Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Der Münchener Vuiistverein. vom Herausgeber. — Personal- und Ateliernachrichten.

stark wachsenden Bevölkerung eigentlich zurückzugehen.
Es hatte das seinen Grund sowohl in dem nachgerade
ganz ungenügend gewordenen Lokal, als noch mehr in
dem Umstand, daß der inzwischen mächtig gewachsene
Kunsthandel und die allmählich wieder zu größerem Glanz
gekommenen Kunstausstellungen dem Kunstverein eine er-
drückende Konkurrenz zu machen begannen.

Das führte endlich zu dem um 1869 vollendeten
Bau eines neuen zweckmäßigeren Lokals am Ostende der
Arkaden, was wieder frisches Leben in den etwas alters-
schwach gewordenen Verein brachte, ja die Mitglieder-
zahl auf 5400 steigerte. Schon nach zwanzig Jahren aber
zeigte sich auch das neue Gebäude der mächtig wach-
senden Produktion sowohl als noch mehr dem entsprechend
gestiegenen Besuch gegenüber als mehr und mehr un-
genügend. Um so eher war dies der Fall, als die in-
zwischen viel häufiger gewordenen großen Ausstellungen
dem Verein immer gefährlicher wurden. Denn ebenso
hatte sich auch das Ausstellen selber zu einer sehr raffi-
nierten Kunst entwickelt, so daß nunmehr gerade die
bedeutenderen Künstler die Lust verloren, in dem mangel-
haften Kunstvereins-Lokal auszustellen. Das ließ den
Gedanken eines zeitgemäßen Umbaues desselben entstehen,
der denn auch nach vielen Kämpfen im Jahre 1890 von Prof.
F. Thier sch zu allgemeiner Zufriedenheit durchgeführt
ward, wobei sich der Vorstand unter der Leitung des
Ministerialdirektors von Bürkel, wie der intelligente
und thatkräftige Geschäftsführer, Rat Wülfert, ganz
besondere Verdienste erwarben.

Dieser Neubau hat unstreitig den schon der Ver-
sumpfung nahen Kunstverein gerettet und dem siebzig-
jährigen Institut eine neue Jugend verliehen. Ja, man
kann wohl sagen, daß es jetzt seiner idealen Bestimmung
näher gekommen ist, als je vorher: die fortlaufende
Entwicklung der spezifischen Münchener Kunst, ihr be-
ständiges Werden und Wachsen, das Aufblühen neuer
und das Ausleben alter Richtungen innerhalb derselben
zu zeigen. Das kann man jetzt nirgends — am aller-
wenigsten in den großen Ausstellungen — so deutlich und
in so hochinteressanter Weise verfolgen, als in den jetzt
wohl das Vierfache an Wandfläche und die größte Ab-
wechslung der Beleuchtung bietenden, mächtig erweiterten
Hallen des Kunstvereins. Auf seinen Wänden werden
jetzt die Schlachten geschlagen, welche über die Zukunft
der Münchener Kunst entscheiden, deren Meister jetzt
sogar vollständiger auf dem Plan erscheinen als je zuvor.
Denn die gesamte Münchener gebildete Gesellschaft, von
dem in höchst förderlicher Weise dem Verein zugeneigten
Prinz-Regenten an bis zu der glühenden Jugend und
der Frauen warmherzigen Chor, ja bis zu allen besseren
Handwerkern hinab, nimmt durchaus Teil an diesen
Kämpfen.

Tausende besuchen jetzt wieder allwöchentlich den
Kunstverein nicht ohne eifrig zu schauen und zu prüfen
und sich der Sieger, wer sie auch seien, zu freuen. —
Ja, ein neues Prinzen- oder Ministerbild von Lenbach,
neue Frauenschönheiten, die uns Fried. Aug. Kaulbach
sehen und bewundern lassen, allerhand wunderliche Heilige,
mit denen uns Stuck oder andere verblüffen, sie regen
oft die ganze Münchener Gesellschaft auf und es wird
in allen Wirtshäusern für und wider gestritten. Noch
heftiger wird wohl der Kampf, wenn die Architekten
ihre neuen Pläne zu Münchener Monumentalbauten oder

die Bildhauer ihre Brunnen-Modelle ausstellen, mit
denen dieser oder jener Platz geziert werden soll.
Kurz hier im Münchener Kunstverein kann man jeden-
falls besser als irgend sonst wo in Deutschland kennen
lernen, was eine lebendige, wahrhaft volkstümliche Kunst
ist! Vielleicht auch, was die Künstler immer wieder so
energisch nach München zieht. Dazu gehört nun
nicht am wenigsten die naive und anspruchslose Art,
mit der die Münchener selber Kunstwerke auf sich wirken
lassen und sie ohne alle vorgefaßte Meinung betrachten.
Wenn ein Künstler die Wirkung seiner Schöpfungen auf
unbefangene Gemüter nur ruhig studieren will, so findet
er hier überreich Gelegenheit dazu. Und so dürfen wir
uns denn wohl des neuen Lebens von Herzen freuen,
das hier auf altem Grund emporgeblüht!

