Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Bruno Higlhein f. — Die Technik des Kupferstiches. Von Friedrich kipp mann.

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Schaffenskraft und seit Jahr und Tag und länger hat
er wohl keinen Pinsel mehr berührt. Piglhein hatte
sich 1892 der „Secession" angeschlossen, als die Spaltung
in der Münchener Künstlerschaft vor sich ging. Gehörte
er auch in seiner Ausdrucksweise nicht zur jüngsten
Richtung, so wehte ihn doch der frische Zug in der
modernen Malerei sympathisch an. und er sprach oft
davon, daß auch seine Weise nunmehr ganz anders
werden müßte. Seinem Können und seinem Talente
wäre es ja ein Leichtes gewesen, die Errungenschaften
der Kunst einer neuen Zeit sich anzueignen und jene
selbst zu fördern. Er kam nicht dazu. Vor einem
Jahre legte er sein Amt als Präsident der Secession
nieder — am 17. Juli 1894 haben wir ihn begraben.
Ein Strom von Blumen quoll über den jSarg des
Schönheitsfreudigen in seine Gruft.* **)) kl. IV.

MM

Die Technik de^ Kupferstichs.

von Friedrich Lippmann.")

Af^upferstechen nennt man das Verfahren,
vT eine Zeichnung vertieft in eine Kupfer-
platte zu graben, um mit der Platte Ab-
drücke auf Papier, Pergament'u. dergl. zu
machen. Die Abdrücke nennt man Kupferstiche.

Die zum Stechen geeignete Platte muß
aus reinem Kupfer vollständig rissefrei her-
gestellt und glatt gehämmert sein. Sie hat
eine ihrer Größe entsprechende Stärke von
etwa anderthalb bis drei Millimeter. Nach
dem Hämmern wird die Platte spiegelblank
Poliert.

Man unterscheidet verschiedene Gattungen
von Kupferstichen nach der Art ihrer Aus-
führung.

Bei dem eigentlichen Kupferstich
geschieht das Eingraben der Zeichnung in
die Platte ausschließlich oder doch vorwiegend
mit dem Grabstichel (Grabstichelarbeit). Der
Grabstichel, Stichel, ist eine Stahlstange
von quadratischem oder rautenförmigem
Querschnitt. Das eine Ende der Stange ist
schräg abgeschliffen, wodurch an einer Kante
eine kräftige und scharfe Spitze gebildet
wird. Das andere Ende des Stichels steckt
in einem hölzernen Griff, der dem Stecher
beim Arbeiten in der inneren Handfläche
aufliegt. Die Striche, die im fertigen Werk,
im Abdruck, schwarz erscheinen sollen, werden
mit dem Grabstichel in die Platte eingefurcht,
eingestochen. Der Stichel wird bei der Arbeit
so gehalten, daß er einen sehr spitzen Winkel

Der

*) Vervielfältigungen des Panorama von
Jerusalem in Holzschnitt und Photographie erschienen
Grabstichel, bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart zum
Preise von 8 bezw. 6 Mark.

**) Wir entnehmen mit gütiger Genehmigung der General-
Verwaltung der Königlichen Museen, und des Autors diese
vorzügliche Darstellung dem kürzlich erschienenen Werke: „Der
Kupferstich" von Friedrich Lippmann. (Handb. der Kgl. Museen,
Berlin, W. Spemann. Geb. 3 M.)

Führung und Haltung
des Grabstichels.

zur Oberfläche der Platte bildet. Die Spitze wird
durch den Druck des Handtellers auf den Griff des
Stichels nach vorwärts in der Richtung des zu bildenden
Strichs bewegt. Der Stecher hat die Platte, wenn sie
klein ist, auf einem mit Sand gefüllten Lederkiffen liegen,
wenn sie groß ist, auf einer Art Staffelei befestigt, aber
immer beweglich, so daß er sie dem Zug des Stichels
entgegenführen, entgegendrehen kann. Je tiefer und
klarer die Linie in das Kupfer gegraben ist, ein desto
kräftigerer und reinerer Strich wird sich im fertigen
Werk zeigen.

Indem der Stichel die der Form seiner Spitze
entsprechende Furche in das Kupfer zieht, drückt er zu
beiden Seiten etwas Metall empor, das eine Rauhig-

Profil der vom Grabstichel gezogenen Furche

keit bildet, den sogenannten Grat, der in der Regel
entfernt werden muß. Dies geschieht mit dem Schaber,
einem kurzen, dolchartigen Stahlinstrument mit drei

Der Schaber (verkleinert).

scharfen Kanten. Der Schaber wird über die Fläche
der Platte den gezogenen Strich entlang geführt und
dadurch der Grat fortgenommen. Der Schaber wird
auch benützt, um Fehlstriche oder ganze Stellen aus der
Platte auszuholen. Um den mit dem Schaber bearbeiteten
Stellen die nötige Glätte wiederzugeben, werden sie mit
dem Polier stahl bearbeitet, einem Stahlinstrument
von dolchartiger Form, rundem oder ovalem Querschnitt
und hochpolierter Oberfläche. Durch Übergehen mit
dem Polierstahl können auch die Züge des Stichels zu-
sammengedrückt und abgeschwächt werden. Der Gebrauch
des Polierstahls ist einigermaßen dem des Gummis beim
Zeichnen mit dem Bleistift auf Papier vergleichbar.

Die Schneidenadel ist eine kräftige Stahlnadel
mit scharfer Spitze, mit der man auf dem Kupfer bei-
nahe ebenso zeichnet wie mit dem Stift auf Papier. Die
Schneidenadel oder, wie man sie auch nennt, die Kalte
Nadel, ritzt das Kupfer und erzeugt äußerst feine Linien.
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