracht! Jetzt aber bring' i 's 'raus und
es laßt si' nimmer halt'n! Sag', Mirzl, kannt'st
d' dein' Haß auf'geb'n gegen mi', kannt'st d' mir a wem'
guat sei', willst' mei' Weiberl wer'n?"

Sein Weiberl!

Mit beiden Armen wollte sie sich losreißen aus der
Gefangenschaft, um hinaufzulaufen in ihr Stübchen und
dort weinend vor Schande oder Glück — was wußte sie
in diesem Augenblick — laut aufzuschluchzen: „Sei'
Weiberl! Dem Leimsieder sei' Weiberl soll i' wer'n!"
Aber er ließ sie nicht frei, er forderte Antwort, er beugte
sich verdächtig näher und näher — —

Ah!

Da war's!

„Holla!" rief der Maler und fuhr auf. „Was
schnalzt denn so?"

Der Bursche aber Hielt leuchtenden Blicks das Mäd-
chen in den Armen, welches den Kopf an seiner Brust
verbarg vor Scham und — Seligkeit.

„A Bußl hat g'schualzt — mit Verlaub!" rief Sepp
jauchzend. „Der Mirzl Hab' i 's 'geb'n und das Brant-
bußl is's g'wes'n! Herrgott, Hab' i iatzt a Schneid'!"

Der Maler machte große Augen.

„Was?" schalt er. „So falsche Leute seid ihr?
Gerade Hab' ich das Trutzbildl fertig, auf dem ihr ein-
ander Köpfe anmacht wie zwei wilde Tiger, und jetzt
wollt ihr euch abbußeln und verlieben: Nichts da! So-
fort trag' ich das Bild zum Bürgermeister —"

„Halt! Halt!" schrie der Bursche und „Na, dös
derf uet sei'!" rief mit einem Angstschrei auch das
Mädchen und sah mit ihrem glühroten Gesichte den
Maler so flehend an, daß er einhielt und frug:

„Was? Das darf nicht sein? Ah, da schau her!
So redet jetzt die Mirzl, die noch vor einer Stunde
geschworen hat, daß es die ganze Welt wissen soll, wie
verhaßt ihr der Sepp ist! Glaubt Ihr, ich lasse mich
an der Nase hcrumsühren!"

Und wieder drängte er fort; die zwei Liebeslcute
aber umgaben ihn und rangen mit ihm und endlich hatten
sie das Bild erobert.

„Wia?"

Aber wie vom Blitz getroffen, standen sie starr und
schauten auf die Leinwand.

Was!"

„Ja, Maler", jauchzte Sepp „was hast denn du
g'macht, du Schlank!! Dös is ja d' Mirzl und i beim
Hochzeitstanz mit ananda —"

Herzlich lachend stand Renner vor dem verblüfften,
überglücklichen Paare. „O mei', o mei'!" sagte er.
„Glaubt ihr denn, ein Maler wäre so blind und läse
nicht besser und schneller wie ihr selber die Lieb' euch
vom Gesicht herunter? Das Hab' ich alles vorausgewußt;
darum Hab' ich euch gleich mein Hochzeitsgeschenk anfertigen
wollen — es ist freilich erst skizziert! — und Hab' euch
dabei, damit ihr euch verstehen lernt, so schön still „zn-
sammengemalt"!"

„Maler!" rief Sepp, „du kummst glei'nach nnserm
Herrgott selber! I möcht' dir just aa a Bußl geb'n!"

„Geh, geh!" lachte Renner. „Gieb's lieber der
Mirzl!"

Und fröhlich grüßend ließ er sie allein mit ihrem
Glück.

-»—-

Wechnachrsbücherschau.

vom Herausgeber.

I.

Wir beginnen unsere Übersicht wohl am zweckmäßigsten mit
den Fortsetzungen jener größeren und kostspieligeren Werke, wie
sie dem Mute der deutschen Verleger zur besonderen Ehre ge-
reichen. Und vor der Erfindung der Photographie oder vielmehr
des photographischen Farbendruckes zum weitaus größeren Teil
einfach unmöglich waren, kann man getrost hinzufügen, wenn
man z. B. das eben in Jahresfrist bereits in vierter Auflage
erscheinende Böcklin-Werk sieht, das seinen Erfolg trotz des
Preises von 100 Mark lediglich dem Umstande verdankt, daß es
den Künstler mit einer Unmittelbarkeit und sogar mit einem
Farbenreiz wiedergiebt wie es keiner früher gebräuchlichen Technik
auch nur annähernd zu erreichen möglich war. Dasselbe gilt
aber auch z B. von den „Handzeichnungen alter Meister"
aus dem Münchner Kupferstichkabinet, welche dessen Direktor
vr. W. Schmidt eben jetzt mit der 8. Lieferung glücklich zu
Ende geführt hat. (Münchener Verlagsanstalt für Kunst und
Wissenschaft. Pr. d. Lief. M. 60.) Auch hier werden die Zeichnungen
durch die Phototypie in allen ihren Eigenheiten, selbst des Papiers
wie des Zeichenstifts mit solcher Genauigkeit wiedergcgeben, daß
man oft schwören möchte, man habe das Original von Rembrandt,
Tintoretto oder gar von irgend einem altdeutschen Handwerksmeister
vor sich, der seine Pokale oder sonstigen Kompositionen mit spitzer
Feder mühsam hinkritzelte und die Lichter wohl auch mit Weiß
aufhöhte. Dergleichen Nachbildungen führen uns denn auch mit
solcher Unmittelbarkeit mitten in jene Zeit und die Art ihres
Schaffens hinein wie das Holzschnitt oder Kupferstich nur dann
zu erreichen imstande sind, wenn sie wie die Dürers oder Rem-
brandts vom Meister selber herrühren, also nur mit schwerem
Gelds zu erwerben wären. Und selbst da lernt man den persön-
lichen Charakter des Künstlers nie so genau kennen als wenn
man z. B. auf die vielen flüchtigen Rötelskizzen letzteren Meisters
in dieser Lieferung sieht, mit welcher Ungeduld er die ihm vor-
schwebende Komposition in ihren Hauptumrissen hingewühlt. —
Aber so, daß man den Autor fast immer beim ersten Blick
errät, selbst die uns doch fremderen Italiener wie Fra Bartolomeo
oder Franzosen wie Greuze.

Genau dasselbe gilt auch von den im gleichen Verlag durch
Ad. Bayersdorfer herausgegebenen „Zeichnungen alter
Meister aus den Uffizien in Florenz" (Preis 60 Mark),
nur daß wir hier noch ungleich wertvollere Blätter von Benozzo
Gozzoli bis Leonardo,-Michel-Angelo und Raffael erhalten,
nieist Studien und Entwürfe, deren Herkunft und Verwendung
Bayersdorfer oft mit nicht geringem Scharfsinn auf den im
Text klein beigedruckten und meist weltbekannten Bildern nach-
weist. — Hoffentlich findet das für die Kenntnis der florentinischen
Malerschule so außerordentlich belehrende Werk eine ausgiebige Fort-
setzung. Ihm parallel geht dann das bereits bis zur 12. Liefe-
rung gediehene, unter Leitung Bodes in demselben Verlag er-
scheinende Werk der „Denkmäler der Renaissance-Skulptur
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