Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Kunstlitteratur und vervielfältigende Kunst. — Die Kunst im Gause.

graphischer Blätter in Deutschland schon große Verdienste erworben
hat, bringt neuerdings die obengenannten sicilianischen Photo-
graphien aus den Markt. Zeichnen sich schon die „Ansichten" durch
eine überraschende Fülle interessanter Details aus, so möchten wir
doch die ganz besondere Aufmerksamkeit unserer Leser, namentlich
der Künstler unter ihnen, auf die figürlichen Freilichtstudien lenken.
Der nackte menschliche Körper wird in Hunderten von Positionen
gezeigt, welche durch einen besonders malerisch empfindenden Photo-
graphen gestellt sind. Es gewährt besonderen Genuß, die Wir-
kungen des sicilianischen Lichtes auf den schönen Körperformen
der dortigen Bevölkerung zu studieren. Es sind dies alles Blätter,
welche dem Künstler eine Fülle von Anregung gewähren werden.
Hugo Grosser in Leipzig hat auch sonst noch zahlreiche Photo-
graphien aus Italien. pssai

L. Secession. Eine Sammlung von Photogravüren nach
Bildern und Studien von Mitgliedern des „Vereins bildender
Künstler Münchens". (Erste Lieferung.) Berlin, Photographische
Gesellschaft. Daß die Münchener Secession ein bedeutsamer Faktor
im deutschen Kunsileben geworden ist, beweist neben den beiden
Ausstellungen in Berlin und München, die sie dieses Jahr ver-
anstaltet hat, die vorliegende Publikation. Denn nur einer lebens-
kräftigen und zukunftsreichen Institution kann man ein so kost-
bares Werk zu widmen den Mut haben. Den Wert der neuesten
Kunstbewegung richtig erkannt zu haben, das allein schon wäre
ein Verdienst der Verlagsanstalt gewesen. Aber sie hat dieser
ihrer Überzeugung auch in einer so vornehmen Form Ausdruck
gegeben, daß selbst dem verwöhnten Geschmack fast nichts zu
wünschen übrig bleibt. Das vor allen Dingen, was die Secession
mit allen Kräften anstrebt, nur künstlerisch zu wirken, alle Kunst-
ware von sich zu weisen, das tritt auch hier hervor: jedes Blatt
ist allein nach seinem künstlerischen Wert gewählt, keines ist vor-
handen, aus dem nicht ein ernstes und beachtenswertes Streben
zu erkennen wäre. Die Reproduktionen find musterhaft. Wer
imstande ist, sie mit dem Originale vergleichen zu können, wird
erkennen, mit welcher Sorgfalt und welchem Verständnis sie her-
gestellt sind und wie treu sie die Intentionen des Malers wieder-
geben. Es ist zu wünschen, daß das verdienstvolle Werk durch
die Teilnahme des Publikums gefördert werde.

A. Venturi, dluseo e Oalleris. Lorxllese. (Leipzig,
F. A. Brockhaus, 4^2 Mk.) Die bedeutendste Privatgalerie der
Welt, die berühmte Galleria Borghese zu Rom erhält hier einen
handlichen und gut ausgestatteten Katalog, nachdem von dem
gleichen Autor bereits Kataloge der Galeria des Campidoglio,
der Vatikans und der Farnesina publiziert worden find. Ter
Herr Verfasser adaptiert die Anordnung nach Sälen, wie die
Geinälde, Skulpturen rc. aufgestellt sind. Jedem aufgeführten
Werke ist eine kurze Erklärung beigegeben und der Katalog ist

mit einer Reihe von Lichtdrucken nach einigen Hauptwerken der
Galerie geschmückt. Das auch im Format recht praktische Buch
sei bestens empfohlen. Pso-if

D. Dt. O. Vogler. „Der Bildhauer Alexander Trippel
aus Schaffhausen". (Schaffhausen, Schoch. Preis M. 2.50.) Durch
seine, den Dichter ans der Höhe seiner Kraft fast allein würdig
darstellende berühmte Goethebüste ist dieser Künstler zu wohl-
verdientem Ruhme gelangt, obwohl man bisher recht wenig von
seinen übrigen Arbeiten und noch weniger von seinen Lebens-
umständen wußte, da er, früh von der Heimat ausgewandert es
wohl in Rom, wo er sich niederließ, zu großem Ruf brachte,
aber doch nach seinem frühen Tode, 1793, bald über seinen be-
gabteren Zeitgenossen Canova und Thorwaldsen, vergessen ward.
Dir. Voglers einsichtig geschriebenes und mit guten Lichtdrucken
der bedeutendsten Arbeiten des Künstlers versehenes Heft füllt
daher eine wirkliche Lücke in unserer Kunstlitteratur aus, wenn
es uns auch erklärt, daß der Schöpfer jener bis heute nicht er-
reichten, geschweige denn überbotenen Goethebüste es dennoch
nicht zu einer seiner Begabung entsprechenden Thätigkeit bringen
konnte. P446:

