Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Oon Karl woermann. — Karlsruher Kunstleben.

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durch Italiener war. Dürer war nur
deshalb Dürer, weil er durch und durch
Deutscher war. Rembrandt war auch nur
deshalb Rembrandt, weil er durch und
durch Niederländer war. In schöpferischer
Beziehung muß jeder im eigenen Boden
wurzeln und seiner Eigenart treu bleiben.

Die Nachahmung Raphaels hat schon Un-
heil genug in der Kunst angerichtet. Auch
die sixtinische Madonna hat in dieser Be-
ziehung kein Vorrecht. Eine gewisse
Schwäche bleibt es freilich trotzdem, wenn
ein Künstler nicht imstande ist, einem unter
anderer Sonne gereisten Kunstwerk gerecht
zu werden, ohne sich selbst aufzugeben.

Lernen kann schließlich jeder von jedem,
und wäre es auch nur, daß er seine Eigen-
art in derjenigen eines anderen klarer er-
kennen lernte. Aber darauf will ich nicht
hinaus.

Die Hauptsache bleibt, daß die
Künstler doch nicht nur zur Belehrung für
andere Künstler, sondern zur Freude und
Erquickung der ganzen Welt schaffen; und in dieser Beziehung erkennt die Welt noch keine geistigen Zoll-
schranken an; das Recht, ihre Meisterschöpfungen gegenseitig anzuerkennen und zu genießen, werden wenigstens
die europäischen Völker untereinander sich nicht verkümmern lassen. Vor hundert Jahren hätte man mit Be-
merkungen dieser Art die offensten Thüren eingerannt; in unserer Zeit des alle Völker ergreifenden, alle Verkehrs-
gebiete umfassenden, sich immer enger einspinnenden Nationalismus mögen sie nicht überflüssig erscheinen. Ein
Gleichnis macht vielleicht am klarsten, worum es sich handelt. In Bordeaux wächst kein Rüdesheimer, an der
Mosel wächst kein Portwein, am Main kein Marsala. Der rheinische Weinbauer mag sich anstrengen so viel er will,
er wird doch keinen Montefiaseone oder keinen Chateau Lafitte erzeugen, und der Weinbauer am Strande des
Tiber oder der Garonne würde sich vergebens abmühen, wenn er einen Liebfrauenmilch-Stiftswein oder einen
Johannisberger Kabinettswein zustande zu bringen versuchte. Aber folgt daraus, daß dem Italiener kein
Burgunder, dem Deutschen kein Südwein, dem Franzosen kein Rheingauer munden dürfe? Die Erfahrung lehrt
das Gegenteil. Der Norddeutsche, der gar keinen Wein baut, hat sogar eine entschiedene Vorliebe für französische,
spanische und italienische Weine und keine Schranken werden ihn hindern, sich an ihnen zu erquicken und zu erwärmen.

Man lehre also keinen deutschen Künstler wie Raphael, keinen französischen Künstler wie Dürer, keinen
italienischen Künstler wie Rembrandt malen zu wollen! Aber man lasse dem Nordländer deshalb doch die
Freude an der südlichen Schönheit, die ihm tief im Blute steckt! Keine Theorien der Welt werden die unbefangene,
schönheitsfrohe Mehrheit der deutschen und aller übrigen Völker daran hindern, sich an der Kunst Raphaels
zu erquicken und zur sixtinischen Madonna in Dresden zu Pilgern, um sich an ihrem Anblick zu erfreuen, zu
erbauen und zu erheben.

ÄarlFruher Piunstleüen.

von P. schulhe-klaumburg (München).

i>ichts ist konservativer, als alte im Volke eingewurzelte
Vorurteile. Die Scheu vor den „Pleinairisten",
der „neuen Richtung" und — borribils ckictu — gar
den bösen Secessionisten steckt so tief, daß wohl noch Jahr-
zehnte vergehen mögen, bis diejenigen zutraulicher geworden
sind, die nicht zu den wenigen Auserwählten gehören.
So geht's mit dem Renommee des Künstlers, einer ganzen
Richtung und auch ganzer Städte. Obgleich die künst-
lerische Produktion Karlsruhes nächst München gewiß die
frischeste und gesundeste Deutschlands ist, hört man die-
selbe doch meistens an sechster oder siebenter Stelle nennen.

Das war einmal so zu Lessings und Schirmers Zeiten und
wird vermutlich noch etliche Dezennien dauern. Man
weiß auswärts zwar, daß ein Schönleber und Baisch die
dortige Schule leiten, daß eine Unzahl der besten jüngeren
Künstler aus ihr hervorgegangen sind, daß der Zuzug
von außen ständig wächst — aber das hindert nicht, daß
der stolze Name der Kgl. preuß. Akademie der bildenden
Künste weit mehr imponiert, als derjenige der beschei-
denen Kunstschule zu Karlsruhe. Nun, wenn es der
Name thut — dem wäre jetzt abgeholfen, denn seit
Jahresfrist hat auch sie ihren deutschen Namen abgelegt
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