Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die internationale Jubel-Ausstellung in Men. — Personal- und Atelier-Nachrichten.

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sie ist jedoch ganz französische Schule, denn die Malerin
Juana Romani ist eine Schülerin Roybets. Joris
„Öffentlicher Schreiber", Simonis mächtiges Aquarell
in virtuosester Primatechnik (Algerisches Ramadhanfest),
Ciprianis venetianische Scene, Stefanoris „Segen
des Kardinals", gehören zu dem Besten im Genre. Ein kecker
Pastellist ist der Neapolitaner Volpe. Tito und Favretto
freilich fehlen und niemand füllt die Lücke aus. Als
Landschafter haben die Italiener fast alle ein französisches
Übersetzergesicht; ich nenne Belloni und Morani.
Ciardi ist diesmal leider seinen Lagunen untreu ge-
worden. Die Venetianer Landschafter selbst sind heute
schon so gründlich weltbürgerlich, wie die Amerikaner
mit ihrer ganzen Kunst; weder Fragiacomo noch
Zanetti-Zilla haben etwas wirklich Venetianisches.
Wie echt italienisch dagegen die Maler von verwittertem
Mauer-, Mörtel- und Bauwerk sein können, beweist
von neuem der Spezialist Bazzani; auch der Mosaik-
werk ausbessernde Mönch von Marchesi in Palermo,
zeigt so einen virtuosen Steinarbeiter mit dem Pinsel.

Österreich behauptet als Gastgeber würdig seine
Stellung und Ungarn unterstützt uns dabei in dankens-
werter Weise. Das Bildnis ist unsere Stärke. Angeli
und Pochwalski stehen voran. Das Sitzbild der Kaiserin
Friedrich ist das künstlerisch Weihevollste, jenes des Herrn
Michael Dumba das technisch Vollendetste, was der ver-
jüngte Angeli seit Jahren geschaffen. Ebenso steht der pol-
nische Porträtmeister, den Wien gewonnen, in dem Voll-
können seines Schaffens. Seine Bildnisse werden in der
Wiener Kunstentwickelung, selbst abgesehen von den darge-
stellten Persönlichkeiten, als Pfadfinderwerke verzeichnet
werden. Warum aber malt Pochwalski nie ein Frauenbild-
nis? Julius Schmid, L'Allemand, Stauffer (Graf
Hans Wilczek), Brozik (Rieger) schließen sich erfolgreich
an. Neu war mir ein großes weibliches Talent, Olga
v. Boznanska mit einem flotten Jungherrnporträt. Kolo-
ristisch interessant ist ein Damenbildnis von Klimt.
In Pastellbildnis zeichnen sich Fröschl, Schornböck,
Clemens v. Pausinger, Trentin aus. Ein besonderes
Wort verdient Alois Schornböck, der, aus dem Atelier
Löfftz hervorgegangen, vor zwei Jahren nach Wien gekommen
und bereits in den besten Kreisen als Porträtist gesucht
und beliebt ist. Seine Bildniskunst wurzelt in ausge-
zeichneten Überlieferungen und bedient sich, ohne jede
Vordringlichkeit, der schlichtesten Mittel; die Porträts
der beiden Töchter des Freiherrn v. Dankelman ge-
hören nicht allein zu den besten auf dem Pastellgebiete,
sondern der Ausstellung überhaupt. Das einzige Ge-
schichtsbild unserer Abteilung hat tüchtig und tapfer
Ottenfeld gemalt: „General Marceaus Bestattung
1796". Ein anmutendes Frommbild ist Veiths
„Madonna". Im Genre haben einige hervorragende
Künstler nachgelassen, so beispielsweise Hirschl mit
seiner Meeresphantasie. Hingegen wird Temple, der
diesmal mit einer Salonscene auf Berauds Spuren
wandelt, immer sicherer und wärmer; erfreut haben mich
auch der lebensfrische „Naschmarkt" von Karl Moll,
dem hochbegabten Freunde Schindlers, ein kleines, un-
gemein feines Bildchen von Bernatzikund eine tiroler
berittene Prozession von Julius v. Blaas. Unsere
Jungschule vom Wiener Sittenbild hält sich wacker; sie
verfeinert sich sichtlich. Den Diez-Schüler Friedländer,
ein Sohn des bekannten Jnvaliden-Malers, möchte ich

