Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Lusammmgemalr

Line fröhliche Skizze

zürnst Renner kam von einem kleinen Ausflug wieder heim

in seine Sommervilleggiatur nach Schliersee, legte in
seinem Zimmer Mantel, Hut und Stock samt den erbeuteten
Kindern der Alpenflora nieder und begab sich dann in die
freundliche Gaststube herunter, in welcher eine sonnige,
feierliche Stille herrschte, wie man sie an einem Werk-
tag morgens so gerne in Dorfwirtshäusern antrifft. Nur
etliche Mücken flogen summend von Tisch zu Tisch, setzten
sich hin und wieder auf den prächtigen Feldblumenstrauß
am Fenster und begannen dann ihr altes Spiel.

Aber richtig, dort war er ja auch!

- Der Sepp nämlich, des Unterreiners Ältester, ein
bildsauberer junger Mensch mit braunen Kastanienlocken
über den ganzen Kopf, einem offenen, ehrlichen Gesicht,
zwei blauen, Hellen Äugen und einer kräftigen, wohl-
gebauten Figur — kurz, eine Oberländergcstalt, die jeden
Maler zu wohlgefälliger Betrachtung bestimmte, selbst
wenn — wie heute — Trübsinn und Unmut deutlich
auf den frischen Zügen des Burschen zu lesen waren.

Renner mußte auflachen, wie er sich den kernigen
Menschen ansah und dabei dachte, daß es Liebeskummer
war, der ihm den letzten Jodler in der Brust erstickt hatte.
Hier außen am See in der herrlichen Luft unter dem
blauen, lachenden Himmel Weltschmerz und Liebesgram!

Ter Sepp aber schaute bei dieser Gefühlsäußerung
jäh auf und brummte halb beleidigt, halb zornig: „Brauchst
scho' lach'n — 's geht ja di' nix o'!"

„Freilich geht's mich was an," sagte der Maler gut-
mütig und klopfte den Burschen auf die Schulter, „wenn
so ein Mordsmensch hernmsitzt und Gesichter schneidet,
als ob er Zahnweh hätt' — wegen dem bißl Lieb'!"

„Dös wär' dos recht' bißl!" entgegnete Sepp
aufseufzend. „Umbringt's mi', wenn's net bald anders
werd!"

„Nachher geh' halt 'nein zur Mirzl und sag's ihr —
sie muß dich nehmen, sonst springst du in den See!"
rief der Maler.

„Ja, freili' — na' lacht s' mi' aus!" antwortete
der Bursche, ballte die Fäuste in der Tasche und sah
hoffnungslos vor sich hin. „De Dirn' hat ja koa' Herz
im Leib — i' wollt' do' glei' lieber, der Kuckuck hätt' s'!"

Renner blieb eine Weile vor ihm stehen und sah
ihn sinnend an. Plötzlich erheiterten sich seine Züge, er
nickte mit dem Kopf, schlug mit den Fingern ein Schnipp-
chen in die Luft und verließ fröhlich Pfeifend die Stube.

Sepp aber sah ihm zornig nach und murrte: „Von
de Stadtleut' is grad' oaner wia da ander'! Hätt'st'
g'moant, der Maler hätt's Herz am rechten Fleck und aa
a bißl Verstehstmi' für Unseroan' — ja, grad' a solcher
is a — nur aushiaseln kann er San' — sunst nix!"

Nach wenigen Augenblicken kam Renner wieder
munter die Stiege herab, setzte sich in der Stube in den
sonnenhellen Winkel am Fenster, stellte vor sich die mit-
gebrachte Staffelei auf und rief dem erstaunt d'rein-
schauenden Burschen zu:

„Jetzt paß auf, Sepp — ich mal' dich!"

„Na!" schrie der Angeredete. „Dös thuast' net!"
und sprang zornig auf. „Wannst scho' moanst, i bin
blos da, daß du mi ausspott'n kannst — zum Abmal'n
gieb i mi net her für di'!"

von Wilhelm Derbert.

