Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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New vorker Aunstbericbt. von p. ksann, — Rundschau, von 6. kelfericb.

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Robert C. Minor bringt in „Mondschein an
der Niantic Bai" und einer Herbstlandschaft zwei Bilder,
die als die Anziehungsstücke der Ausstellung bezeichnet
werden können, so trefflich ist in beiden die Lichtwirkung
und im erstem die Behandlung des fließenden Wassers,
im letztem die der Laubmassen. Henry Smith wieder-
holt sein köstliches Frühlingsbild, das in der Frühjahrs-
ausstellung so schnell einen Liebhaber fand, in größerem
Maßstab, ohne daß die üppigen Gräser und Büsche, das
Wässerlein, das sie wiederspiegelt, etwas von ihrer Frische
eingebüßt hätten. Trefflich sind auch noch „Ein Morgen
in den Adirondacks" von Briggs, Silver Bay,
Lutze George von Bristol, ein Strandbild im Herbst
von Homer D. Martin, die Schafbilder von Tait.
Moran hat auch diesmal wieder einen großen Feier-
tagsspektakel der Natur abkonterfeit, die blaue Quelle
aus dem Pellowstone-Park mit ihrer Umrahmung von
grellfarbigen Steinen. Außerdem ist er mit einem
großen Bilde „Venedig" erschienen, dessen verfließende
Nebel beweisen, daß er den alten Turner nicht ohne
Nutzen studiert hat. Von diesem Altmeister der eng-
lischen Landschaftsmalerei ist nämlich soeben ein Herrn
Cornelius Vanderbilt gehöriges „Venedig" im Metro-
politan-Museum zu sehen, das einen wie das Original
zu Woraus Bilde anmutet.

Unter den Porträts erregt ein Pastellbild von
Wells Champney, die bildhübsche Schauspielerin Grace
Kimball in einer Rokokorolle mit gepudertem Haar
und Schönpflästerchen darstellend, durch geradezu ver-
blüffende Keckheit und Leichtigkeit der Ausführung Auf-
sehen. Das Bildnis des ehemaligen Kriegsministers
Proctor für die Galerie des Kriegsministeriums in
Washington von Robert Gordon Hardie gemalt,
besticht durch ehrliche, solide Technik. Karl Weidner
stellt das Porträt einer schönen Millionärin, Mrs. Chapin,
aus, an welchem außer der virtuosen Stoffmalerei noch
die fein behandelten Hände auffallen.

Von den Anekdotenbildern ist nicht viel Rühmliches
zu berichten. „Träumend" von Wm. Morgan, eine
junge Schläferin, hat gute Lichteffekte. Louis Moeller,
nicht nur durch den Namen, sondern auch durch seine
gründliche, allem Flunkern abholde Malweise deutsche
Herkunft und Schule verratend, ist mit drei guten
Bildern vertreten: „Das Tischgebet", ein altes Ehepaar
mit ihrer Tochter beim gedeckten Tische Andacht haltend,
„Sein glücklicher Tag" (ein Amateur-Fischer seinen be-
wundernden und erstaunten Freunden die Beute zeigend
und gehörig aufschneidend) und „Übertrefft das!", eine
Gesellschaft beim Würfelspiel um den Gewinner, der
alle Augen warf, gereiht. Brown bringt wieder zwei
seiner unvermeidlichen Jung-Amerika-Bilder, die mit der
Zeit doch eintönig wirken.

