Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Dir drri Bräute. Von Jan Toorop.

-9er Maler erläutert die ihn leitende ^)dee wie folgt:

Wie ein Anheben schwellender Violaklänge, Wellen aus einem
dornenüberwachsenen Grund, schlanke, schleppende Figuren von
ekstatisch stilisierten Mädchengestalten — primäre Geschöpfe aus einem
Werdungstraum — doch in scharfem Ausdruck weltentrückter, leicht-
flutender Hindu-Najaden — schwebende Reihen leuchtender Silberseraphim,
die in Opferhaltung sich zur Seite und zu einander neigen — verhallende
Stimmen in wiegendem Wellenschlag: Linienwellen, die aus reinen
Lilienleibern der Mädchen, aus ihren langen Lotosgewändern, aus ihrem
reichen Haargelock aufstäuben, aufschwellen, durcheinanderringen und -singen,
gleich aufquirlendem Quellwasser, das einen Stromweg sucht, bis sie in
breiten Rhythmen aufsteigen und die vollen Klänge zusammenströmen in
Wogen von Geläut, um dann gefangen zu werden in zwei großen ge-
weihten Glocken, deren volle Kehlen sie wieder niederläuten und die fern-
liegenden Sphären des Allweiblichen.

Denn dort, wo in der Mitte die Linienwellen der Seraphim, die
süßen Melodien, die wie aus leisen Glocken läuten — dort, wo das
Wispern ihrer Gebete und der Tust ihrer Opfer zusammenfließen in
Schmetterlingsmuster und in das Liniengekräusel einer Chrysanthemum-
blüte und eine ganze Blumenwelt darunter entblüht — dort steht mitten
im aufwallenden Rosenduft die junge Frau in einer Glorie, schüchtern und
trotzig zugleich, verblüffend in der Pracht ihrer jugendlichen Reife: selbst
eine duftende, kaum erblühte Blume und unter ihrem zarten Schleier beides:
das reine Aroma der Zartheit und die brennende Gabe der Sinnenlust.

Das reine Aroma der geistigen Zartheit und die brennende Gabe
der Sinnenlust — starrende Starrheit der Seelenschmerzen und die
zehrende Weichheit der Sinnlichkeit — sie stehen neben ihr, personifiziert
in zwei Frauenfiguren links und rechts von der Braut-Frau: Die Nonne
und die Hetäre.

Die Nonne, das demütige Bild der Frommheit mit dunkelglühendem
Blick, ist lauter Fasten, Beten, Bußethun, lauter Eifer, Eifer voll grau-
samen Asketeutum; eine körperlose Frau in der marmorgrauen Falten-
umhüllung des halsabschließenden, stirnbehaubenden, armbedeckenden
Kleides.

Und die Hetäre, eine ungesättigte, nicht zu sättigende Sphinx, eine
düstere Sinnen-Dolores, triefend vom Genuß, eine thronende Falschheit,
die vor sich in ihrem Schoß in einem Becken, das ihre Hand mit festem
Griff emporhält, das Blut der Welten auffängt.

Und hinter der Kirchenbraut streckt sich zur rechten Seite, mit
traurigen, gebeugten Häuptern, von der Mittelfigur ab, (als ein lang-
gezogenes Echo der Strömungen aus der geistlichen Welt, als ein Chor
von Seelenstimmen) eine Reihe betender Mädchenköpfe, aus deren Mund
ein Geläute auszieht in Linien, die ringen und drehen kräuseln und
kämpfen, die ringend bersten, betend zusammenknien und flüchtend Nieder-
schlagen. während nach der andern Seite hin, hinter der Sinnenbraut der
Chor der Priesterinnen der Sünde teuselartig klares Geläute in Linien
aus ihren Kehlen steigen läßt: Schrilllinien von hohem Schall, Klang-
linien von sonorer Flucht, die hinausgehen hinter der rechten geweihten
Glocke, der streitenden Glocke, deren Klänge, mederschlagend in kämpfendem
Aufwall mir dem Heer der Stimmen, die aus dem Reich der Hetäre und
aus den Kehlen der Teufelinnen die das Faß der Weltsünde halten, ent-
stammen — gegen die göttliche Klangströmung aufkreischen.

Aber hinter diesem vollstimmigen Orchester von Linienwellen und
Rhythmusströmen, streckt sich kqlt und hart eine Reihe eiserner Behausungen ;
— darüber in Linien die nächtlichen Dünen, die im Mondenlicht einen
Ausblick lassen auf die leere weite See.

Die Kunst für Alle IX

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