Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Skizze von Wilhelm Serbe

Klang in der Stimme. „Lieber Freund, wie lange
haben wir uns nicht gesehen!"

Mit bebenden Fingern riß er das Packetchen auf
— was — was war das? Alle seine Schuldscheine —
quittiert — erst vor wenigen Tagen eingelöst!

„Mit den fünftausend Mark!" lächelte sie, während
es feucht in ihren Augen schimmerte. „Nun sind Sie
ein freier Mann, nun sind Sie wieder ein fleißiger
echter Künstler, nun können Sie" — setzte sie leise
hinzu, als sein Blick mit leuchtender Frage in den ihren
tauchte — „um die Kommerzienratstochter anhalten:
Man wird Ihnen und ihr nicht mehr vorwerfen können,
sie sei um ihres Geldes willen gefreit worden!"

Sein ganzer Körper bebte vor Glück und Erkennt-
nis. „Edles, herrliches — kluges Mädchen!" lachte
und stammelte er. „Und Herr von Wedel?"

„Der Ärmste! Er wird sich trösten! Nun kommen
Sie!"

— — — — Verlobungstoast — Seligkeit ohne
Ende — leuchtende, glückstrahlende, goldene Weihnachts-
zeit!

Weihnuchrsbüchcrschau.

vom Herausgeber.

IV.»)

Franz Stuck (München, vr. E. Albert <L Cie., Orig.-
Prachtband 40 M.) Dieses über hundert Reproduktionen
nach Bildern, Skulpturen und Zeichnungen des Meisters,
enthaltende und durch einen Text von O. I. Bierbaum erläuterte
Album lehrt uns eine unzweifelhaft sehr eigenartig begabte, aber
auch nicht weniger zum Widerspruch reizende Künstlerpersönlichkeit
kennen. Ganz der Wirklichkeit abgewendet bewegt Stuck sich
ausschließlich in einer phantastischen Welt, vorab in den antiken
Mythen, deren Stoffen er geistvolle aber meist sehr unsympathische
Bilder entnimmt. Denn er trägt da auf seltsame Weise die Auf-
fassung des niederbayerischen Bauernsohns, der er ist, auf die
hellenische Welt über, deren Anmut er mit der heimischen Derb-
heit zu seltsamen Blüten verbindet. Gerade deshalb zeigen sie
unstreitig eine gewisse äußerliche Verwandtschaft mit des auch
nicht überzarten Schweizers Böcklin Werken in ihrer Unbändig-
keit und Kraftmeierei. Das wirkt nun besonders bei christlichen
Stoffen oft sehr abstoßend, da der erst dreißigjährige Stuck be-
greiflich weder den Reichtum des Geistes noch die wunderbare
Poesiefülle des weltberühmten Schweizer Malers in sich zu ent-
wickeln Zeit halte. Nichtsdestoweniger ist seine Begabung so ent-
schieden, daß Stuck ohne Zweifel noch eine Zukunft hat, die seine
bisherigen Leistungen wohl sehr überbieten dürfte und die darum
auch für das schon jetzt Geleistete volle Aufmerksamkeit bean-
spruchen kann. Besonders da auch sein verzierendes Talent sehr
groß ist und, unterstützt von seinem starken Stilgefühl, bereits
die schönsten Früchte gezeitigt hat. Am Ende aber wird man
auch in der Kunst die Kraft immer der Schwäche vorziehen.

In lius Gr o ss e. Ernst Julius Hähne ls litte r arische
Reliquien. (Berlin, G. Grotesche Buchhandlung, gbd. 6 M.)
Dies gedankenreiche Buch des großen Künstlers ist jedenfalls
eine der interessantesten Weihnachtsgaben, welche uns in diesem
Jahr geboten werden. Ist mit Hähnel eine der kraftvollsten und
ausgeprägtesten Künstlergestalten dahingegangen, welche der zu An-
fang unseres Jahrhunderts in Deutschland aufgetretene romantische
Klassizismus erzeugte, so unterscheidet sich unser Bildhauer von den
Malern dieser Richtung besonders dadurch, daß er dank einem rast-
losen Studium der Natur in seinen Werken niemals jenen Zwiespalt
zwischen Wollen und Können zeigt, der die Mehrzahl jener so
bald veralten ließ. Daß es indes auch bei ihm nicht an Wider-
sprüchen zwischen Theorie und Praxis des Lebens fehlte, zeigt
das vorliegende, aus einer bis zu seinem Tode vollkommen
unbekannt gebliebenen Sammlung von Aufzeichnungen ausge-
zogene Buch, das uns einen sehr merkwürdigen Einblick in die

*) III. stehe Heft S.

rt. — lveihnachtsbücherschau. zv7

ideale Welt dieses Meisters, wie über sein Verhältnis zur wirk-
lichen gewährt. Der dem Künstler innig befreundete Heraus-
geber hat seiner Auswahl eine kurze aber sehr dankenswerte
Charakteristik desselben vorausgehen lassen, die zugleich zum
Verständnis der Hunderte von sich anscheinend oft widersprechenden
aber immer geistvollen und pikanten Sentenzen des Meisters
nicht wenig beiträgt, der ewig über die Frauen und Schrift-
steller schalt, aber beide nie missen konnte und sich am Ende,
wie wir hier sehen, den letzteren sogar selber im Geheimen zu-
gesellte. Und wahrlich nicht den schlechtesten, wie man bei der
Lektüre dieses Buches bald erfahren wird, das uns durch die
ideale Hoheit mancher Gedanken immer wieder versöhnt, wenn
es uns durch hartnäckige Vorurteile oft lange geärgert.

„Ans Studienmappen deutscher Künstler."
Heinrich Hofmann. (Breslau,Wiskott, in eleg. Mappe 15 M.)
Unter den einen Uebergang zwischen der alten romantischen und
der heutigen realistischen Schule bildenden deutschen Historien-
malern nimmt Heinrich Hofmann in Dresden einen hervor-
ragenden Platz ein. Man begrüßt daher um so lieber das vor-
liegende eine Anzahl besonders charakteristischer Kompositionen
und Bilder des Meisters enthaltende Album als man hier seine
stark ausgesprochene Eigenart ziemlich vollständig kennen lernen kann.
Diese ist entsprechend seinem bei entschieden ausgesprochener Be-
gabung ohne irgend schwere Kämpfe ruhig und glücklich ver-
laufenen Leben eine romantisch weiche und süße aber durch ihre
schöne Harmonie überaus wohlthuend wirkende. Um so mehr
ist das der Fall, als er sich bald, nachdem er in Italien mit
größtem Erfolg die Malerei der Renaissance studiert, nach dem
Beispiel der ihm vorzugsweise sympathischen Venetianer der
idyllischen Behandlung religiöser Stoffe in der Art des Bonifazio
und Palma Vecchio oder Bordone zuwandte und in ihr eine Anzahl
in Form und Farbe gleich vollendeter Meisterwerke von bestechender


Welonrnverkünfer. von Ludwig Passin i.

Verkl. Reproduktion aus „Aus Studienmappen deuscher Meister: L. ssassini".
Verlag von L. T. wiskott, Breslau. (Bespr. S. 108).
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