Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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2§8

^ahreFauFstellung der American Artist^.

von p

^«17 s herrscht ein frühlingsmäßiges Sprossen und Werden
in der Gesellschaft unsrer jüngeren Künstler. Ihren
Ausstellungen haftet stets etwas von der Begeisterung,
der Sorglosigkeit und der Waghalsigkeit der Jugend an,
und so bestechen und interessieren sie selbst in ihren
Fehlern.

Die diesmalige Jahresausstellung übertrifft zu-
dem alle ihre Vorgängerinnen in einer schönen Gleich-
mäßigkeit des technischen Könnens. Die Himmelsstürmer

Porkrät-Vasrrlief. von A. St. Gaudens.

sind geblieben, aber die Stümper unter ihnen sind ver-
schwunden, sie beherrschen ihre Kunstmittel und verstehen
das, was sie wollen, zur Anschauung zu bringen.

Mehr als je drücken die Hellmaler der Ausstellung
ihren Stempel auf. Sobald man den ersten Saal, die
Südgalerie, betritt, ist man von geradezu augenblenden-
den Sonnenwirkungen auf weiße Mauern und nackte
Leiber umgeben. Weißer Grund, Hellrosa, Helllila und
zartgelbe Farbentöne. Die Bilder entfernen sich von der
altgewohnten Ölmalerei so weit als möglich, sie erinnern
an Pastell, zuweilen an Wasscrfarbengemälde. Von
hervorragender Lichtwirkung ist Herbert Denmans
„Sommer", eine nackte Gestalt in einem Teiche, von

Dann.

Wasserlilien umgeben, einen Strauß derselben in der
Hand, fein modelliert, mit gutbehandeltem Kontrast
zwischen Licht und Schatten. Appleton Brown mit
seinem „Mai" zeigt Apfelbäume in Blüte mit vortreff-
licher Lichtbehandlung. Dieselbe ist auch von Francis
Jones' „Mutter und Kind" in Sonnenlicht gebadet auf der
Veranda, der „Porch", eines Hauses im amerikanischen
Kolonialstil, zu rühmen. Will Robinson bringt einen
Abendeffekt, „Mondlicht auf den Wellen", voll Stimmung
und guter Luftwirkung. Twachtmans „Wasserfall" mit
der rauhen, rissigen Oberfläche der modernen Veristen
übt starke Wirkung, ebenso Carleton Chapman, der
die Aacht-Wettfahrt zwischen Vigilant und Valkyrie auf
einem Meere darstellt, dessen Wogen geradezu im Haut-
Relief auf der Leinwand stehen. Ochtman hat einen
vorzüglichen „Wintermorgen". Childe Hassam, der
bekannte Maler New-Dorker Stadtszenen, bringt eine
„Dämmerung", ein Straßenbild mit Lampenbeleuchtung
und ihren Reflexen im Abendnebel, und ein „Union
Square im Frühling". Charles Curran erscheint dies-
mal als Architekturmaler, und zwar hat er sich's zum
Ziel gesetzt, Statuen und Triumphbogen der unvergleich-
lich schönen Chicagoer Ausstellungsgebäude, die demnächst
auf Abbruch verkauft werden, der Vergessenheit zu ent-
reißen. Die drei kleinen Gemälde sind nicht die
schlechtesten Früchte der Weltausstellung. Den Land-
schaftspreis erhielt CH. Platt für einen „Frühling",
ein solides gutes Bild. Doch muß den Preisrichtern
die Entscheidung schwer gefallen sein, denn es befinden
sich eine große Anzahl ebenso guter, wenn nicht besserer
Landschaften in der Ausstellung, von welchen ich nur
Van Boskercks „Wakefield", Chases vier Bilder von
Long Island, Bolton Jones' „Weg über den Hügel"
nennen will.

Dabei kann man von der Ausstellung nicht einmal
behaupten, daß hier, wie es sonst bei uns der Fall ist,
die Landschaft an Zahl und Qualität alles andre über-
wiegt. Es sind eine ganze Anzahl guter Figurenbilder
da; eines, »8t. Vves, prier pour nous« von Sergeant
Ke,ndall, eine bretonische Kirchenszene, erhielt vor
kurzem einen Preis in Philadelphia; aber ein zweites
Kirchen-Jnterieur, holländische Mädchen in Volendam,
von Elisabeth Nourse, das mich an ein älteres Bild
von Liebermann, das Entzücken der ersten internationalen
Ausstellung in Wien, erinnert, steht ihm nicht nach.
Caliga hat diesmal eine Studie in Rot, Wen zell ein
pathetisches Bild, „Gelbe Rosen", eine Dame in Gelb
auf dem Boden ausgestreckt, den Kopf in die Kissen
eines Divans gedrückt, Otto Bacher zwei nackte Ge-
stalten, auf deren Körper die Sonne, durch Äste brechend,
Reflexe malt.

Noch mehr Widerspruch als bei der Landschaft er-
regte die Zuerkennung des Shaw-Preises von 1500 Doll,
für das beste Figurenbild an die „Sänger" von H. W.
Walker, das eigentlich die „Horcher" heißen sollte, denn
Knabe und Mädchen lauschen gespannt, mit weitoffenen
Augen und Mund, einer Stimme von oben. Das Bild
ist naiv empfunden und in altherkömmlicher Weise ohne
Bravour, aber auch ohne Tadel gemalt.
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