Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die Kunst im kaufe.


Nachbildung rinrs römischen
Maskännchens.

Rotwein nicht aus grünen Gläsern trinken.
Dagegen ist die Farbe des Glases entscheidend
und bestimmend für dessen weitere dekorative
Behandlung und hier dürfte die Bemerkung
erlaubt sein, daß in der Bemalung der
Gläser heute viel weiter gegangen wird,
als ästhetisch zulässig erscheint. Weißes,
d. h. farbloses Glas und durchsichtiges ge-
särbtes Glas bleibt unter allen Umständen
am schönsten, wenn es auf Malerei ver-
zichtet. Wo die Reinheit und Farblosigkeit
des Glases oder wo die durchsichtige klare
Farbenschönheit zum Ausdruck kommen soll,
kann man nur dadurch den Reiz noch er-
höhen, daß man die Lichteffekte verstärkt,
und dieses geschieht durch Gravieren und
Schleifen. Letzteres eignet sich besonders
für gefärbte Gläser. Die durch das Schleifen
erzeugte Abwechslung in der Wandstärke
der Gläser bewirkt ein überaus gefälliges
Farbenspiel, das Glas erscheint hell und
dunkel, die einzelnen Farbennüancen spiegeln
sich im strahlenden Lichte und geben dem
Gefäße einen ausdrucksvollen feurigen Glanz.
Für reine, farblose Gläser eignet sich mehr
das Gravieren oder „Schneiden". Durch
die mit dem kleinen Rade eingeschnittenen
Verzierungen erhält der Glaskörper ein
mattes Ornament auf strahlendem leuchten-
den Grunde und werden in diesem Orna-
mente einzelne Stellen, wie Punkte und
Kreise, später poliert, so erscheint dasselbe
wie ein feines mit glänzenden Thautropfen
besetztes Netzwerk, das den mehr wesenlos
scheinenden Körper umzieht und garniert.

Aber die Alten haben doch auch ihre
durchsichtigen, namentlich hellgrünen Gläser
mit opaken Farben bemalt! Da sind unsere
Neichshumpen, die Adler- und Kurfürstcn-
gläser, die Fichtelbergergläser u. a. Das
waren aber doch meistens Ziergläser und
Prunkgläser und nicht Gefäße für den ge-
wöhnlichen Gebrauch und wer recht un-
befangen an diese Produkte herantritt, muß
sich denn doch gestehen, daß hier auch die
Alten des Guten zu viel gethan haben.
Zur Begründung dieses Satzes braucht man
bloß auf die Fensterglasgemälde zu sehen.
Die alten Glasgemälde zeigen die Muster
und Figuren aus durchsichtigen unbemalten
Glasstücken zusammengesetzt und die Zeit,
in der man Glasgemälde durch wirkliche
Malerei herstellte, ist längst vorüber. Nur

ganz wenige Farbentöne, z. B. gelb, werden
heute noch aufgemalt und eingebrannt; sonst
behilft sich der Glasmaler meist mit ver-
schiedenartig gefärbtem reinem Glas, dem
bloß Konturen und geringere Schattierungen
aufgemalt werden. Unsere Glasindustrie
würde gar nichts verlieren, wenn sie die
Malerei nur auf opake undurchsichtige Gläser
beschränken würde.