gerade seiner feinen Empfindung halber hier mit heran-
ziehen. Engelhart zeigt sich mit seinem „Kartenspieler"
als scharfer Charakteristiker. Unter den Landschaften habe
ich erste Nummern von Robert Ruß und Darnaut
(„Mondaufgang") gesehen. Auffallend gereift ist die
Wisinger-Schülerin Marie Egner mit einem Frühlings-
bild, während Frau Olga Wisinger selbst diesmal
weniger erfreut. Hugo Charlemont bringt neben den
gewohnten brillanten Stilleben auch eine feinempfundene
Landschaft. Ein Stilleben von Moll und einige Körbe
Kirschen von Lina Röhrer wird niemand übersehen.

Auch die Ungarn sind mit ihrer Bildniskunst aus-
gezeichnet vertreten. Benczur stellt ein lebensvolles
Bildnis des geist- und einflußreichen Publizisten Or. Falk
aus und tritt zugleich als farbenfreudiger dekorativer
Maler mit einem allerliebsten Kindermotiv auf; Bihari
giebt den Humoristen Agai in kräftiger und doch feiner
Weise. Damenbildnisse von vornehmster Distinktion sind
die beiden von Horowitz gemalten Aristokratinnen, ein
echt pariserisch gehaltenes, ausgezeichnetes Frauenporträt
(ganze Figur) von pikant-morbidem Reiz ist die Frau
des Malers Ferraris, die ihrem Gatten das dank-
barste Modell geliefert. Die Sittenschilderer führt
Munkacsy selbst mit dem elegant und geistvoll behan-
delten Bild „Die Amme"; der scharfe Charakteristiker
Bihari („Mein Lied"), Margitay mit seinen novel-
listisch erzählten „Flitterwochen", Pap mit seinem er-
greifenden „Leere Wiege", Czok mit dem stimmungs-
vollen Bilde „Die Waisen", Halmi („Heimliche Trau-
ung") und Baditz („Mädchen in den Heckenrosen"
schließen sich an. Besonderen Glanz verleihen überdies
der ungarischen Abteilung eine große Anzahl vom Kaiser
und sonst Kunstfreunden beigestellte bekannte Gemälde.

— Wien. Die im Jahre 1874 Vvm Erzherzog Karl
Ludwig als Protektor des Künstlerhauses gestifteten drei goldenen
Medaillen, die statutengemäß alljährlich an zwei inländische und
einen ausländischen Künstler für die hervorragendsten Werke der
jeweiligen Ausstellung zu vergeben sind, wurden nach dem Vor-
schlag der Jury dem Professor Karl Marr in München für
sein Gemälde „In Deutschland 1806", dem Maler Alois Delug
z. Zt. in München für sein Gemälde „Märzwind" und dem
Bildhauer Hans Scherge in Wien für sein Werk „Der heilige
Franziskus predigt den Vögeln" verliehen. l»n>s;

— Berlin. Der Maler Prof. Paul Meyerheim hat
sich vor kurzem einer Staroperation unterzogen, die völlig ge-
glückt sein soll. !Eil

— München. Der Prinzregent hat einzelnen französischen
Künstlern, die sich an der vorjährigen Jahresausstellung im
Glaspalast beteiligt hatten, Ordensauszeichnungen verliehen und
zwar den Michaelsorden 3. Klasse den Malern Jean Paul
Laurens und Fernand Cormon, sowie dem Bildhauer
Saint Marceaux, den Michaelsorden 4. Klasse den Malern
Doucet und Maignan. isros;

— München. Beim Redaktionsschluß erreicht uns aus
Rom die Kunde von dem am 14. April erfolgten Hinscheiden des
Grafen Adolf Friedrich vonSchack. Wir werden in unsrer
nächsten Nummer Veranlassung nehmen, die Verdienste zu wür-
digen, welche der Verblichene sich in so hohem Maße um die
Förderung der deutschen Kunst erworben hat. M27I

— Berlin. Die Toberentz-Affaire kommt immer noch
nicht zur Ruhe. In der Hauptversammlung vom April des „Vereins
Berliner Künstler" wurde dem Vorsitzenden, A. v. Werner, als Ant-
wort auf die Angriffe des Herrn Toberentz in feinem letzten
Schreiben, auf einstimmigen Beschluß der Versammlung ein Ver-
trauensvotum erteilt. Possy
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