Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die Kongresse zu Nürnberg und München.

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zutauschen, so lange unberücksichtigt bleiben konnte. Als
erster Erfolg des Nürnberger Kongresses muß es dem-
nach bezeichnet werden, daß eine Stabilisierung desselben
im Turnus von zwei Jahren als notwendig erkannt
wurde: infolge freundlicher Zusagen von Kölner Kollegen,
wurde Köln als nächster Kongreßort bezeichnet und zwar
ausnahmsweise schon für das nächste Jahr. Den wich-
tigsten Gegenstand der dreitägigen Verhandlungen bildete
die Gründung eines Instituts für neuere Kunstforschung
in — Florenz. Ter Referent Prof. Zimmermann-
München, setzte sich für Florenz als einzig passenden
Platz besonders ein, obwohl sich auch Stimmen für
andere oder gar mehrere Plätze erhoben. Das zu
gründende Institut soll jungen Kunsthistorikern, haupt-
sächlich jenen, die das erstemal nach Italien kommen,
eine Stätte zur Erleichterung ihrer Studien bieten und
würde zur Erreichung des Zieles die Anschaffung einer
umfassenden Fachbibliothek und einer möglichst reichen
Photographiensammlung vor allem notwendig sein. Das
Institut soll deutschen Charakter haben, ohne Ausländer
auszuschließen; im Gegenteil, dieselben sind willkommen,
wenn sie sich an den Auslagen und der Einrichtung des
Instituts beteiligen wollen.

Genau dasselbe wurde drei Tage später zu München
auf dem Kongresse für Maltechnik beschlossen; auch die
Maler wollen sich dem Drange der Zeit folgend assortieren
und mit vereinten Kräften ein Ziel anstreben, welches
dem Einzelnen unerreichbar ist. Tie „Versuchsstation"
so lautet ihre Parole und bei der ganzen Debatte des
zahlreich von befreundeten Bundesstaaten und aus-
wärtigen Regierungen beschickten Kongresses klang das
Verlangen nach einer solchen Station durch; auch in
München wie in Nürnberg war man sich darüber klar,
daß vor allem Unabhängigkeit von einem bestimmten
Staate notwendig ist, damit die anderen Staaten resp.
die Regierungen ihr Scherflein beitragen könnten; in
beiden Kongressen kam man schließlich auf den gleichen
Standpunkt, der Staat hätte zwar zunächst die Pflicht
und auch das größte eigene Interesse an der Sache, aber
es muß der Anfang durch Privathilfe gemacht werden,
wie es s. Z. bei dem archäologischen Institut in Rom
und der zoologischen Station in Neapel der Fall war.

Man einigte sich in Nürnberg dahin, ein Rund-
schreiben nebst Aufforderung zur Subskription zu erlassen
und in München wurde eine Resolution beschlossen,
welche die größere Berücksichtigung des rein technischen
Unterrichts an Kunstakademien und Kunstgewerbeschulen
befürwortet und wurde zu diesem Zweck die Errichtung
von Laboratorien, Werkstätten, in welchen Sachverständige,
Chemiker und Maler gemeinschaftlich thätig sind, em-
pfohlen. Eine ack boc eingesetzte, vielköpfige Kommission
soll in Bälde Vorschläge im Detail machen; aber dieses
Detail besteht eben in der Gründung einer einzigen
großen technischen Vcrsuchstation, in der Erweiterung der
schon vorhandenen, von der Gesellschaft für rationelles
Malverfahren geschaffenen, welche durch ausgiebige Hilfe
von allen interessierten Staaten erst in die Lage kommen
kann, die vielen Probleme zu lösen, welche zu einer
rationellen, wissenschaftlich begründeten Maltechnik führen
soll; die Empirie muß dabei ebenso ihr Recht bean-
spruchen, wie die reine Theorie der Physik und Chemie.
Von Apelles bis Rembrandt hat nur die Empirie Erfolge
gehabt, aber damit ist man heute nicht zufrieden. Man

begnügt sich nicht mit der Thatsache, daß die Sonne —
scheint, man will auch wissen, wieso und warum sie
es thut!

