Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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ZI2 Eindrücke von den Pariser Salons. Von Hermann Helferich. — Die große Berliner Kunstausstellung 189-4.

Der Erstgeborene. Von lVilhelm Balmer

alten englischen Porträtisten lehnt. Eugene Chigot
hat „Toulon" gemalt, riesengroß, doch keineswegs gut.
Ihm gegenüber hängt das große Bild Bonnats, von dem
wir schon gesprochen haben.

Es ist in diesem Salon kein Mangel an recht guten
Bildern. Wenn man Beauverie und Petitjean nennt,
erwähnt man recht gute Landschaftsmaler, John Henry
Bacon malte ein gutes Genrebild „Die junge Witwe".
Eine sympathische Arbeit ist das Bildnis einer Kranken-

pflegerin von Joseph Aubert, das den, Kranken-
pflegerinnen so eigentümlichen, zarten Teint zeigt. Jean
Veber brachte ein Bild von koloristisch hervorragendem
Wert: eine junge Frau in einem rosa Kleide, blaue
Bänder hängen von ihrem Hute nieder, steht im Baum-
schatten vor einer Wiese, die im vollsten Sonnenlichte
eine Unzahl roter Blumen zeigt. Dies Bild ist besonders
im Hintergrund sehr gelungen, wo es so reich an Ton
ist, daß man an die farbentrunkensten Arbeiten Böcklins
erinnert wird. Joseph Wenckers „Diana" ist ein sehr-
sorgfältiges fleißiges Studium nachzurühmen, die Haltung
ist wohl etwas konventionell. Dies Bild ist eins von
denen, die nur in Frankreich gemalt werden. Nur in
Frankreich lernt ein Schüler so viel. Wencker ist aber
dennoch kein Maler, der verdient hat, daß ein Bild von
ihm im Luxembourg-Museum hängt. Raphael Collin,
der im Luxembourg-Museum ein so sehr zartes, dabei
frisches Frauenbild hat, ist im Salon mit einem gleich-
falls zarten, doch weniger frischen Frauenbilde vertreten.
Ein sehr inniges, reines, empfundenes Bild ist der
heilige Joseph, der ein Unterkommen für die Jungfrau
sucht, von Guy Rose. Reizend ist die Gruppe von
Kindern beim Tischgebet, während die Kindermädchen
um den Tisch herumstehen, von Lorimer. Dies Bild,
vom französischen Staat angekauft, gehört zu den wahr-
haft glücklichen Erwerbungen. Henri Martin, der
in den letzten Jahren zu ziemlichem Ansehen gekommen,
auch bei uns in Deutschland durch eine Sonderausstellung
von sich reden gemacht, ist dies Jahr schwach vertreten.
Munkacsy, Brozik treten nicht eben glücklich auf.
Eins der am meisten bewunderten, aber nicht besten
Bilder ist von Roybet; eine Marketenderin in einer
Gruppe von Landsknechten malte er lebensgroß. Es ist
ein etwas in das Genre von Frans Hals hineinempfundenes
Bild von ziemlich unwahrer Heiterkeit und von einer
Bravour, die man nicht mit wirklichem Behagen genießt,
weil sie nicht einfach genug ist.

Die grosze Berliner LrunstauKstellung 1894.

von l)r. Relling (Berlin).

etzen wir einmal den Fall, es hätte jemand vor
zwanzig Jahren Berlin verlassen, um im hintersten
Hinterindien zu Hausen. Keine deutsche Zeitung oder
Zeitschrift, die ihn über unser Kunstleben hätte unter-
richten können, hat ihn in den ganzen zwanzig Jahren
erreicht. Jetzt ist er zurückgekommen und ein erster
Gang führt ihn in die Kunstausstellung, die er unbefangen
und ohne Ahnung dessen, was sich mittlerweile etwa er-
eignet hat, betrachtet. Dieser hinterwäldlerische Besucher
wird auf dieser Ausstellung, falls ihm die Erinnerung
an die vor zwanzig Jahren gesehenen Bilder geblieben
ist, keine inzwischen angenommene Änderung in der Malerei
bemerken. Wie er vor zwanzig Jahren die National-
galerie verlassen hat, so findet er jetzt die Ausstellung
wieder. Daß es etwas giebt, was man die moderne
Richtung nennt, merkt man in ihren Sälen nicht. Ich

») II, siehe Heft 19.

glaube nicht einmal, daß die Jury so peinlich die bösen
Böcke von den frommen Schafen ferngehalten hat. Wenn
die Jury sich so ganz einseitig in den Dienst einer
Richtung gestellt hätte, so würde das laute Murren der
Geschädigten wohl nicht zu dämpfen gewesen sein. Nein,
es wird hier zweifellos weniger im neuen Stil ge-
arbeitet. Denn wir Deutsche fürchten bekanntlich sehr
viel mehr als Gott, und wer in Berlin Maler ist und
mit dem Verkauf seiner Bilder rechnen muß, der ist
namentlich geneigt, auszuspähen, was im Geheimrats-
viertel anerkannt wird und was dort verpönt ist. Eine
besonders seine Spürnase gehört nun keineswegs dazu,
um herauszukriegen, daß da, wo die Geheimräte den
Börsianern gesegnete Mahlzeit wünschen, die Alteherren-
malerei wegen ihrer angeblichen politischen Harmlosigkeit
als allein kunstberechtigt angesehen wird. Es ist also vor-
teilhafter, so zu malen. Nun habe ich gar nichts gegen
die alten Herren, soweit sie etwas können. Aber ihre
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