Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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IX. Jahrgang. Heft 4.

iZ. Oovember 1893.

„Die Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geheftet. Bezugspreis im
Buchhandel oder durch die Post cReichspostverzeichnis Nr. 3661. baner. Verzeichnis Nr. I67l, k. u. k. österr. Zeitnngsliste Nr. 429) z M. 80 Ps. für das Vierteljahr
__ __ (6 Hefte); das einzelne Heft 7S Pf.__

Gerausgegeven von Friedrich Pechr

Kritische Dange

durch die I. Ausstellung der Secession in München.

von Mar Georg Zimmermann.


ir haben den Hauptstrom verfolgt, welcher die
Ausstellung der Münchener Secessionisten durch-
zieht und in erster Linie geeignet ist, über ihre Ziele
aufzuklären. Jeder der mitschaffenden Künstler em-
pfindet sich als eine geschlossene Individualität und
glaubt eine unerschöpfliche Vielheit von künstlerischen
Charakteren um sich herum zu erblicken. Wie sehr er
und alle andern durch das Allgemeine bedingt sind,
empfindet er nicht, das sieht nur das Auge des ferner
stehenden Betrachters. Allerdings ist es nicht ein
Allgemein g eist, der alle verbindet; das, was alle
zusammenhält, berührt das geistige Gebiet nicht direkt,
denn es ist das Virtuosentum der künstlerischen Mache,
und dieses behindert geradezu die Entwicklung der
einzelnen Persönlichkeiten, indem es ihnen nicht erlaubt,
sich allseitig auszubilden, sondern sie dazu zwingt, ihre
malerische Aufgabe immer von einer bestimmten Seite
zu erfassen. Die Gegenstände, an welchen dieses Vir-
tuosentum seine Kraftproben ablegt, sind verschiedenartig,
indem die Kunst nicht mehr an einzelne Gebiete, wie
z. B. die Religion oder die Historie oder die Schilderung
des Volkslebens gebunden ist, sondern jeder Künstler
nach Belieben sich seinen Gegenstand wühlt, und das
giebt den Eindruck des Vielstrahligen. Die malerischen
Mittel dagegen, welcher sich die Secession bedient, sind von einer Einheitlichkeit, wie sie nur je innerhalb einer
Kunstrichtung geherrscht hat. Diese malerischen Mittel sind das gerade Gegenteil von jenen, welche in der letzt-
vergangenen Kunstepoche, in der Romantik, herrschten. Damals mußte der malerische Vortrag glatt und vertrieben,
das Gemälde bis in die kleinsten Details ausgeführt sein, jetzt ist alles locker und duftig, nur das wird an einem
Gegenstände dargestellt, was dem Künstler gerade beliebt, nicht einmal was die Hauptsache daran ist. Früher
vermählten sich Zeichnung und Farbe, jetzt werden nur Farbe und Ton anerkannt; früher ging man von dem

Gegenstände aus und fragte, mit welchen Mitteln man denselben darstellen müßte, jetzt wählt man sich den

Gegenstand entweder nach dessen malerischen Eigenschaften, oder man thut demselben Gewalt an; früher standen
die innerlichen Wirkungen der Gemälde in erster Linie, jetzt werden dieselben überhaupt nur zugelassen, wenn

es die äußeren Mittel mit sich bringen: alles inhaltlich Poetische oder Ergreifende wird strengstens vermieden.

InquistirUs krirvLiils. von G. «Lourtois.

Intern. Kunstausstellung des Vereins bildender Künstler in München lSstZ.

') I. siehe K. f. A. VIII. 24.

Aonst für Alle IX.
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