Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Von German kselferich. — Personal- und Ateliernachrichten. — Denkmäler.

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steigerten Kunstempfindens. Sein Meister Whistler
hat eine Anzahl von Marinen ausgestellt, in denen
das Thema einer blauen See mit weißen Wellenkämmen
in natürlich höchst talentvoller, ja weit über das, was
man talentvoll nennt, sich erhebender Weise behandelt
wird, aber es sind Arbeiten, die der Leser sehen müßte,
um von dem Accent, der sie durchbebt, eine Vorstellung
zu erlangen. Und ferner hat er drei Porträts in der
Ausstellung, einen Herrn in Lebensgröße, den Grafen
Robert von Montesquieu, ein Bildnis in mittlerer Ver-
kleinerung, die Madame S., und ein ganz, ganz kleines
Bild in Braun und Gold, die Lady E. darstellend, ein
Bild, vor dem man auf den Knien liegen müßte, ein
so großes malerisches Wunder ist es.

Ter Präsident der Gesellschaft, der ausgezeichnete
und poetische Maler Puvis de Chavannes ist nicht
so gut wie sonst vertreten mit einem Bilde, das der
Verherrlichung Victor Hugos geweiht ist. Der Maler
und Radierer Tissot hat eine Riesenausstellung von
meist kleinen Bildern aus dem neuen Testament ver-
anstaltet, eine unendliche Sorgfalt, ethnographische Treue
und Hingebung an die Aufgabe mit einem nicht ge-
nügenden Erfindungsreichtum und, wie mir scheint,
trockener und peinlicher Arbeit verbindend.

* Dresden. Eine Kommission zur Erhaltung
der Knnstdenkmiiler tritt in Sachsen aus Verordnung des
Ministeriums des Innern am l. Oktober in Thätigkeit. Sie
wird fünf Mitglieder umfassen, darunter den Verfasser des
sächsischen Jnventarisationswerks (jetzt Prof. vr. Cornelius
Gnrlitt). Die Kommission hat Gutachten abzugeben über Be-
seitigung, Erhaltung und Wiederherstellung von Kunstdenkmälern,
sowie über Gesuche um Staatsbeihilfe im letzteren Falle; sie hat
ferner die Kuustdeukmäler im Lande zu beaufsichtigen und Rat
zu deren Schutze zu erteilen und hat endlich die Inventarisation
der Kunstwerke weiter zu leiten. Dabei hat die Kommission das
Recht, an die Verwaltungsbehörden erster Instanz unmittelbar
zu verfügen. INS«)

tr. Düsseldo rf. Eine interessante Arbeit hat der Kupfer-
stecher Joseph Kohlschein jetzt unternommen; er hat nach der
Vollendung seiner großen Platte der Raffaelschen Madonna di
San Sisto mit den Vorarbeiten zu einem Kupferstich nach Johann
Peter Hasenclevers „Weinprobe", eines der besten Werke des
größten Humoristen unter den Düsseldorfer Genremalern und
einer Perle unserer städtischen Gemälde-Galerie, begonnen. Das
Urheberrecht an den Bildern Hasenclevers, welcher 1853 hier starb,
und 30 Jahre nach seinem Tode den Rechtsnachfolgern des Meisters
verblieb, ist seit 10 Jahren erloschen und seine Werke jetzt für
die Vervielfältigung frei. Man ist in den Kreisen der Kunstfreunde
sehr gespannt auf den Ausfall dieses Unternehmens Kohlscheius,
der bisher nur klassische Äilder älterer Meister, Gemälde von
Raffael, Murillo und Paul Veronese, sowie Bilder der Nazarener
Franz Ittenbach und Karl Müller gestochen hat, und es ist von
großem Interesse für die Verehrer des ausgezeichneten Kupfer-
stechers, die Art und Weise kennen zu lernen, wie er seinen Stich
nach einem Genrebilde Hasenclevers behandeln wird. Das Bild
des verstorbenen Meisters, in dem sein goldener Humor und sein
malerisches Können, wie seine gute lebensvolle Charakteristik sich
in vorzüglicher Weise ausspiicht, wird durch einen guten Stich
Allgemeingut werden. 1322»!

— Karlsruhe. Die unter dem Protektorate der Frau
Großherzogin Luise von Baden stehende Malerinnenschule in Karls-
ruhe (Westendstraße 65, Vorstand Otto Kemmer und Max
Roman) versendet ihren neunten Jahresbericht. Aus demselben
ist ersichtlich, daß der Besuch während des verflossenen Jahres ein
sehr erfreulicher gewesen ist, so daß Hilfsateliers beschafft werden

mußten. Die hohe Protektoriu hat durch wertvolle Schenkungen
und rege Teilnahme ihr lebhaftes Interesse fortdauernd bekundet.
Die figürliche Malklasse leitet Prof. Kaspar Ritter; Hilfs-
lehrer ist Maler Georg Tyrahn. Für die Kunstgeschichte wurde
Or. Winterberg gewonnen. Professor W. Krauskopf hat
eine Radierklasse eingerichtet, welche er unter Assistenz von
W. Pahlmann leitet. Das X. Studienjahr von^ 1804/95 be-
ginnt am 1. Oktober. Anmeldungen sind bis 15. September an
den Vorstand zu richten. IZw,;

