Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Rundschau. — Personal- und Ateliernachrichten. — Denkmäler.

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das Muster moderner kunstgewerblicher Bethätigung zu
sehen, während dagegen von einer wirklichen Frische und
Lebenskraft besonders das englische Kunstgewerbe durch-
glüht ist. Das Berliner Kunstgewerbe-Museum giebt
von dieser Erkenntnis seinerseits Kunde, indem es mit
Recht zu Ausstellungen von Produkten des englischen
Kunstgewerbefleißes geschritten ist. Nirgends in der That,
von einzelnen lokalen Bemühungen, wie beispielsweise
jener Porzellanfabrikation abgesehen, welche in Kopen-
hagen blüht, ist eine mod ern e Bewegung im Geschmacke
der dekorativen Künste von so bedeutendem Werte zu
verzeichnen, wie die englische. Auf die Gefahr hin, daß
unsere diesmalige Rundschau etwas sehr englisch wird,
müssen wir doch unsere Rundschau als mit einem der
wichtigsten Geschehnisse der letzten Zeit mit der Erinnerung
an die Arts and Crafts-Exhibition schließen. Freilich
neigt dieser englische Geschmack zu Absonderlichkeiten;
worin sein großes Verdienst indessen hervorbricht, das
ist in der Unbekümmertheit, mit der er wirklich neue
Formen schafft. Wir wissen, wie das deutsche Kunst-
gewerbe rasch sich in einem Kreislauf ermüdet hat; wie
ferner das französische Kunstgewerbe — einige ganz
artistische, als Kaviar zu betrachtende Ausnahmen abge-
rechnet — im wesentlichen nur Nachahmung und bis
zum Ueberdrusse wiederholte Nachahmung früherer Jahr-
hunderte giebt. William Morris hat das moderne Buch
anders gemacht, als das alte Buch aussah : es ist wunderlich
bei ihm, wir teilen nicht in allem seinen Geschmack, aber
wir geben zu, es ist sein Eigentum, seine Erfindung.
Die Hellen, ja weißen Möbel mit Etageren, mit ihren
munter gefärbten kleinen Ziergefäßen, die englischen
„artistic wall papers", von solchen Künstlern wie
Morris und Walter Crane gezeichnet, sind die richtige
Dekoration für — Engländer unserer Zeit, sie korrespon-
dieren mit dem litterarischen und allgemeinen Geschmack
derjenigen, für welche sie bestimmt sind. Wir sagen nicht,
daß man sie bei uns verwenden soll. Wir beklagen aber,
indem wir auf sie und ähnliches Hinweisen, daß man
nirgend sonst die Kraft gefunden hat, einen überzeugenden
Ausdruck seiner Zeit und seines Landes kunstgewerblich
zu fixieren.

vr. R. Berlin. Unter den Linden in zwei dürftigen
Zimmern hat Eduard Munch eine Anzahl neuer Bilder, Skizzen
und Zeichnungen ausgestellt. Es läßt sich darüber leider nichts
Neues und Günstiges sagen. Der guten Bilder sind gegen die
vorjährige Ausstellung weniger, der absonderlichen mehr. Und
die guten zeigen keinen Fortschritt. Sie sind bald aufgezählt:
der „Sommerabend", ein Mädchen im Strohhut vor einem Haus
sitzend, „Nach Sonnenuntergang", ein Paar in Unterhaltung.
Diese beiden sind sorgfältiger ausgeführt und bekunden ein längeres
fleißiges Studium. Dann noch allenfalls ein Akt, eine nackte
Frau in gebückter Stellung am Fenster stehend und der Mond-
schein mit dem jungen Mädchen vor dem weißen Gitter. Alles
übrige sind bizarre Einfälle in kranker Laune flüchtig hingeworfen.
Ja krank! das ist die Erklärung für die Bilder dieses seltsamen
einsamen Menschen. Munch will die ängstlichen Philister gewiß
nicht frivol zum Besten haben, ihm ist es gewiß ernst mit seiner
Kunst. Mit dem Eigensinn des Kranken hält er an seinen wirren
Ideen fest. Und die Ideen kommen ihm seltener. Er ist matter
und ärmer geworden. Auch die beiden ausgeführtcren Bilder zeigen
die gequälte Arbeit eines müden Geistes. Seine Zeichenkunst ist
ihm im nervösen Schrecken abhanden gekommen, sein wilder

Farbensinn ist ihm aber treu geblieben Auch die ungeheuerlichsten
Phantasien mahnen durch irgend etwas an sein einst so frisches
Kolorit. Jetzt ist Munch verwirrt und in wüsten Träumen
befangen. Man muß zweifeln, ob er sich noch einmal zurecht-
finden wird. 2803;

