Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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IX. Jahrgang, tzcft 7

i. Januar 1894.

„Tie Kunst für Alle" erscbeint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag gehestet. Bezugspreis im
Buchhandel oder durch die Post Meichspostverzeichnis Nr. MSI, baver. Verzeichnis Nr. 1S7I, k. u. k. österr. Leitungsliste Nr. 42S) 3 M. SV Ps. für das Vierteljahr
_ — _ _ (6 Hefte); das einzelne Heft 7S Ps. _ __

üaphaelF Sixtinische Madonna.

von Aarl woermann.


die größten Gegner des Klassizismus zugleich
die feurigsten Verehrer wahrhaft klassischer Kunst-
werke zu sein Pflegen, ist durchaus kein Widerspruch,
sondern nur die notwendige Folge einer richtigen Wür-
digung des Unterschiedes zwischen klassischer und klassi-
zistischer Knnstweise. Klassisch bedeutet nichts mehr und
nichts weniger als überall und ewig gültig. Klassisch
nennen wir die Kunstwerke vergangener Zeiten, zu
deren begeisterter Bewunderung, wenn vorüberziehende
Modewolken ihr Licht auch zeitweilig verhüllen, die
Völker der Erde immer wieder zurückkehren. Ent-
scheidet also erst die Nachwelt darüber, was klassisch
ist, so lehrt die Erfahrung doch, daß unter den Völkern
der Erde eine merkwürdige Übereinstimmung darüber
herrscht, welche Kunstschöpfungen aller Zeiten der
höchsten Auszeichnung würdig seien; und forschen wir
nach den Merkmalen der also ausgezeichneten Kunst-
werke, so werden wir finden, daß die Nachwelt nur
solche Darstellungen für klassisch erklärt, die, außer den
höchsten künstlerischen Eigenschaften in technischem und
geistigem Sinne, noch das geschichtliche Kennzeichen
besitzen, zu ihrer Zeit durchaus neu, frei, eigenartig,
bahnbrechend, kurz, einmal modern im besten Sinne
des Wortes gewesen zu sein-

Klassizistisch hingegen ist gerade in dieser Be-
ziehung das volle Gegenteil von klassisch. Der Klassi-
zismus steht nicht auf eigenen Füßen und sieht nicht
mit eigenen Augen; er zehrt von der Nachahmung der
klassischen Kunst; er ringt sich vergebens ab, in aus-
gefahrenen Geleisen neue Ziele zu erreichen. Klassizisten
gab es schon im alten Rom. In der neueren Zeit waren
die niederländischen Nachahmer der römischen Schule
des sechzehnten Jahrhunderts, die Orley, Scorel,
Coxcyen, Frans Floris u. s. w. die ersten Klassizisten. Ihnen folgten im siebzehnten Jahrhundert die Franzosen
mit Poussin und Lebrun an der Spitze, die italienischen Eklektiker vom Schlage Domenichinos und Guido Renis,
die Deutschen der Richtung des Hans von Aachen und Joseph Heinz, die Niederländer der Art eines Lairesse
und van der Wersf; und vollständige Methode brachten dann Anion Raphael Mengs und die späteren, durch

Nmalietka. von L. Passini.

verkl. Reproduktion aus „Aus Studienmappen deutscher Meister: L. ssaffini."
Verlag von L. C. Lviskott in Breslau. (Bespr. S. 108.)

Kunst für Alle IX.

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