— Karlsruhe. Dem erfolgreichen Vorgänge anderer
Kunststädte entsprechend, hat sich auch hier neuerdings ein „Verein
für Original-Radierung" gebildet, der jährlich ein Heft mit acht
bis zehn Originalradierungen hiesiger Künstler herauszugeben
beabsichtigt. Im Vorstände des jungen Vereins, dem wir ein
herzliches viv-n görest crescst zurufen, befinden sich u. a. der
Prof, der Radierkunst an der hiesigen Kunstakademie W. Kraus-
kopf, die Meister Ferdinand Keller, G. Schönleber und P. v.
Ravenstein.

k. Brauuschweig. Die frühere Howaldtsche, ,ett drei
Jahren vom Erzgießer'Rinkleben betriebene Knnstwerkstätte,
aus der seit Jahren so viele in Kupfer getriebene und in Erzguß
hergestellte plastische Werke hervorgegangen sind, hat auch >n
neuerer Zeit wieder eine lebhafte und erfolgreiche Thätigkeit ent-
faltet So sind unter anderem für das neue Dresdener Akademie-
gebäude nach den Modellen von Professor Henze die drei
Kolossalfiguren der Nike, des Eros und des Phantasos geliefert,
und cs kommen demnächst die Schmuckstücke zur Ausführung, die
für die zur Erinnerung an das vor zwei Jahren gefeierte Wettin-
Jubiläum zu errichtende 20 m hohe Ehrensäule in Dresden be-
stimmt sind. ^ , lE'

— Stuttgart. Zum Nachfolger von Egles als Direktor
der Stuttgarter k. Baugewerksschule wurde Professor Walter
ernannt, welcher seit über drei Jahrzehnten an der Anstalt thätig
ist und sich als Architekt einen Namen gemacht hat. l^^I

— Gestorben. In Paris am 1. Juli der Bildhauer
Jean Carries, 38 Jahre alt. Er beschäftigte sich in den
letzten Jahren erfolgreich mit Keramik. Ebenda nahm sich der
Bildhauer Paul Lecreux (genannt Jacques France) im Alter
von 68 Jahren das Leben. — In Lissabon ist der bedeutendste
portugiesische Bildhauer Viktor Bestos im Alter von 72 Jahren
gestorben. Zuerst Maler, dann Bildhauer, hatte er einen Haupt-
erfolg mit der Erzstatue Dichter Camoens in Lissabon. — Baron
Bethune, ein hervorragender Kenner der christlichen mittel-
alterlichen Kunst, starb am 18. Juni, 74 Jahre alt, auf seinem
Schlosse Marcke bei Gent. Er ist der Neubegründer christ-
licher Kunst in Belgien und Schöpfer der sogenannten St.
Lukas-Schulen zur Heranbildung von Kunsthandwerkern, ^isof

— Bei Redaktionsschluß erreicht uns die tiefbetrübende Kunde
von dem Hinscheiden des um die Kunst, speziell um die Münchener,
so hoch verdienten Professors Bruno Pigl Heins. Er starb am
15. Juli morgens nach längerem Kranksein in München, 47 Jahre
alt. Die „Kunst für Alle" wird im nächsten Hefte auf seine
künstlerische Bedeutung eingehend zurückkommen. lS434I


— Berlin. Die Bedingungen für den Wettbewerb um
das Berliner Bismarck-Denkmal sind nunmehr bekannt ge-
geben. Das Denkmal soll bekanntlich vor der nach dem Königs-
platz gerichteten Hauptfront des Reichstagsgebäudes errichtet
werden. Der Platz dazu soll durch eine stattliche Treppenanlage
vom Königsplatz her zugänglich gemacht werden. Bekanntlich wird
das Standbild in Bronzcguß ausgeführt werden und den Fürsten als
Reichskanzler in der bekannten Kürassier-Uniform darstellen. Hieran
ist der ausführende Künstler unter allen Umständen gebunden.
Dagegen wird man die Motive für die künstlerische Durchbildung
des Sockels, seine Abmessungen und die Wahl des Materials dem
freien künstlerischen Ermessen überlassen. Zwei Modelle sollen
für die Bewerbung verlangt werden: ein Modell des Stand-
bildes zusammen mit dem Postament, wobei die Figur des
Fürsten selber eine Höhe von 60 Ceutimcter haben soll, und ein
Modell des ganzen Denkmals mit der Treppen- und Rampen-
anlage im Maßstab von 1 :25. Nur Künstler, welche die deutsche
Reichsangehörigkeit besitzen, können sich an der Preisbewerbung
beteiligen. Spätestens am 1. Juni 1895 müssen die Modelle
eiugeliefert sein. Dem Preisgericht, das aus 10 Mitgliedern be-
stehen wird, sind an Geldern für die Preise 80 000 Bl. zur Ver-

§2

Die Kunst für Alle IX.
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