Außer der Schule von Barbizon erfreut sich kein
französischer Landschaftsmaler so opferwilliger Anhänger
unter den amerikanischen Kunstsammlern und so eifriger
Nachahmer unter den jungen amerikanischen Malern wie
Jean-Charles Cazin. Die American Art Association
veranstaltete zu Ehren seines Besuches in New Jork eine
Ausstellung von mehr als 100 seiner Bilder, so einen vollen
Überblick über Anfänge, Entwicklung und reife Meister-
schaft dieses letzten — vielleicht auch wieder ersten —
Romantikers (nicht bloß die Erde dreht sich, sondern auch die
Kunstanschauungen auf ihr) gewährend. Es ist nicht zu

leugnen, daß man dieser Zwielichtstimmungen, dieser
Nachtbilder, die nur durch Sternenglanz oder schwaches
Mondlicht Beleuchtung empfangen, dieser regenfeuchten,
gedrückten, melancholischen Atmosphäre etwas müde wird,
wenn man sich einer solchen Anhäufung derselben gegen-
über sieht. In der ganzen Kollektion sind kaum zehn
Bilder, die Tageshelle zeigen; eines davon „Weizen-
ernte" scheint sogar anzudeuten, daß der Maler der
poetischen Stimmung, der zerfließenden Melancholie,
wenn er es will, auch der Kraft nicht entbehrt, ein
zweites eine „Dorfstraße zur Mittagsstunde" mit den
flimmernden Sonnenstrahlen ist voll packenden Lebens.
Aber die Regel sind Dämmerung, durch welche die all-
täglichsten Dinge einen Hauch des Poeuschen bekommen,
zarte, weiche Farbentöne meist grau, blaßgrün und gelb.
Etwas Weichliches, Zerflossenes haftet den meisten Ge-
mälden an, es ist nichts Überwältigendes, Glänzendes,
Leidenschaftliches an ihnen, aber alle fesseln, ergreifen,
ja rühren. Alle zeigen, daß wir es mit einem Künstler
von Gottes Gnaden zu thun haben.

Im vollsten Gegensatz zu diesem Träumer in Farbcn-
tönen, obgleich wie er sich zur selben Schule, den Im-
pressionisten, zählend (mit Recht, denn eigentlich umfaßt
diese Bezeichnung jede individuelle Kunstauffassung), ist
ein anderer fremder, soeben in New Jork weilender
Maler, der Norwege Andreas Horn, von dessen Bildern
im Kunstsalon Keppel eine Auswahl zu sehen ist. Kraft
und nur Kraft, die manchmal in wahrer Berserker-
stimmung über die Stränge schlägt, spricht aus seinen
Bildern. Er liebt die grellsten Lichteffekte, läßt die
Sonne auf seinen nordischen Meeren und Felsen in
orangefarbenen und violetten Reflexen spielen, verschmäht
jeden weichen intimen Ton. Etwas nordisch Unerbitt-
liches liegt in seinem Damenporträt, in der glänzenden
Marine, in den zwei Frauenstudien im vollsten Licht.

Rundschau.

von Lerman Lelferich.

i^ozef Israels beging am 27. Januar d. J. seinen
siebenzigsten Geburtstag. Der größte, der erste
Maler seines Landes, hat er einen weit über Holland
hinausreichendeu, durch alle Länder, in denen Kunstsinn
verbreitet ist, verkündeten Ruhm; und indem man
seinen siebenzigsten Geburtstag feiert, feiert man wohl
auch gleichzeitig ein Stück holländischer Kunstgeschichte.

Wer den liebenswürdigen Herrn kennt, wer ihn in
seiner großen Werkstatt mit der kleinen Eingangsthür
gesehen hat, — sitzend über eine Staffelei gebeugt, auf
der ein angefangenes Aquarell fertig wird, oder viel-
mehr der Jsraelsschen Malweise gemäß ein den Philistern
fertig scheinendes Aquarell wieder in ein skizzenhaftes
zurückverwandelt wird, — wer ihn in seiner Werkstatt
gesehen hat, klein von Figur und abgesehen von seinem
großen Talente auch groß an Geist und Intellekt, sehr rege,
scharfsinnig, mit Augen, die, hinter der Brille hervor-
lugend, klug blicken und doch so freundlich dabei blicken
— mit einem großen Verständnis für Gemüt und Musik
und Lyrik in ihnen —, wer ihn gesehen hat, es sei
während der rastlos fortgehenden Beschäftigung mit der
Arbeit, wobei er die Augen fast geschlossen hält, die
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