Nun die praktische Nutzanwendung.
Unsere Glasindustriellen sind dank den Fort-
schritten der Chemie, dank einer ausgebildeten
Technik und dank dem Studium der alten
Glasschätze in den Museen längst soweit
fortgeschritten, daß ihnen nichts unerreichbar
ist, was die Alten erreicht haben. Da ist
z. B. die von Direktor Rauter so verständnis-
voll geleitete Hütte in Ehrenseld bei Köln,
welche in der Nachbildung römischer und
venezianischer Glasgefäße auf der höchsten
Stufe steht, welche die alten Techniken des
Mittelalters und der Renaissance virtuos
handhabt und einen bewundernswerten Ge-
schmack in ihren ganz modernen Arbeiten
entwickelt. — Da ist die Hütte von Mehrs
Neffe in Adolf bei Winterberg in Böhmen,
welche die altböhmischen gravierten Gläser,
welche im Kunstgewerbemuseum in Prag
sich befinden, mit einer Meisterschaft und
einem Verständnis nachbildet, die Bewunde-
rung erregen. Da sind unsere bayerischen
Fabriken, wie die von v. Poschinger in
Buchenau, von Steigerwald in Regenhütte,
von Stangl in Spiegelau rc., welche voll-
ständig auf der Höhe der Zeit stehen —
aber unser Publikum im großen und ganzen
entwickelt noch sehr wenig Verständnis für
die Schönheit und den Wert, die kunstvoll
gearbeitete Glasgesäße zeigen. Das Glas
ist bei uns billig, sehr billig geworden und
dessen fast allgemeine Verwendung zu den
derben, formlosen und schwerfälligen Bier-
gläsern hat dazu beigetragen, das Glas-
gefäß überhaupt mehr vom Standpunkt des
Aichmeisters zu beurteilen. Das Glas ist
aber ein so edles Material, daß es die
schönsten Formen für seine zweckmäßige
Erscheinung verdient und daß es ein Recht
darauf hat, in diesen Formen auch gewürdigt
zu werden.

Vor mehreren Jahren wurde beim Um-
bau eines Hauses in Eisenach eine wohl
im dreißigjährigen Krieg zugemauerte Nische
aufgefunden, in der mehrere Glasgefäße
sich befanden. Es waren dieses so rohe,
teilweise schiefgeblasene und unreine Gläser,
sog. Paßgläser von grünlicher Farbe, daß

Geschliffenes und graviertes böhmisches
Glas um 1730.

man heute nicht mehr begreift, wie man
auf solche Produkte einen Wert legen konnte.
Alte Kelchgläser, die auf irgend einem Wege
zu Schaden kamen, namentlich den breiten
Fuß verloren, hat man ausbewahrt und
dadurch wieder gebrauchsfähig zu machen
gesucht, daß man elegante Bronzesüße in
Form von vasenhaltenden Pferden w. ihnen
unterstellte oder sie als sogenannte Hand-
tummler an der Bruchstelle verzierte und
verkehrt aufstellte. — Eine so hoch gehende
Wertschätzung verlangen wir heute nicht
mehr, aber mehr Verständnis für feinere,
d. h. geschmackvollere und schönere, wahrhaft
kunstvolle Gläser wäre sehr wünschenswert.

Büchrrschau.

