Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Weibnachtsbücherschan. — Personal- und Atelieruachrichien.

hinuntersieigen, um uns hernach noch Sorrent, Capri, Amalfi
anzusehen und schließlich unter den Säulen der Pästumstempel
abzubrechen. Ganz neu ist aber Allers darin, daß er uns nicht
nur die Bewohner dieser Orte, sondern mit ihnen auch die sie
besuchenden Deutschen schildert, die romantischen Malerinnen
wie die derben Gigerln oder die gelehrten Professoren. Natürlich
immer mit demselben glücklichen Humor, so daß das auch textlich
interessante Buch genau den Kurs einhält, den die große Masse
der deutschen Reisenden durchmacht, für die es daher eine durch
die schlagende Wahrheit seiner Schilderungen unendlich anziehende
Rückerinnerung bildet. Das war denn auch offenbar sein voll-
ständig erreichter Hauptzweck, denn mit den Kunstschätzen Neapels
werden wir glücklicherweise ebenso wenig behelligt, als mit dem
politischen, gelehrten und künstlerischen Teil seiner Bevölkerung
oder gar ihrer Hautevolee. Dafür lernen wir die Frauen-
schönhcit im Volke gründlich kennen, wie sie da Lumpen und
Armut immer noch adelt. Alles aber wie wir's schon in Goethes
italienischer Reise ziemlich genau so beschrieben gelesen haben.
Neben den Proletariern in jeder Form macht man dann noch
die Bekanntschaft von Militärs in den Cafehäusern, Mariniers
und Priestern auf der Gasse, von zimperlichen Engländerinnen
und sentimentalen deutschen Frauenzimmern. Die Neapolitaner
selber aber werden glücklicherweise niemals mit dem tragischen
Pathos geschildert, wie sie uns Leopold Robert zeigte, sondern
eher so wie Passim die Italiener zuerst gegeben, ja noch mehr
ganz im Augenblick und seinem Bedürfnis ausgehend. Mehr
rückwärts als der leichtsinnige Maler blickt denn freilich der von
Trede und Olinda geschriebene Text, der daher eine ganz ange-
nehme Beigabe zu einem Buche bildet, das uns alle die Vorzüge
der frischen, scharfen Beobachtung und des köstlichen Humors
wieder bietet, durch die sich Allers so rasch alle deutschen Herzen
um so eher erobert, als er überdies ein so spezifisch nationaler
Künstler ist, wie wir deren nur wenige besitzen.

„Unsere Kunst". (Düsseldorf, H. Michels, in Prachtbd.
M. 36.) Dieses von der „Vereinigung Düsseldorfer Künstler", also
der dortigen Secessionisten-Partei, unter der Mitwirkung vieler
deutscher Dichter herausgegebene Album macht einen sehr frischen
und angenehmen Eindruck. Man sieht jeder hat beigesteuert
was ihm gerade als besonders bezeichnend für seine Begabung
erschien und so entstand denn dies wie ein Blumenkranz bunte,
nie pretiöse Mittelmäßigkeit anmaßlich aufputzende Ganze, das
aber wie verschieden von Stoff. Gehalt und Bestrebung im ein-
zelnen, doch kaum jemals talentlos aussieht. Im Gegenteil findet
mau da eine Anzahl prächtiger Blätter von Carl Gehrts,
Lins, Mühlig, Rocholl, A. Kampf, Ferd. Brütt,
L Munthe, G. v. Bochmann, F. Schnitzler, Ant. Henke,
Carl Sohn, Carl Becker, Otto Heichert, E Kämpffer
u. a. m., welche durch Photogravure re. trefflich wiedergegeben,
alle die erquicklichste Frische im Gegensatz zu der älteren Düssel-
dorfer Schule atmen, ohne den engen Zusammenhang mit ihr
im mindesten aufzugeben. Im Gegenteil ist es als ein besonderer
Vorzug dieses Albums zu rühmen, daß es den Boden, auf dem
es entstanden — das fröhliche Rheinland — aufs deutlichste
wiederspiegelt und einen fast nie durch fade Nachahmungen
fremder Schulen und Ideale langweilt. Falsches Pathos findet
man so wenig als irgend gespreiztes Wesen überhaupt und fliegt
die Muse der Herren nirgends gar hoch, so geht sie dafür auch
niemals auf Stelzen, zeigt überall den gesunden rheinischen
Wirklichkeitssinn. Natürlich gilt das nur für die Maler, die von
den verschiedensten deutschen Poeten, wie F Dahn, Scheeren-
berg, Perfall, Baumbach, Jul. Wolfs, Jul. Lohmeyer
u. a. herrührenden Dichtungen sind trotz romantischer Velleitäten
weit davon entfernt, so viel Gemeinsames zu haben, als die
Zeichnungen. Jedenfalls bildet das Ganze aber eine der fröh-
lichsten und sinnigsten Weihnachtsgaben dieses Jahres.

Auch einige sehr schön radierte Blätter werden uns zu
Weihnachtsgeschenken geboten. So von Mann seid eine
„Winternacht" nach dem bekannten Bilde eines im Schnee be-
grabenen Friedhofes von Stahl. (Paul Köhler, Berlin
Preis 300, 200, lOO. 35 M.) Hinten sieht man da auf
den Bahnhof eine.' großen Stadt hinab, deren Lärm man ahnt,
wie er den härtesten Gegensatz zu der tiefen Ruhe der reihen-
weise dastehenden Gräber aller Arten um uns herum bildet.
Die schwere Aufgabe der Wiedergabe solch' dunklen Bildes hat
der Stecher mit großer Bravour gelöst, so daß man selbst an
seinem nächtlichen Himmel noch die Sterne glänzen sieht und
vor dem Bilde des starren Todes unwillkürlich schauert, das
sie bescheinen.