Über den äußeren Verlauf des Nürnberger Kongresses,
welcher von Prof. Lützow-Wien und Direktor Bösch
vom Germanischen Museum präsidiert wurde, ist noch
zu erwähnen, daß die Stadt Nürnberg die Teilnehmer
durch die Prägung einer besonder» Medaille ehrte; von
Vorträgen, welche sich den Sitzungen anreihten, seien
hervorgehoben: Prof. Dietrichson-Christiania über
nordische Holzarchitektur und die Bauten des kaiserlichen
Jagdschlosses in Rominten; Prof. Neuwirth-Prag
über das mittelalterliche Krakau; Prof. Wauters-
Brüssel über den Geburtsort des Hans Memling,
welcher nach den bezüglichen Forschungen ein Bayer aus
dem Orte Memmelingen bei Mainz, also ein Deutscher ist.
Maler Ernst Berger-München führte sich durch eineu
Vortrag über die Entwicklungsgeschichte der Maltechnik
im Altertum ein und hielt denselben Vortrag mehr von
der technischen Seite beleuchtet auf dem Münchener Kon-
gresse mit gleichem Beifall und allseitiger Anerkennung.
Wir haben über diese Forschungen und die bemerkenswerten
Ergebnisse derselben bereits berichtet und verweisen auf
die bezügliche Notiz über die Ausstellung für Maltechnik
in München. (K. f. A. VIII, 22).

Was den Münchener Kongreß so überaus reizvoll
machte, waren die technischen Versuche, welche in der
Ausstellung für Maltechnik selbst vor allen Teilnehmern
gemacht wurden und möchte ich die Behauptung auf-
stellen, daß ein so anregender Vortrag über das Malen,
wie ihn Prof. v. Lenbach, der Präsident des Kongresses,
mit daranschließenden technischen Proben des Meisters
selbst, gehalten, auf keinem Kongreß ein Gegenstück haben
dürfte. Daß der berühmte Porträtmaler und wie er
die Geheimnisse seiner „Palette" ohne jede Kleinlichkeit
ack oculos demonstrierte, wird allen Teilnehmern un-
vergeßlich bleiben. Den Bestrebungen der beiden Kon-
gresse seien die besten Erfolge gegönnt! L. IV.

6. Berlin. Von der Akademie. Der Präsident der
Akademie, Professor Carl Becker hat einen längeren Urlaub
zu einer Studienreise nach Oberitalien, das ihm wiederholt zu
seinen Werken die interessantesten Motive bot, angetreten. —
Gleichzeitig auf längeren Urlaub ist der erste ständige Sekretär
der Akademie, Geheimer Regierungsrat Or. Dohme gegangen;
seine Vertretung geschieht durch den Kunstgelehrten, Professor
Or. Hans Müller. — Die Amtsdauer des Direktors der
akademischen Hochschule für die bildenden Künste, Professors
Anton von Werner lief mit Ende September d. Js. ab.
Durch Allerhöchste Entschließung vom 21. August ist sie den Be-
stimmungen des Statuts der Akademie entsprechend auf weitere
fünf Jahre verlängert worden. Herr von Werner steht bereits
seit 1875 an der Spitze des vornehmsten Unterrichtsinstituts der
Akademie, das während des dem Schadow'schen Direktorat
folgenden Interregnums auf eine ziemlich niedrige Stufe herab-
gesunken, durch seine rastlosen Bemühungen eine hervorragende
Stelle unter den Kunstschulen Deutschlands einnimmt. — In
den Lehrkörper der Hochschule ist als Nachfolger des ausgeschie-
denen Lehrers für Kostümkunde, Professors August von Heyden,
der Maler Gustav Guthknecht vom 1. Oktober d. Js. ab
berufen worden. -2sos;

H Merseburg. Die Ausführung des dem Kaiser Friedrich
Hierselbst zu errichtenden Denkmals ist dem Bildhauer Professor
Emil Hundrieser in Charlottenburg übertragen worden.
Nach der Skizze, die dem Komitee Vorgelegen, wird der Kaiser in
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