Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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von Wolfgang von (Dettingen. — Die internationale Jubel-Ausstellung in Wien.

Kultus Geforderten gehalten. Sollen wir auch an diese
Ausstellung einen Wunsch knüpfen, so ist es der: man
möge für sie künftighin eine eigenartige Jury walten
lassen, mit der Aufgabe nämlich, die wenigen zurück-
zuweisen, über deren Werken man die Mehrzahl der
anderen — vergißt.

Die internationale Jubel-Aufstellung
in Wien.

von Karl von vincenti.

IN*). ^»druck

in internationaler Spaziergang führt, verläßt man
englisches Ausstellungsgebiet, an nicht wenig Be-
kanntem, anderweit bereits nach Gebühr Gewürdigtem
vorüber. Der Wunsch des Zusammenfassens bietet sich
denn auch von selbst. Aus nahezu 1000 Namen leuchten
einzelne wie Schifferzeichen aus der Flut. Diese schwimmen,
in der Gunst des Publikums verankert, seit Jahren
obenauf, jedem Ausstellungsbesucher geläufig, jene sind
schon halb überspült von der Tageswelle der Kunst-
bewegung, neue Zeichen nicht viele ausgesteckt. Inter-
essanter wäre denn auch, die nationalen Handschriften in
der internationalen Malerei zu lesen und kunstgeschicht-
lich zu deuten, aber die Einzelleistungen verlangen eben
ihr Recht. Das deutsche Ausstellungsbild, so reich an
Einzelzügen, ist nicht vollständig; zwei Kunstzentren in
Deutschland sind uns etwas schuldig geblieben. Münchens
secessionierende Kunst fehlt; ich kann mir eigentlich heute
eine Internationale ohne Uhde, Höcker, Kuehl, Hugo
König u. a. schwer denken. Düsseldorfs alte Garde vom
Genre und von der Landschafterei ist zwar erschienen, aber
von der neueren Bewegung in der rheinischen Malermetro-
pole verspüren wir nichts. Und Berlin? Nun, Berlin
hat nie sonderliche Ausstellungs-Neigungen nach der
Wiener Lothringerstraße gehabt, ist aber diesmal —
wir haben 33 Nummern gezählt — gut vertreten.
Douzette — Dettmann sind die Pole. Ein ganzes
Menschenalter bemalter Leinwand liegt zwischen den Mond-
nächten des ersteren und den mystisch-symbolischen Dar-
stellungen des letzteren. Ich könnte nicht sagen, daß
mich Dettmanns „Deutsches Volkslied" in dem Grade
interessiert hat, wie sektvck»ekanntes Triptychon von der
heiligen Nacht; der einfache Volkston liegt dem Künstler
weniger, als die mystische Note. Unter den übrigen
Berlinern sind mir die durch das Persönlichste in der
Wiedergabe so sicher wirkenden Bildnisse Max Koners
(Kaiser Wilhelm II., Landschafter Bracht) das Inter-
essanteste. Auch das Schaußsche Bildnis sucht nur
wahr zu sein. Für die neue Zeit treten Liebermann
(mitBekanntem), Hans Herrmann sfein empfundene hol-
ländische Motive), Paul Flickel, Nicolaus Geiger er-
folgreich auf den Plan. Ein prächtiger Löwenkopf von
Meyerheim hätte einen besseren als einen Scherwand-
platz verdient.

Nach gewissenhafter Umschau fiele es mir schwer,
Neues über die Münchener zu sagen, was ich nicht
schon im ersten Berichte angedeutet. Firles „Vaterunser-

*) II. siehe Heft 14.

Die Aunst für Alle IX.

bild", sowie Marrs 1806 er Einquartierungsbild ge-
hören bereits der Kunstgeschichte. Carl Marr bleibt
deutsches Fleisch und Blut in seiner Kunst; daß ihm
das transatlantische Mammut - „Kunstland" nichts ge-
geben und geben konnte, sieht man aus der amerikani-
schen Abteilung, deren er sich vergebens angenommen
hat. Unter den Porträtisten hat Lenbach mehr aus
alter Liebe für Wien der Internationalen seine künstle-
rische Visitenkarte abgegeben; Kaulbach ist mit seinen
drei Frauenbildnissen kräftiger geworden; von Gabriel
Max sind mir die bekannten köstlichen Affen als Nitzsche-
Verspotter lieber als die Visionärin, die in Chicago war;
Frithjof Smith giebt mit seinen im Abendstrahl selb-
ander wandernden Kindern einen prächtigen Lichteffekt;
die Malweise freilich erinnert an das, was der alte

Selbstporkräk. von Leo Sam berge r.

Frübjabr-Ausstellung 1894 der Münchener Secession.

Steinfeld „Mörteln" nannte. Echtler ist mit einem
venetianischen Morgenbild unter die Hellmaler gegangen,
Charles Palmie ist mir neu, seine Nachtstücke sind nicht
uninteressant: Suchodolski hat die bis jetzt sonderbarste
„Heilige Familie" gemalt; Kowalskis „Birkhahn-
Kampf" ist wieder ein Prachtstück, Löwiths Rokoko-Fein-
bildchen sind allemal willkommen, während ich vom
Aquarellmeister Bartels schon Feineres gesehen habe.
Unter den Düsseldorfern wären die beiden Altmeister
Achenbach ohne besondere Bemerkung mit Befriedigung
zu verzeichnen; das Motiv aus dem Münsterlande von
Canal dagegen ist eine Perle der Ausstellung. Unter
den Genremeistern vom Unterrhein ist Bokelmann wieder
in erster Reihe, wohl aber etwas nüchterner als sonst.
Ein starkes Kontingent endlich stellen wieder die Karls-
ruher Strandmaler aus der Schönleberschen Schule.
Hellwag hat neben dem Meister mit seiner „Hohen
Flut" entschieden Glück gemacht.

zo
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