Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Jabresausstelliing der American Artists. von j). ^ann.

Das Hervorragendste dieser Ausstellung sind übrigens
die Porträts. Den Ehrenplatz im größten Saal der
Vanderbilt-Galerie, nach dem jüngsten Sohne des Eisen-
bahnmagnaten genannt, welcher der Gesellschaft die
Mittel zum Bau des neuen Hauses zur Verfügung stellte,
nimmt ein lebensgroßes Damenbildnis vom Präsidenten
der Gesellschaft, William Chase, ein. Es ist die
Perle des Ganzen, ja vielleicht das Beste, das in diesem
Jahre in Amerika gemalt worden ist. Das Bild einer
schlanken Dame, mit sanftem melancholischem Gesichte,
ganz schwarz gekleidet, bis auf ein weißes Tuch über
den Schultern, das die rechte Hand über der Brust zu-
sammenrafft, Haltung, Anzug, Hintergrund, alles ist ein-
fach, vornehm und mit reifer Künstlerschaft gemalt. Ein
zweites Porträt von diesem Präsidenten der Gesellschaft,
der nicht nur dank seiner Würde präsidiert, ist das
Bildnis seiner kleinen Tochter Dorothea, im Atelier
stehend. Es fehlt ihm nur die überlegene Ruhe und
meisterhafte Gleichmäßigkeit der „Dame mit dem weißen
Shawl", um ein vollendetes Kunstwerk, wie sie, zu sein.
Ein drittes Bild, das eines Künstlers Jules Turcas,
zeigt männliche und kraftvolle Pinselführung und Auf-
fassung. Richard Creifelds bringt das ehrlich und
unaffektiert gemalte Porträt einer alten Dame; Hy de
das einer Dame in Weiß und das eines streitbaren
New Aorker Pastors, Or. Kainsford, der — o Wunder!

— Lhr. Ludw. Bokelmann f. von Jaro Springer. 2§d

— gegen die Mucker zu Felde zieht und den Armen
den europäischen Sonntag verschaffen möchte. Die Auf-
fassung ist eine treffliche, die Technik gut. Daß man es
fertig bringen kann, die Herren ohne den langweiligen,
unmalerischen Kellnerfrack zu malen, beweist Carrell
Beckwith, der das Bild eines unsrer vornehmen jungen
Herren im Fechtanzuge, die Gesichtsmaske über dem Arm
hängend, ausstellt. Derselbe Maler hat noch eine Dame
in Weiß. Bizarr und wenig ansprechend ist das Kinder-
bild von Weir, „Baby Cora", auf welchem die knieende
Wärterin das Kind dem Zuschauer entgegenhält und ein
zweites von Cecilia Beaux, ein kleines Mädchen,
neben seiner Kinderfrau einhertrippelnd. Von der letz-
teren sieht man nur die Füße, einen Teil von Schürze
und Rock. Es erinnert an eine Momentphotographie; —
die Sucht, wahr zu sein, ins Absurde getrieben. Lambert
erscheint mit dem vortrefflichen Porträt eines alten grau-
bärtigen Mannes, Hardie, Thorne und Mete als mit
schönen Bildnissen junger Damen. In dem kleinen Saal
mit Skulpturen fällt ein Porträt-Basrelief in Marmor
von Augustus St. Gaudens, dem talentvollen Bild-
hauer auf, der neulich vom Senat der Vereinigten
Staaten gemaßregelt wurde, weil er seiner allegorischen
Figur des Handels auf den Weltausstellungsmedaillen
weder Frack noch Beinkleider anzog.

Christian Ludwig Bokelmann

von llaro Springer (Berlin).

6Mls er einen Lorbeerkranz, den ihm dankbare Schüler
verehrt hatten, in seiner Wohnung aufhängen wollte,
ist Ludwig Bokelmann verunglückt und bald nach-

her, am 14. April, verschieden. Und wer von diesem
jähen Ende erzählt, der wird es sich nicht versagen können,
in dem grausigen Abschluß dieses Menschenschicksals etwas

von antiker Tragik zu finden. Bokelmann war nur
kurze Zeit der unsrige, zu kurz, als daß er in unserem
öffentlichen Kunstleben irgendwie hätte hervortreten oder
Einfluß und Nachfolge hätte gewinnen können. Bokel-
mann war Düsseldorfer. Nicht von Geburt, denn seine
Wiege stand in St. Jürgen bei Bremen, wo er am
4. Februar 1844 geboren wurde. Aber als Künstler
nach Schulung und Auffassung war Bokelmann Düssel-
dorfer. Und jetzt, wo es möglich geworden ist, sein
ganzes Leben zu überschauen, muß man es beklagen,
daß er sich schließlich hatte verleiten lassen, den heimi-
schen Boden zu verlassen. Es ist häufig konstatiert
worden, daß in der jetzt ausklingenden mittleren Periode
deutscher Kunst in diesem Jahrhundert die Maler viel-
fach von anderen Berufen zur Kunst herüberkamen und
die häufige Beobachtung, daß es diesen Spätlingen ver-
hältnismäßig leicht wurde, einen bestklingenden Namen
zu erwerben und eine führende Rolle zu übernehmen,
ist nicht als günstiges Zeichen für die künstlerische Jn-
tensivität dieser Periode ausgelegt worden, da ein solches
rasches Fnßfassen im Künstlerberuf und das Überspringen
der Zünftigen nur in Zeiten möglich erscheint, in denen
es der Kunst weniger auf das handwerksmäßige Können
als auf das geistreichere Wollen ankommt. Auch Bokel-
mann war, bevor er die Düsseldorfer Akademie bezog,
mehrere Jahre lang als Kaufmann in verschiedenen
Städten Norddeutschlands thätig. Und da wir nur zu
gerne bereit sind, spätere Äußerungen gern auf Jugend-
eindrücke zurückzuführen, so möchte man wohl auch in
der Behandlung sozialer Stoffe in Bokelmanns Bildern
etwas von der trockenen Auffassung des norddeutschen

Die Kunst für Alle IX.

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