Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die große Berliner Kunstausstellung (89-4. von vr. Relling.

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Was ich auf dem Bilde sehe, halte ich doch für modern
posiert. Mich stört noch etwas. Das Bild ist, ich
möchte sagen, im ostpreußischen Dünkel gemalt. Die
Ostpreußen halten sich bekanntlich für Preußen erster
Klasse und die Freiheitskriege haben sie allein gemacht.
Wenn sie darüber sprechen, werden sie unleidlich. Ich
möchte glauben, daß diese Gesinnung sich in Brause-
wetters Bild erkennen läßt. Charakteristischer Weise
nehmen unsere Schlachten- und Historienmaler ihre Stoffe
lieber aus den Freiheitskriegen als aus unserem letzten
großen Feldzug. Daraus einen verfänglichen Schluß zu
ziehen, muß ich mir an dieser Stelle versagen. Patrio-
tische Bilder auf den 70er Krieg sind mir nur wenige

ausgefallen. Au erster Stelle zu nennen ist Anton

von Werners Bild: „Im Etappenquartier vor Paris".
Soldaten, die es sich in einem eleganten Salon bequem
gemacht haben und hier nun, des Krieges vergessend,
musizieren. Der feine Humor, mit dem Werner solche
ansprechenden Szenen zu gestalten weiß, läßt diese Art
seiner Bilder weit höher schätzen als die gemalte Staats-
aktion z. B., mit der er uns im vorigen Jahre kam.

Eine Episode aus der Schlacht bei Leuthen hat Adolf

Schlabitz in recht origineller Weise gemalt. Wir
sehen ein Regiment Kavallerie am haltenden großen
König vorüber zur Attacke vorreiten, rechts stehen öster-
reichische Gefangene. Also drei Gruppen und Motive:
links die vorsprengende Reiterei, in der Mitte der König
mit seiner Suite, rechts die Gefangenen. Aber die drei
Motive sind keineswegs pedantisch zusammengesetzt. Am
besten gefällt die in kühlem Realismus gegebene Gestalt
des großen Königs, die sich von aller billigen Ver-
himmelung fern hält. Theodor Rocholls Bild:
„Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn"
sein preußischer Husarenoffizier, der einer französischen
Kavalleriepatrouille entwischt) ist wenigstens ein malbarer
Gegenstand aus dem Kriegsleben und lehrt wieder, daß
doch allein die Szenen des kleinen Krieges eine künst-
lerische Behandlung gestatten. Gegen die Ausführung
wäre manches zu sagen, aber ohne begründetes Recht
in dieser Ausstellung. Eine anmutige Szene aus dem
französischen Krieg hat Emil Hünten in dem Bilde
»Honneur aux ckames« behandelt. Sein „Gefecht bei
Tobitschau 1866" ist dagegen recht mißglückt, die an-
greifenden preußischen Kürassiere sind in so lahmer Haltung,
daß man diesen langweiligen Reitern die Wegnahme
einer österreichischen Batterie nicht recht glaubt. Dies
Bild hängt wieder im Ehrensaal. Schließlich ist auch
noch ein wirklich künstlerisches Geschichtsbild im Ehren-
saal zu finden: Hans von Bartels Aquarell
„Seetreffen am Kap Vincent zwischen der kurbranden-
burgischen und spanischen Flotte". Bartels erscheint hier
zum erstenmale als Historienmaler, ob er den Gegen-
stand glücklich gegriffen hat, will ich nicht erörtern,
jedenfalls könnte die Güte der Ausführung für manches
entschädigen, was etwa am Stoff auszusetzen ist. Mir
ist Bartels freilich lieber, wenn er Meer, Strand und
Fischerweiber malt. Die große Allegorie von Hugo-
Vogel, das bestbestaunte Bild des Ehrensaales, stellt
nach der Angabe des Katalogs folgendes dar: „Die In-
dustrie, unter dem Schutze der von der Wehrkraft gehal-
tenen Reichskrone, übergiebt Arbeitern ihre Werkzeuge".
Das klingt wie ein gemaltes politisches Programm, und
es kommt bei diesem Bilde schließlich auf eine Verherr-

lichung des neuen Kurses heraus. Die Segnungen der
Militärvorlage und des russischen Handelsvertrages und
das Glück und die Zufriedenheit der Arbeiter infolge
der sozialen Gesetzgebung sind gemalt, wie es in einem
Leitartikel der Norddeutschen Allgemeinen etwa zu lesen
ist. Mancher Hütte es ja freilich lieber gesehen,
wenn ein Artikel aus Hardens Zukunft zu Grunde ge-
legt worden wäre. Aber es ist jedenfalls ein patriotisches
Bild, und wem der Patriotismus nicht paßt, der wird
wenigstens zahlreiche schöne Einzelheiten im Bilde bewun-
dern können. Denn selbst in dieser Ausstellung wird
man manchmal vom Gegenstand absehen und nach künst-
lerischen Qualitäten die Bilder beurteilen dürfen. Wenig-
stens bei Vogel wird das gestattet sein, weniger vor der

Porlräl. von Robert lvarthmüller.

Große Berliner Kunstausstellung 1894-

seltsamen Allegorie als vor dem trefflichen Porträt des
Bürgermeisters vonHamburg,vr. Versmann, das Vogel für
die Hamburger Kunsthalle gemalt hat. Die Vergleichung mit
Liebermanns hamburgischem Bürgermeister, einem der
besten modernen Porträts, wenn es auch den Hamburgern
noch nicht gefällt, drückt Vogels Bild. Es ist nicht so
viel anders als das Liebermannsche, um unbeeinflußt
von der Vergleichung neben diesem selbständige Geltung
zu gewinnen. Aber es kommt doch bald nach Lieber-
manns Bild und wird, da es im ganzen kompromiß-
licher gehalten ist, in Hamburg gewiß besser gefallen.
Von den sonstigen Porträts des Ehrensaales verdienen
das Kaiserbildnis von Th. Ziegler und Porträt des
Generals von Roques von Th. Wedepohl kaum Er-
wähnung. Von Frau Vilma Parlaghi findet sich

Die Kunst für Alle IX.

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