Berlin. Im Atelier Max Liebermanns ist eine
Reihe neuer Arbeiten zu sehen, Ergebnisse einer Reise nach Italien
und einer frischen Sommerfahrt durch Tirol und Bahern. Der
Arnoschäfer — ein sehr weiches, nobles Bild. Die Sonne ging
unter, ein milder grünlicher Duft liegt über dem italischen Strom-
gebiet — nach vorn verläuft sich, vom Flusse gespeist, ein mun-
teres Bächlein, in dessen schaumigem Wasser eiu Rudel Schafe
sich letzt. Die Gestalt des Bauern, der, auf den Stab gestützt, die
Tiere hütet, steht sehr weit vorn, die Figur schneidet ins Bild.
Der Horizont liegt sehr tief in rosigem Flimmer. Dann ein ver-
fallenes Interieur, in dem ein Tuchwalker seine Werkstatt einge-
richtet hat. Ein altmodischer Betrieb. In der Mitte — dreht
monotonen, schwerfälligen Ganges ein Pferd die ungefüge Holz-
mangel. Graue Töne, die unter dem sonnendurchströmten Fenster
in Silber verfließen und sich gegen das nasse Violett der be-
arbeiteten Tücher fein und sonderbar aufbauen... Viel Licht in
dem Biergarten von Brannenburg, wo man so beschaulich am
warmen Nachmittage der Ruhe sich hingeben kann — erfrischende
Kühle in der herrlichen Loretto-Allee bei Rosenheim; zur Linken ein
weiter Blick über dunstige Wiesen und Aecker: zwei Studien von
merkwürdig kerniger Naturempfindnng. Ferner findet man ein sehr
lustiges Motiv aus dem Kurgarten zu Wildbad; buntes Leben
und Bewegen — lauter sprühende, blitzende Farbentöne. Die
feinsten koloristischen Reize auch birgt ein Dorfbild im tiefblauen
Abendglanze. Die feste Natur ist aufgelöst in warmen, schim-
mernden Duft; wäge schleppt sich eine Herde im Staub der
hügligen Landstraße... Weiter: ein Lieblingsmotiv des Künstlers,
frisch erneuert. Waisenmädchen, die, an der roten Wand des
Hauses sitzend, überflimmcrt von der klarsten Sonne, schweigend
und ernst ihr Tagewerk erfüllen. Weiße Hauben, blasse Gesichter ...
Füge ich noch hinzu, daß Liebermann eben zwei neue Porträts,
Pastelle, vollendet hat — die Bildnisse der Gebrüder Grisebach,
des geistreichen Architekten sowie des temperamentvoll-klugen
Poeten — voll Leben und Seele, so habe ich annähernd die rast-
lose, freudig-angespannte, erfolgreiche Thätigkeit des Künstlers ge-
kennzeichnet, so wie sie sich in der letzten Zeit giebt. 12842;

Berlin. Akademisches. Der Besuch der akademischen
Lehranstalten für die bildenden Künste erreicht auch in diesem
Jahre nicht die Höhe, wie in den voraufgegangenen. Die aka-
demischen Meisterateliers für Malerei unter Leitung von Hans
Gude, Otto Knille und A. v. Werner werden im ganzen
nur von elf Malern, das Bildhaueratelier, Vorsteher Professor
Reinhold Beg as, von sechs und das Meistcratelier für Kupfer-
stich und Radierung unter Professor Karl Köpping nur von
zwei Stechern besucht. Die beiden Meisterateliers für Architektur-
unter Leitung von H. Ende und I. Otzen werden gegenwärtig
von einem Schüler frequentiert. Auf demselben niedrigen Niveau
hält sich die Besucherzahl der Schüler der akademischen Hochschule
für die bildenden Künste, Direktor Professor A. Werner. Nur
2l lPersonen einschließlich der Probearbeiter und Hospitanten nehmen
am Unterrichte an diesem Akademie-Institute teil, gegen 262 Per-
sonen im Vorjahr. — Durch den neuen Staatshaushaltsetat ist
die Kreierung einer neuen Lehrstelle für „Marinemalerei" in Aus-
sicht genommen. Durch das Meisteratelier für Landschaftsmalern,
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