W. O. Berlin. Der Bildhauer Nikolaus Geiger
in Wilmersdorf bei Berlin hat jüngst den Vertrag zugefertigt
erhalten, der seine künstlerische Thätigkeit bei Ausführung einiger
Gruppen für das Kolossal-Denkmal in Indianapolis regelt

tr. Düsseldorf. Am 4. Dezember ist die Porträt- und
Genremalerin Marie Wiegmann, geb. Hancke, im Alter von
73 Jahren gestorben. Die Verewigte, als Bildnismalerin be-
sonders geschätzte Künstlerin, ist 1820 in Silberberg in Schlesien
geboren; sie kam 1841 nach Düsseldorf und war zuerst Schülerin
des Geschichtsmalers Hermann Stilke, dann, um sich zur Porträt-
malerin auszubilden, Schülerin von Prof. Karl Sohn, der als
Bildnismaler in hohem Ansehen stand. Auch in dem soge-
nannten „Ideal-Genre" schuf Marie Wiegmann dem Zuge der
damals noch nachwirkenden Zeit der Romantik folgend, mehrere
seinerzeit viel beachtete Bilder. Bekannt sind von ihren Porträts
diejenigen von Heinrich von Sybel, Karl Schnaase, dem Kunst-
historiker, Karl Sohn, ihrem von ihr hochverehrten Lehrer. Ihre
Damen- und Kinderbildnifje wurden wegen ihrer liebenswürdigen,
feinen Auffassung und malerisch-geschmackvollen Anordnung be-
sonders geschätzt. Sie war vermählt mit dem 1865 gestorbenen
Maler und Architekten Rudolf Wiegmann, Professor der Bau-
kunst an der hiesigen kgl. Kunstakademie. >27311

— München. Am 10. Dezember verstarb zu München
nach längerem Leiden der Kunsthändler G. Sontheimer,
Mitinhaber der bekannten E. A. Fleischmannschen Hofkunsthand-
lung in München. Der Verstorbene hat sich um die Münchener-
Kunst, der er neue Absatzquellen erschlossen hat, namentlich in
den vereinigten Staaten, wohl verdient gemacht, und sein Tod
wird viel beklagt. (2772;

— München. Am 16. Dezember verstarb zu München
der langjährige Direktor der Gemäldegalerie der k. Museen zu
Berlin, Regierungsrat Idr. Julius Meyer, im Alter von
64 Jahren. Meyer ist in Aachen geboren, siedelte 1859 nach
München über, wo er als Kunstkritiker sich bald einen Namen
machte, und wurde 1872 an die k. Gemäldegalerie zu Berlin
berufen. Er hinterläßt das Andenken eines Kunstkenners von
auserlesenem Geschmack und liebenswürdigen Menschen, der für
die Kunst seiner Zeit ein offenes Auge hatte. ;278i;

— Gestorben. Am 7. Dezember zu Frankfurt a. M.,
der Maler K. Th. Reiff enstein. ;s77g;

— Stuttgart. Für das Kaiser Wilhelm-Denkmal in
Stuttgart ist ein engerer Wettbewerb unter den Bildhauern Max-
Klein, Gu st av Eb erlein, H. Hidding, W. vonRümann,
Dausch und Donndorf ausgeschrieben worden. Die Preise
betragen 3000, 2000 und 1000 M, in der Jury sitzen Kommer-
zienrat Siegle (Vorsitzender), Bildhauer E. Hundrieser, Kopf (Rom),
Syrius Eberle und der Stuttgarter Architekt Eisenlohr. pssz;

L.-O. Darmstadt. Auf die von Seiten des Zentral-
Ausschußes des Odenwald-Klub ausgeschriebene Konkurrenz für
ein in Neunkirchen (Odenwald) zu errichtendes Ohly-Denkmal
gingen sieben Entwürfe ein. Die Sachverständigen-Kommission
entschied sich einstimmig für die Ausführung des Modells von
Bildhauer Ludwig Habich (aus Darmstadt). Das Denkmal
ist als Brunnenanlage mit der Bronzebüste Ohlys auf geschliffener
Granitsäule gedacht. i28i7>

7V. O. Berlin. Das Kyffhäuser-Denkmal-Komitee hat
kürzlich einen Rechenschaftsbericht erstattet, demzufolge zur Her-
stellung des Denkmals gegen 800 000 Mk. erforderlich sein werden,
von welchem Betrage noch etwa 255000 Mk. aufzubringen sind.
Die Einnahmen haben bis jetzt rund 556000 Mk., die Ausgaben
431 000 Mk. betragen, sodaß zur Zeit ein Bestand von 125000 Mk.
vorhanden ist. Wir hören ferner, daß die Ausführung der für
das Denkmal in Aussicht genommenen „Barbarossafigur" dem
Bildhauer Nikolaus Geiger in Wilmersdorf bei Berlin über-
tragen wurde. Derselbe hat in dem ausgeschriebenen engeren
Wettbewerbe einstimmig den ersten Preis, bestehend im Aufträge
zur Ausführung, zuerkannt erhalten. In diesem Entwürfe ist
der Kaiser Friedrich Barbarossa dargestellt, wie sich eben seine
mächtigen Glieder aus dem Schlafe lösen. Der Augenblick des

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