Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die moderne Kunst Spaniens. — Das Bild als Wandschmuck.

maler ist. Diese Überflutung der Ausstellungen mit mittelmäßiger Ware ist wohl auch die Ursache, weshalb

die bedeutenden Künstler und die meisten Mitglieder der Akademie von San Fernando sich den letzten Aus-

stellungen fern gehalten haben. Es wäre daher zu wünschen, daß die Ausstellungskommissionen bei der Aufnahme
von Kunstwerken strenger verführen, als es in den früheren Jahren geschehen ist. Bemerkenswert ist, daß seit

1888 auch ein starker Rückgang in der Zahl der Studierenden zu verzeichnen gewesen ist.

Die Unterstützung, welche die Künste bei ihrem Erwachen zu neuem Leben von dem Adel und der
Regierung erfuhren, ist andererseits sehr dürftig geworden, die Künstler sind daher fast ganz auf die aus-
ländischen Märkte angewiesen. Die Hereinziehung der Künste in den Kreis der zur allgemeinen Bildung erforder-
lichen Wissenschaften und Fertigkeiten schädigt die Kunst ebenfalls bedeutend und ist ihrer Fortentwickelung nicht
günstig. Da die Kunst nach Brot gehen muß, so paßt sie sich dem Geschmack und der Mode der fremdländischen
Märkte so weit als möglich an und vermag nicht, sich innerlich anszubilden und zu kräftigen, zu völliger nationaler
Selbständigkeit zu gelangen.

Trotzdem zeigt die heutige spanische Malerei gewisse Charakterzüge, die sie von der der übrigen Völker
auszeichnen. Es sind dies die Neigung zu düsteren, blutigen, die Sinne und Nerven reizenden und sie er-
schütternden Vorwürfen; die zum Impressionismus, Realismus und Naturalismus; die Sucht nach Originalität
und Genialität; eine materialistische sinnliche Empfindungsweise, die Betonung aller Äußerlichkeiten und dekora-
tiven Elemente und eine beinahe unübertreffliche Virtuosität in der Behandlung des Kolorits und der Beleuch-
tung. Dagegen vermißt man nur zu oft und selbst in bedeutenden Werken Sicherheit und Richtigkeit der Zeichnung
und Beherrschung der Gesetze der Perspektive.

Das Gesamtbild, welches die spanische Kunst der Gegenwart uns bietet, ist im allgemeinen somit ein
höchst erfreuliches, glänzendes und vielversprechendes, obgleich nicht zu verkennen ist, daß seit einigen Jahren
ebenso wie auf dem litterarischen Gebiet auch auf dem der bildenden Kunst ein Süllstand in der Fortentwickelung
eingetreten ist. Dem großen Aufschwünge der siebziger Jahre und der ersten Hälfte des achten Jahrzehnts ist
eine bedenkliche Erschlaffung gefolgt, die ihren Grund zum Teil in den sehr unsicheren schwierigen Zeitver-
hältnissen hat.

Daß Vtld alß Wandschmuck.

von Ernst gimmermami.

ie Sitte, die Wände des bürgerlichen Zimmers zum
Schmucke und zur Belebung mit Bildern zu be-
hängen, ist aufgekommen, als die Kunst, ihren streng
religiösen Charakter verlierend, zur Profaukunst wurde,
und Holland und die Niederlande, wo dieses am Ende
des 16. Jahrhunderts zuerst mit aller Konsequenz ge-
schah, sind daher auch dafür die Ausgangspunkte ge-
worden. Reich waren damals diese Länder mit Künstlern
aller Art besät. Bedeutende wirkten neben unbedeutenden.
Der eine schuf indem er erfand, der andere nur nach-
ahmend. Es konnte bei der Fülle des Angebots auch
der weniger Begüterte sein Heim mit Originalwerken
schmücken.

Vor jener Zeit erschienen die Wände der Stuben,
in denen der schlichte Bürger sein Alltagsleben ver-
brachte, wie wir es noch aus zahlreichen alten Bildern
ersehen können, nach unserem verwöhnten modernen
Geschmacke kahl und leer. Der Ofen in der Ecke oder
der Kamin in der Mitte der Wand, die Borte mit
Krügen und anderen Gebrauchsgegenständen über der
Thür oder, wo sonst sich Platz bot, verschiedene Haken
zum Aufhängen der Kleider, der hohe Aufbau des all-
gemein üblichen Himmelbettes, sowie die wenigen Schränke
und Truhen belebten die Wände der damals freilich
meist niedrigen Zimmer, so gut sie es konnten, ohne
sie freilich nach unseren Begriffen zu füllen. Den
wichtigsten Gebrauchsgegenständen gesellte sich dann im
15. Jahrhundert in den Niederlanden, als erstes Luxus-
gerät für die Wand und noch dazu als rechtes Kind

der spielenden Mode der runde, konvex geschliffene
Spiegel zu, der seltsam verzerrt sein Gegenüber wieder-
gab, verwandt jenen farbigen Glaskugeln, mit denen
wir vor nicht allzu langer Zeit noch unsere Gärten
zu schmücken meinten. In anderen Teilen Deutschlands
dagegen ward es, wie Hans Sachs in einem seiner
vielen Gedichte berichtet, Brauch, den Holzschnitt, für
den selbst die größten Meister damals schufen, und dem
man gerade deshalb Wohl ein möglichst großes Format
zu geben suchte, an die Wand zu heften. Es ist dieser
„Brief an die Wand", wie der damalige Sprachge-
brauch ihn nannte, gewiß der allererste rein künstlerische
Wandschmuck des Bürgerhauses, freilich eingeführt in den
einfachen Hausrat desselben durch das religiöse Be-
dürfnis, das Abbild von Heiligen, das diese Holzschnitte
anfangs meist darstellten, im eigenem Heime zu besitzen.

Heutzutage kommen wir in unserem Streben ohne
den Schmuck von Bildern überhaupt nicht mehr aus;
ein jeder verlangt ihn für seine Wohnstätte, sei es in
Originalen, sei es in irgend welchen Reproduktionen,
und man kann ja im Grunde genommen dagegen nicht
viel sagen. Aber wie so oft, sind wir auch hier in
unserem Mangel an wirklich künstlerischem Empfinden
zu Übertreibungen gelangt. Wir haben uns nicht immer
überlegt, was die eigentliche Aufgabe der Bilder in
unseren Zimmern ist, wie wir die Bilder aufzuhängen
haben und welche denn überhaupt. Ursprünglich war
es die Freude an den Bildern, dem Kunstwerke selber
oder bloß seinem Inhalte, die dazu führte, sie so anzu-
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