D. Dt. I. S. Raab. Hl. Cäcilie. München, Albert
(Preis M. lö.—). Diese Heliogravüre giebt ein Ölbild des
berühmten Kupferstechers wieder und stellt die Heilige dar, wie
sie auf der Orgel unter Begleitung von Engelchören, selig
phantasierend, vom Tod überrascht wird, der ihr in Gestalt eines
Engels naht. Selbstverständlich hat der Künstler auf der geäzten
Gravüreplatte noch manche Verbesserungen angebracht, so daß
das Blatt noch eine abgeschlossenere Wirkung hat, als sie das
Bild besaß und sich darum, wie ob seiner ansprechenden Kom-
position, besonders zur Zimmerverzierung vorzüglich eignet, wofür
es denn auch besonders empfohlen sein soll. p-sri

— Frankfurt a. M. Am 24. Oktober und an den folgen-
den Tagen versteigert Rudolf Bangel in Frankfurt zahlreiche
Gemälde älterer und moderner Meister, welche ehemals zu den
Sammlungen-der Herren Borgnis und Röhrig gehörten, ferner eine
Reihe Antiquitäten und kunstgewerblicher Arbeiten aller Zeiten.
Der Katalog umfaßt nahezu 1000 Nummern. Unter den Ge-
mälden finden sich Werke von van Aelst, Altdorfer, Berchcm,
Paris Bordone (Jo und Jupiter), Bril, Brueghel, Albrecht
Dürer (Bildnis), van Dyck, van Eyck (Kreuzabnahme), Guercino,
Hobbema, Hondekoeter, Honthorst, Mieris, Neer, Rubens, Teniers,
Weenix rc. flssi)

-Moderne Glaser.

von vr. I. Ltockbauer (Nürnberg).

rv^as kostet ein schöner alter Römer heute
auf dem Kunstmarkl? Je nach Form
und Gestalt 5—10 Mk. Und ein modernes
Römerglas? Bis zu l Mk. Was verursacht
nun die große Preisdifferenz? Die alten
Römer sind im ganzen selten und alles
was seltener ist, steht höher im Preise.
Außerdem sind die alten Römer ganz anders
hergestellt als die modernen. Jene wurden
zwar auch geblasen, aber der Fuß wurde
„gesponnen", d. h. er wurde in der Weise
hergestellt, daß ein vom Mittelteil des Glases
auslausender Glasfaden über eine Form
gezogen und gewunden wurde, bis der Fuß
die gehörige Länge hatte. Dieser aus enc-
aneinandergezogenen runden Glasfäden be-
stehende Fuß gab nun die herrlichsten Licht-
effekte, die dem modernen Römer fehlen,
weil dessen Fuß in einer Form geblasen
und hergestellt wird, die höchstens leichte
Einkerbungen und Rinnen zeigt.

Wie mit dem Römerglas verhält es sich
auch mit andern^ Da haben wir beispiels-

weise die altrömischen Gläser, die als wert-
volle Fundstücke in unsern Museen einen
bevorzugten Platz haben. Was zeichnet
denn diese antiken Gläser so besonders aus?
Abgesehen von ihrer eleganten Form ist es
ein auch dem Laien sofort auffallendes
Merkmal: der Henkel ist bei diesen Gläsern
ein wahres Kunstwerk. Der gewöhnliche
moderne Glasmacher legt sich für den Henkel
ein nudelartig ausgestrichenes und aus-
gewalztes Stück Glas zurecht, setzt dasselbe
am obern Rande des Gefässes an und zieht
es in mehr oder weniger schönem Bogen
bis an den Leib oder Boden, wo er es
wieder festmacht, nachdem er es zuvor schon
in passender Länge abgeschnitten hat. Der
antike Glaskünstler ging ganz anders zu
Werke: Er formte sich seinen Henkel in
mehr kunstreicher Weise. Dem untern,
dickern und schwereren Teil gab er gewöhn-
lich die Form eines lateinischen L und diesen
Teil setzte er — im Gegensatz zu unfern
Glasmachern — nicht am obern Rande,
sondern unten an, zog dann den Henkel
aufwärts und setzte ihn oben an, nachdem

er das Ende mehrfach in Wellenlinien ein-
und umgebogen hatte. Auf diese Art ge-
wann der Henkel eine besonders graziöse
Form, war oben mehr schwach und ver-
dickte sich mehr unten, wo er wie ein organi-
sches Gebilde aus dem Glaskörper hervor-
zuwachsen schien.

Die alten Glasmacher erscheinen uns in
den von ihnen noch erhaltenen Resten als
wahre Künstler, die für die formelle Ge-
staltung ihrer Produkte ein ganz wunderbares
Verständnis zeigten.

Neben der Form kommt bei den Gläsern
ganz besonders die Farbe in Betracht.
Man kann wohl mit einiger Sicherheit an-
nehmen, daß das Glas von Haus aus einen
Ersatz für Edelsteine bieten sollte und daß
vollkommen weißes Glas erst das Ergebnis
zahlloser technischer Versuche und Erfah-
rungen war. Ob die Glasgefäße rein und
farblos oder farbig sich darstellen sollen,
ist eine Frage ohne Bedeutung, denn beide
Arten haben ihre Berechtigung. Es kommt
eben alles auf den Zweck an, dem sie dienen.
Man wird Rheinwein nicht aus roten und
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