Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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296 6I. Iahresausstellung der Xstional ^caäem)- ok vesiko in New Hork. — Die große Berliner Kunstausstellung ^89».

schon unzähligemal dem Publikum vorführt und in Aus-
führung und Auffassung schablonenmäßig wirkt. Ein
anderes großes Sittengemälde von Dielman aus der
amerikanischen Kolonialzeit „Hochzeit von Doktor Le Baron
mit der Puritanerin Mary Wilder" fand bereits einen
Liebhaber. Es ist solid gemalt, gut gruppiert, entbehrt
aber tieferer Charakteristik. Vermutlich beeinflußt durch
die Verkehrshalle der Chicagoer Weltausstellung, in
welcher die Entwicklung des Eisenbahnwesens durch
Modelle der alten Lokomotiven und Waggons veran-


Junggesellen-Weihnachken. von Karl Hartmann.

Große Berliner Kunstausstellung 1894-
sshotograpdieverlag der Photographischen Union in München.

schaulicht wurde, entstand das Bild „Eröffnung der
ersten Eisenbahn im Staate New Jork 1831" von
E. L. Henry, eine amerikanische Sittenschilderung voll
liebenswürdigem Humor, in Farbe, Auffassung und
Zeichnung gleich gut. Will H. Low ist mit einer
Nymphe „Echo" vertreten, an welcher die Beleuchtung
das beste ist, Chase außer mit einer gediegenen Land-
schaft „Fliehende Wolken" mit der Studie eines jungen
Mädchens, die alle Vorzüge dieses hochbegabten Meisters
aufzuweisen hat. D. Huntington, der älteste unter
den Akademikern (mit Ausnahme des neunzigjährigen

Cummings, der aber nicht mehr künstlerisch ckhätig
ist), steuerte zu dieser Ausstellung ein für die Akademie
bestimmtes Selbstporträt und das kräftig wirkende Bild-
nis des Gründers der Kinderschutzgesellschaft C. Loring
Brace, Caroll Beckwith das flott und keck hingeworfene
des Schriftstellers Janvier bei, der wie ein richtiges
Mitglied der Boheme erscheint. Von Frank Fowler
sieht man eine sehr charakteristische Studie des genialen
und verbitterten Dana, des Herausgebers der New
Parker Zeitung „Sun", von Vinton denklugen, zähen
Pankeekopf eines ehemaligen Bostoner Akayors.

Reichlicher und besser als sonst ist das Tierbild
vertreten, darunter Katzenstudien von Dolph, Schaf-
bilder von Tait, „Ein junger Holsteiner Ochse" von
W i g g i n s.

In der Landschaft haben diesmal die älteren Herrn
viel und bedeutendes zu sagen. Morans „Venedig im
Nebel" erinnert in der poetischen Behandlung an Turner,
sein „Sonnenaufgang nach dem Sturm" ist ein treffliches
Marinebild, sein „Golden Gate im Pellowstone-Park"
imponiert durch große Auffassung einer gewaltigen Natur.
Treffliche Seestücke sind von Parton und Richards,
dann die „Neuenglandküste" von De Haas.

Rühmend erwähnt zu werden verdienen „Herbst"
von Krusemann van Elten, „Ein koloniales Heim"
von Wardsworth Thompson, „Lake Dunmore"
von Bristol, „Zwielicht" von Minor, „Ufer des
Blue Mountain Lake" in den Adirondacks von Ferguson,
„Ein Waldspiegel" von Shurtleff. „Morgennebel"
von Minor wäre eines Corot nicht unwürdig. „Sonnen-
aufgang im Walde" zeigt alle die Frische des voriges
Jahr erwähnten Frühlingsbildes von Henry S. Smith
und eine größere Sicherheit in der Technik.

Die grosze Berliner Aunstaufstellung

1894.

von Dr. Relling (Berlin).

H-*) Nachdruck verboten.

eitdem cs in Berlin Kunstausstellungen giebt, pflegt
man sie mit bequemem Witz Porträtausstellungen
zu nennen. Der diesjährigen könnte man denselben
Spitznamen anhängen. Doch aber sind diesmal die
Porträts keineswegs der lebendste Teil der Ausstellung,
und mehr wie in früheren Jahren wird die stereotype
Ausdruckslosigkeit der porträtierten Männlein und Fräulein,
die von allen Wänden herabsehen, unangenehm empfunden.
Merkwürdig, daß sich in Berlin die hübschesten und reiz-
vollsten Damen am seltensten malen lassen und von den
Herren zumeist die, die so aussehen, als ob sie von den
Zeitungen besonders die letzte Seite schätzen, auf der
die Kursberichte stehen. Die gleiche, dem Gold nach-
jagende Beschäftigung giebt den Gesichtern einen keines-
wegs veredelten gleichmäßigen Ausdruck. Ob nicht häufig
die schmeichelnde Aussicht, während mehrerer Monate im
Bilde von den Berlinern angestaunt zu werden, bei
manchem Porträtauftrag schwer ins Gewicht fällt? Tie
Langmut der Besucher bewundere ich am meisten, die

-y I. siehe Heft 18.
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