Fast noch packender ist der Charakter stillster Nacht in
einem Blatte von Kohnert wiedergegeben, das uns einen
mitten im Föhrenwalde an einem kleinen See stehenden
märkischen Edelhof zeigt, der vom samtartig schwarzen Nacht-
himmel überwölbt und ganz im Schnee begraben, auch
ein höchst poetisches Bild der tiefsten Einsamkeit bietet. Sich
Bewegendes giebt es da gar nichts, als einen Fuchs, der zwischen
den Föhrenstämmen durch den Schnee wohl den Hühnerställen
der das Schloß umgebenden Ökonomiegebäude zuschleicht. Er
und das aus einem Fenster des Schlosses noch strahlende Licht
sind die einzigen Zeichen des Lebens in der uns umgebenden
stillen, aber unendlich fesselnd wiedergegebenen, träumerischen
Ruhe der ganzen nächtlichen Szene. (R. Mit sch er, Berlin.
Preis des Abdrucks mit der Schrift 15 M.)

Fröhlich ansprechender ist dann der sonnige Glanz des
strahlendsten Morgens, der eine weite Havel- oder Spreeland-
schaft übergießt, wo der breite auf beiden Seiten von waldigen
Ufern eingefaßte Strom ruhig, majestätisch dahinzieht und uns
nur ganz in der Ferne über die Baumwipfel weg die Türme
einer großen Stadt — wohl von Berlin — sehen läßt. Der
Vordergrund wird da von einer Sumpfwiese eingenommen, auf
der weidendes Vieh behaglich im Wasser zwischen dem Röhricht
steht. Das giebt zusammen eine so liebliche Idylle, wie mau
sie sich nur träumen mag, wie sie einem aber auch sofort die
friedlichen Spreeufer bei Treptow mit ihrem wunderbar an-
mutenden, harmlos heiteren Wesen in's Gedächtnis ruft. —
Kann man Tag und Nacht nicht leicht zu so vollendet künst-
lerischen Idyllen verwerten, so hat die stark lokale Färbung beider
Blätter, welche uns die spezifische Poesie märkischer Landschaft
so schlagendwahr schildern, einen ganz besonderen Reiz und gereicht
dem Künstler zu größter Ehre, der uns so stimmungsvolle
Blätter schuf. (R. Mitscher, Berlin. Preis des Abdrucks
mit der Schrift 15 M.)

Zum Beschluß haben wir uns heute noch den Verlag der
„Fliegenden Blätter" aufgehoben, deren glücklicher Humor uns
auch in all' diesen Publikationen erfreut. So in den berühmten
„Münchner Bilderbogen", von denen diesmal schon die 45. Serie
zum Jubel unserer Jugend mit Bildern von Grätz, Reinicke,
Hohn, Bromberger, Roegge u. a. erscheint. Dann sind
von Meggendorser wieder eine ganze Reihe „lustiger Ge-
schichten" mit Versen von Franz Bonn da, der auch Holms
köstlichen „Wau-Wau" damit begleitet. Daß die „Jugendblätter"
auch diesmal mit einem neuen, sogar sehr hübsch illustrierten
Jahrgang erscheinen, ist selbstverständlich. Für die Alten aber
dient der „Münchener Fliegende Blätter-Kaleuder" wie immer
mit einer Fülle von köstlichen, mindestens für zwölf Monate
zum Lachen reizenden Schnurren, wie denn der unerschöpfliche
Humor der Münchener Maler hinter dieser ganzen Produktion
steht und ihr die unvergleichliche Frische giebt.

t-. Düsseldorf. Der junge Historienmaler Heinrich
Nüttgens, ein Schüler des Professors Eduard von Gebhardt,
der durch seine Beteiligung an der figuralen Ausmalung der
neuerbauten großen Wallfahrtskirche zu Kevelaer und andren
monumentalen kirchlichen Bauwerken seinen Beruf für die strengere
religiöse Geschichtsmalerei in überzeugender Weise dargethan hat,
konnte jetzt durch Zuwendung eines Stipendiums aus der Aders-
Stiftung im Betrage von 1800 M. und eines ihm infolge einer
Preisbewerbung von der Königl. Kunstakademie zuerkannten
Honorars von 500 M. die langersehnte Studienreise nach Italien
antreten. In jüngster Zeit hat Nüttgens zwei größere, in ernstem
strengen Stil gehaltene Flügelbilder an dem neuen Hochaltar der
St. Jakobuskirche in Aachen gemalt, die Szenen aus dem
Martyrium des hl. Jakobus darstellen. Auch seine für die Wall-
fahrtskirche zu Telgte in Westfalen gemalte Bilderreihe aus dem
Leben und der Passion des Heilands fand allseitige Anerkennung.
Die Studienreise nach Italien wird für die künstlerische Ent-
wickelung des jungen Künstlers von großem Vorteil sein.

— Berlin. DerBildhauerProsessor Gustav Eb e rlein
hat sich mit der Gräfin Marie von Hertzberg, Tochter des in
Kassel verstorbenen Generals Grasen von Hertzberg verlobt. l2S7S)
— München. Die Künstler G. F. Watts, E. Burne-
Jones, Jose Villegas, I. Carles und Andreas
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