Da plötzlich ging eine jähe Veränderung in dem
Gesichte des Burschen vor. Ein tiefes Rot unterfärbte
die dunkle Bräune desselben, der Blick irrte verlegen
nach dem Fenster ab und mit einem trotzigen Unmut ließ
sich Sepp wieder auf den Stuhl fallen.

Mirzl, das schmucke Wirtstöchterlein, war eingetreten
und trug ein frisches Glas Bier, das sie vor den Maler
ans den Tisch stellte. Tann stemmte sie die Arme in die
Hüften und sah von dem einen zum anderen.

„Jetzt hätt' i bald g'moant," sagte sie und ihr
frischer hübscher Mund verzog sich spöttisch, „i hätt' an
Sepp schimpf'n hör'n! Aber na, na, bleib nur sitz'n",
fuhr sie fort, als dieser eine unwillige Bewegung machte,
„i bitt' dir's ja scho' wieder ab! Wia werd denn a so
a lammfromm's Mannsbild a solche Sünd' begeh' und
sich z'schimpfen trau'n! Da g'höret ja a Kuraschi und a
Schneid' dazua und de is bei dir net dahoam!"

Lachend drehte sie sich weg und dem Maler zu.
„Was machst' denn na da? frug sie.

„Ten Sepp mal' ich!" sagte Renner ruhig. „Weißt',
er hat dich halt gar so gern und, weil du ihn s o nicht leiden
kannst, meint er, gemalt war' er dir vielleicht lieber!"

„Dös is net wahr!" schrie der Bursche wild und
sprang auf; wie vorher aber verflog seine ganze Energie
unter dem spöttischen Blick der dunklen Augen des Mäd-
chens. Langsam setzte er sich wieder hin und brummte:
„Dös Hab' i net g'sagt!"

„Ja, mal 'n nur!" lachte Mirzl. „'s is zwar leicht
um d' Leinwand schad' für dös grieshaarige G'sicht —
aber lustige fesche Buam hab'n d' Stadtleut' scho' gnua
g'seg'n — da wer'n s' Aug'n mach'n, wenn s' amal so
an langweiligen Lattirl znm Anschaug'n kriag'n!"

„Gelt," sagte der Maler, sie unmerklich reizend,
„du kannst ihn schon gar nicht leiden?"

„Na!" entgegnete sie und es klang wie aus tiefster
Seele herauf.

„Und wenn du das allen Leuten im ganzen Ort
und auf der ganzen Welt recht deutlich zeigen könntest —"

„Dös thät' i!" rief sic. „Dös machet mir de größte
Freud'!"

„Weißt' was!" sagte der Maler. „Da setzst du dich
jetzt zu ihm an den Tisch hin und machst ihm ein recht
spöttisches Gesicht an — dann mal' ich euch so mit ein-
ander und wahrhaftig, wie zwei Liebesleut' schaut' das
Bild gewiß nicht aus!"

„Ja, ja!" rief das Mädchen in übermütiger Freude.
„Dös thuast'!"

Trotzig, mit einem herausfordernden Blick auf den
Burschen, setzte sie sich an das andere Ende des Tisches,
an welchem Sepp war. Dieser wollte zwar erst auf-
fahren und aus dem Zimmer eilen; aber ihre Frage:
„Fürcht'st di' vielleicht vor mir?" hielt ihn wieder fest.
Sein finsteres Gesicht und ihr spöttisches Frätzchen bildeten
wirklich einen köstlichen Kontrast, so daß Renner ausrief:
„So ist's recht! So bleibt! So bleibt! Das wird famos!"

Dann vertiefte er sich in seine Arbeit.

Es war still in der Stube geworden wie in einer
Kirche. Selbst die summenden Mücken hatten sich auf der
Decke zur Ruhe gesetzt und schienen von dort aus das
interessante Schauspiel zu beobachten, das sich ihnen bot.
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