o. 8. Anleitung zur Kleineisenarbeit von H.
Bouffier, 35 S. 8<> mit 27 Abbildungen M. I 50 —
und Anleitung zum Lederschnitt von Maria Zinn,
32 S. 8o mit 18 Abbildungen und 3Volltafelu M 1.50,
zwei ansprechende Bändchen, sind soeben in der Folge
der Bossongschen kunsttechnischen Bibliothek für Dilet-
tanten im Verlage von Boffong, Wiesbaden er-
schienen. Häufig ist es recht schwer, in technischen
Fragen sich dem Dilettanten, oder wie wir heute
sagen: dem Liebhaberkünstler, verständlich zu machen.
Und doch ist in beiden Bändchen in klarer wörtlicher
und bildlicher Ausdrucksweise den behandelten Tech-
niken vollauf Genüge geschehen. Wo jeglicher Unter-
richt, jede praktische Anleitung fehlt, werden diese
kleinen Lehrmeister mit Heißhunger begrüßt werden:
gehört doch die Kleineisenarbeit und besonders die
noch mehr verbreitete Lederschnitt- und Ledertreibarbeit,
weil größere Fähigkeiten und Ausdauer fordernd
schon zu den vornehmeren Liebhaberkünsten. Die
Kleineisenarbeit, Eisenfiligran möchte ich sie nennen,
wird seit Jahren in München in vorzüglichen Erzeug-
nipen fast industriemäßig betrieben. Tie reizenden
Gegenstände und Gitterwerke werden aus Streifen
des weichen und doch widerstandsfähigen schwedischen
Eisenbleches, welches geschnitten von dem Bossongschen
Verlag, bezogen werden kann, hergestelll. Wenige
Zangen und die Geschicklichkeit selbst zarter Finger
genügen, die Streifen nach den ausgezeichneten Linien-
führungen zu Figuren zu biegen, und diese durch
Draht und Klammern aus demselben Blech zu Körbchen,
Laternen, Kerzenhaltern und dergleichen zu vereinigen.
— Dem Lederschnitt und der Treibarbeit haben wir
in unfern letzten Heften soviel Raum und warme
Fürsprache gespendet, daß wir zur Hochhaltung seiner
Vorzüge uns hier kaum noch ins Zeug zu legen
brauchen. Schade, daß Maria Zinn, die in dem
Werkchen ihr Letztes darbot — nicht mehr unter uns
weilt, der Tod hat im Juni d. I. ihrer Schaffens-
freudigkeit ein Ziel gesetzt. — Persönlich rückt der
unermüdliche, fruchtbare Hermann Bouffier seinen
vielen Verehrern dadurch näher, daß die Verlagsfirma
seiner Kleineisenarbeit sein ganz nett nach dem Leben
gezeichnetes Portrait beigegeben hat. Möchten auch
diese neuen Saatkörner in aller Ungebundenheit
wachsen, blühen und gedeihen, und damit dem intel-
ligenten Liebhaberkünftler neue dankbare Gebiete er-
schließen.

0. 8. „Methodik der Farbenlehre" für den Zeichen-
unterricht von vr. Adolf Claus, Zeichenlehrer re.
zu Breslau. Verlag von Ferd. Ashelm-Berlin 1893.
88 S. 80, Preis 2 Mk. — „Heureka" könnte man
da rufen, endlich mal eine vernünftige praktische
Farbenlehre für die Schule nach so viel lahmen
Theorien, die alle — grau sein sollen. Ein neuer
Lebensstrom, den dem „Vertrocknen nahe" Zeichen-
unterricht wieder auf die Füße zu bringen. Was
nützt uns für die anspruchsvolle Praxis, für die
Erlernung des Hantierens mit Farben, für eine
praktische ästhetische Farbenlehre, wie wir solche für
unsere Schule überhaupt nur brauchen können —
die Skala des Regenbogens oder des Sonnenspek-
trums?! Niemand hat bisher an diesen Krücken —
sie nehmen in fast allen bisherigen Farbenlehren
den breitesten Platz ein — Farben empfinden, sehen
und darstellen lernen. Der sehr belesene Berfaper
rügt mit Recht die Unzulänglichkeit der bisherigen
Litreratur für die Schule oder zum Selbstunterricht.
Stufenmäßig giebt er das, sicher ans reicher persön-
licher Erfahrung gewonnene Material für den Unler-
richtsplan der Schule. Gerade die Farbe thut hier
so nor, und ein halbwegs gebildeter Mensch sollte
heute Stift und Pinsel wenigstens leidlich handhaben
können. Der Begriff „Farbe" findet nach allen
Richtungen ausreichende Darstellung in wertvoller
pädagogischer Fapung! Es ist nichts für Chemiker
und Künstler, destomehr für Schulbehörden, Zeichen-
lehrer und -Lehrerinnen — vornehmlich können auch
die Schüler der höheren Lehranstalten ihre Nase
hineinstecken, damit sie den hohen Wert des Zeichnens
für das Leben endlich mal gebührend würdigen lernen.
Dem Verfasser wünsche ich reichsten Erfolg für seine
inhaltvolle fleißige Arbeit.
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