Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Lin.Meisterwerk künstlerischer
Ted erarbeit.

Von Vtto Schulze (Aö n a. Rb )

urückgreifend „auf unfern Aufsatz im
11. Heft: „Über geschnittene und ge-
triebene Lederarbeiten" möchten wir unfern
Lesern hierbei noch eine Arbeit vorführen.

die es redlich verdient hat, daß etwas von
dem Herzblut, das ihr Künstler und Ur-
heber zur Ehre Münchener Kunstgewerbes
in dem internationalen Wettkampf daran- '
gesetzt: mit Lorber und klingender Münze
ausgewogen wird. Die hier abgebildete
Arbeit ist ein Schmuck- und Dokumenten-
schrein, dessen gesamte Flächen aus ge-
schnittenem, gepuntztem und getriebenem
Leder mit leichter Linienvergoldung her-!
gestellt sind, während das struktive Gerüst
mit seinem entzückenden architektonischen >
und ornamentalen Beiwerk aus getriebener,
ziselierter und vergoldeter Bronze besteht.
Der ganze Aufbau erinnert uns wohl an
die prunkvollen Reliquienschreine zur Wende !
des 15. Jahrhunderts, aber doch ist die
Lösung eine freie, die selbst in der zwang-
losen Anlehnung hier zu einer köstlichen
Neuschöpfung gediehen ist. Wenn auch der
Künstler sich hier zu lateinischen Benen-
nungen verstieg, die uns die symbolisch-.
allegorischen Figurengruppen deuten sollen,
so können wir darin doch nur die vollste
Hingabe für die Durchführung des Werkes
nach Wesen und Form erblicken. Verstanden
doch die mittelalterlichen Künstler in ihrer
Arbeitsfreudigkeit für die Kirche oft weit
besser Latein als die Muttersprache. Und

mit heiliger Scheu das zur Schrift gehörige
Bild und die zum Bilde gewordene Schrift
! — das ist das Heilige, das Mystische, das
Undurchdringliche in den Wahnvorstellungen
des sich abmarternden Hirns. — Wir können
wohl die Schönheit des Ganzen auf uns
wirken lassen, aber volles Genießen fordert
volles Vertiefen — so geheimnisvoll ein

wo das Volk nicht lesen kann, betrachtet es
dem Äußern entsprechender kostbarer Inhalt,
so vielverheißend ist die prächtige Hülle.
Hinweisend auf das was das Leben fordert
und ausmacht, uns die teuersten Güter er-
ringen hilft, die hier verkörpert und ver-
brieft verwahrt werden sollen, sehen wir im
Hauptfeld unter dem reichen Spitzgiebel
eine Charitas die Menschenliebe versinn-
bildlichen. Links vom Beschauer steht Reli-
gion und Frömmigkeit, Stärke und Macht;
die geöffnete Thür entzieht uns leider die
Darstellung: Industrie und Handel, sowie
Fleiß und Arbeitsamkeit. Die gegenüber-
liegende Langseile enthält im Mittelfeld:
Die Wissenschaft; rechts davon: Musik und
Gesang, Geschichte und Weltkunde; links:
Malerei und Gewerbe, Dichtkunst und
Bildnerei. Die eine der Breitseiten enthält:
Jugend und^Alter, Häuslichkeit und Spar-
samkeit, Liebe und Tugend; die andere
Breitseite: Gerechtigkeit und Wahrheit, Krieg
und Frieden, Glaube und Hoffnung. Das
sind zusammen dreißig inhaltvolle Figürchen,
gleich liebevoll empfunden, gezeichnet, ge-
schnitten und getrieben, umgeben von reiz-
voll modellierten Metallblumen und -Ranken,
geschnittenen Ornamenten in Leder mit dem
zierlich durchbrochenem Beschläg an Griffen

I und Bändern, welch letztere aus blauem
Plüsch liegen, womit auch das Innere der
^ Kästen ausgeschlagen ist. Das sind Farben-
stimmungen, wie sie zum überwiegenden
Braun des „alt" behandelten Leders kaum
harmonischer, kaum satter gedacht werden
können.

Und so paradiert dies Meisterwerk, dem
der sich selbst nie genügende Künstler noch
andere hervorragende Arbeiten als: ein
Meßbuch und zwei Haus- und Familien-
chroniken beigegeben hat, auf der Welt-
ausstellung in Chicago, wo es — so wünsche
ich von Herzen — von einem reichen Dollar-
mann um die ausgeworfene Kleinigkeit von
5000 M erworben werden möchte. Ist es
doch heutigentags fast mehr als Lotterie-
spiel: auf eigene Faust und auf gut Glück
ein derartiges künstlerisch wertvolles, leider
unbestelltes Stück in die Welt zu schicken.
Könnte ich doch immer noch dringlicher die
Kauflust der lieben, guten, reichen Leute
wecken, damit besonders die deutschen Klein-
künstler etwas weniger fühlbar am Hunger-
tuche zu nagen brauchten. Was ist Lob,
was Begeisterung dem umkrallten Geld-
beutel gegenüber?!

Franz Xaver Weinzierl, Kunstmaler und
kunstgewerblicher Zeichner in München, ist
Entwerfer und Ausführer der aufgezählten
Arbeiten, an die sich hier noch ein abbild-
lich beigegebener Adressenband fügt, welcher
uns zeigt, daß sein Urheber auch in enger-
gezogenen Bahnen mit einfachen Mitteln
ansprechende Leistungen hervorbringt. Die
Illustration des herrlichen Dokumenten-
Schreines kann uns den Umfang der Arbeit
nicht zeigen, da muß das Maaß nachhelfen,
welches in der Länge 60, in der Breite 30 und
in der Höhe 50 cm beträgt. PWi;


Einbanddecke einer Adresse.

von Fr. 5k. Weinzierl.

Kassette in gotischem Slil. von Fr. F. Weinzierl.
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