Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

Seite: 228
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Die Frühjabr-Ausslelliing der Münchener Secession.

Wer wüßte nicht, wer Albert Keller in München ist, wenn er einmal nur gegenüber einer seiner geistvollen
Arbeiten gestanden hat. „Die Auferweckung von Jairi Töchterlein" in der Pinakothek zu München ist eine
von den vielen. Zum Glück wurde sie zu einer Zeit für den Staat erworben, wo der volle Wert eines wahren
Kunstwerkes den leitenden Gesichtspunkt bei solchen Ankäufen bildete. Schade, daß das anders geworden ist!

Ich kann sie nicht alle aufzählen, die da vertreten sind. Zwar umfaßt die Ausstellung nicht mehr als
dreihundertundvierzehn Nummern, doch ist das gerade genug. Die Menge thut's in diesem Falle nicht. Hätte
es sich um ein quantitatives Ausstellen gehandelt, dann hätte man auch das Zehnfache zur Stelle haben können.
Drum nur noch ein Wort über den Gesamteiudruck.

Frische — das ist wohl das ausgesprochenste Gefühl, was den unbefangenen Beschauer vis-a-vis
der ausgestellten Arbeiten überkommt. Ich meine damit nicht die Temperatur, die in den Räumen herrscht und
sich an Fingern, Nasen und Fußspitzen bis dato ganz entschieden bemerkbar macht. Dem könnte in künftigen
Fällen wohl abgeholfen werden, und niemand wäre der Ausstellungsleitung darum gram. Nein — ich ver-
stehe unter Frische den frischen Zug, der das hier Gebotene durchweht. Die Ausstellung ist eine beredte Inter-
pretierung des Wortes: „Eines schickt sich nicht für alle" (wobei denn freilich das Schlußwort eines Spaß-
vogels — „und wer malt, daß er gefalle" vielfach unbeachtet blieb). Viele Wege führen zum Ziele. Daß nach

diesem mit Aufbietung aller ernsten Schaffenskraft ge-
strebt wird, und zwar auf individuelle Weise, Gott
sei's gelobt, endlich gestrebt wird, der Zwang der an-
erzogenen Anschauung aber, das Resultat der Massen-
Erziehungs-Institute, mehr und mehr in Wegfall
kommt, das kann keinem verborgen bleiben, am ehesten
jenen nicht, die mit prophetischer Stimme aus der
freien Äußerungsweise des Individuums den Anfang
zum Weltuntergänge prophezeien und dabei entschieden
in erster Linie an das möglicherweise eintretende Zu-
grundegehen des eigenen Sesselchens denken. Nur keine
Angst! Die Well wird auch in Zukunft darauf Bedacht
nehmen, ihre antiquarischen Akademie-Museums-Stücke
zu haben, gerade so gut wie man jetzt die Folterkammern
von ehedem ausstellt.

Wer etwas von den künstlerischen Daumenschrauben
unsrer Zeit wissen will, der lese in dem geistreichen
Buche von Geoffroy „I-a vis artisticgus" den Aufsatz:
„Te daZ-ns cks l'Ickeal", womit der Verfasser eine
Schilderung des Lebens der vielbeneideten Pensionäre
der Villa Medicis zu Rom giebt, sowie der sicheren
Pfründen, die ihrer später harren. Regnault ist dort
nicht umsonst davongelaufen, um ein selbständiger
Künstler zu werden. Welcher ganze Kerl thäte das
nicht? Streben nach Selbständigkeit, das ist auch der
Hauptausdruck der secessionistischen Frühjahr-Aus-
stellung zu München, beim einen Aussteller mehr, beim
andern in verborgenerer Weise; überall aber dokumen-
tiert sich Wille, Mut, und dem Mutigen gehört die
Welt, warum nicht auch die Kunst I Glück auf drum!
Aus vollem Herzen: Glück auf!

Selbstporkrät. von Paul Schröter.

Lrübjabr-Ausstellung 1894 der Münchener Secession.

KxhoriSmeir.

Lieber mit kindlichem Unverstand,

Tritt vor ein Kunstwerk ihand in kiand,
Als mit der Klugheit, die alles versteht,
Alles bekrittelt, zerstückt und verdreht.

)2esser: ein Meister im Geringen,

Als ein Pfuscher in großen Dingen.
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