Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Weihnachrsbücherschgu

vom Herausgeber.

uch heute beginnen wir am besten wieder mit einer Reihe von
Fortsetzungen, da dieselben immerhin beweisen, daß die be-
treffenden Werke mehr oder weniger verdienten Beifall gefunden
haben oder doch einem wirklich vorhandenen Bedürfnis geschickt
entgegengekommen sind. Die weitaus künstlerisch wertvollste dieser
Fortsetzungen ist nun jedenfalls „Die vervielfältigende Kunst der
Gegenwart" (Wien, Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst), von
der vier neue die Radierung behandelnde Hefte mit Text von
Graul vorliegen, von denen jedes sechs Originalradierungen in
besonderen Blättern und außerdem noch eine Menge in den
Text gedruckter Vignetten unserer besten deutschen Meister enthält.
Da kann man sich denn an den herrlichen Werken von Menzel,
Köpping, Karl Starrster, Max Klinger, William Unger, Stuck
u. a. leicht überzeugen, daß wir hier hinter keiner anderen
Nation der Welt Zurückbleiben, an Mannigfaltigkeit und merk-
würdiger Eigenart vielmehr die meisten übertreffen. Gegenüber
der maßlosen Pfuscherei, die sich in unseren illustrierten Zeitungen
und sonstigen der buchhändlerischen Spekulation dienenden deutschen
Publikationen so beschämend breit macht, ist dies echt künstlerisch
geleitete Unternehmen ein wahrer Trost, dem man nicht genug
Verbreitung wünschen kann. Offenbar ist die Radierung, die
unserer nationalen Begabung am meisten zusagende Technik —
nur dies erklärt ihr merkwürdig rasches Aufblühen, obwohl ihr
eigentlich von Seite des Publikums noch immer viel zu wenig
Aufmerksamkeit zu teil wird. Nicht dasselbe kann man freilich
von dem „Die österreichische Monarchie in Wort und Bild"
(Wien, Holder) darstellenden Unternehmen sagen, das auch um
zwölf weitere, hauptsächlich Tirol und Vorarlberg enthaltende
Hefte vorgerückt ist, aber sichtlich die Pflege seines einstigen
hohen Beschützers schmerzlich entbehrt. Da aber eine Reihe der
bekanntesten österreichischen Künstler dem Werke unentwegt ihren
Beistand leihen, so ist es immerhin, wenn auch kühler und weniger
anmutend als früher, doch nie so ganz unkünstlerisch und hand-
werksmäßig geworden als manche andere. Dem unseren östlichen
Nachbarstaat behandelnden und sich noch immer hohen Schutzes er-
freuendenWerke steht „Alldeutschland" von Aug.Trinius (Berlin,
Tümmler, Pr.d Lfg.'^M.), als rein buchhändlerische und künstlerisch
unverhältnismäßig dürftiger ausgestattete Unternehmung gegen-
über, die indes auch bis zum einundvierzigsten Heft vorgeschritten
ist. Steht es also nach der artistischen Seite unstreitig weit
hinter dem Wiener Werk zurück, so hat es dafür wenigstens
einen großen Vorteil voraus: den der Einheit des Gedankens
und der Form, da es von einer Hand herrührt, der ein ganz
einsichtiger und patriotischer Kopf diktierte, der außerdem eine
lebhafte Empfindung für die Poesie der Vergangenheit besitzt,
deren Schilderung er sich mit besonderer Liebe widmet.

Bekanntlich haben wir in Deutschland eine erbliche Neigung,
aus zehn Büchern allemal ein eilftes zusammenzustellen. Diesem
sehr verbreiteten Gebrauch entstammen denn auch die „Meisterwerke
der Holzschneidekunst" d. h. die besten Holzschnitte der Leipziger
illustrierten Zeitung, vonI. I. Weber, alljährlich in einem Bande
gesammelt. Der vorliegende 15. Band (12 Liefg. L I M.) schließt
sich seinen Vorgängern würdig an, und ist insofern noch vorzu-
ziehen, als er bedeutend erweitert worden ist. Man genießt da
überdies den Vorteil, eine Art Bilderchronik der Gegenwart zu
erhalten, da die illustrierte Zeitung bekanntlich ihren besten
Gehalt aus der Wiedergabe der jeweils in Ausstellungen und
dergl. am meisten Aufsehen machenden Bilder und Skulpturen
zieht. Unstreitig werden dieselben jetzt in der Regel, wo der
Holzschneider nach guten Photographien arbeiten kann, viel
besser wiedergegeben, als dies früher der Fall war. Ja selbst
die durch die Photographie so allgemein verbreiteten Werke alter
Meister finden sich hier oft sehr achtungswert reproduziert, wie
nicht weniger eine große Zahl der berühmtesten Naturszenen in
allen Weltteilen. So kann es denn keine Frage sein, daß in
der Ausführung dieser gegen früher so unendlich besseren Ab-
bildungen ein kolossaler Fortschritt unserer Zeit liegt. Schlecht
werden unsere Holzschnitte gewöhnlich nur, wenn sie flüchtige

') I. siehe Hcst 4.

Skizzen von Malern wiedelgeben sollen: hier stehen leider die
vortrefflichen Arbeiten der „Fliegenden Blätter" immer noch fast
ganz allein. — Leider gilt das auch von den „Kricgserinne-
rnngen" eines Freiwilligen von 1870, von Zeitz, illustriert von
Starcke (Alten bürg, Geibel, Lieferung 1—15 L ^ M ), einem,
abgesehen von seinen ganz talentvollen, aber vom'Holzschneider
oft arg mißhandelten Illustrationen (siehe Seite 75), köstlichen
Buch, das man ob seiner Frische und seines prächtigen Humors
gar nicht warm genug empfehlen kann, wie ob seiner gesunden
patriotischen Gesinnung. Dergleichen ist überaus geeignet, den
tiefsten Eindruck auf die Jugend zu machen.

Mit der Schilderung der Kinderwelt selber endlich geben sich
zwei sehr elegant ausgestattete Werke ab, die beide ganz charak-
teristisch für die Gemütsart, wie die sonstigen Verhältnisse der
Bevölkerungen und der betreffenden Kunstschulen sind, in deren
Mitte sie entstanden. Das eine Buch betitelt sich „Junges Blut",
Bilder von Kleehaas, Dichtungen von Wilhelm Herbert
(München. Photographische Union, 20 Mark). Es enthält ein
Dutzend durch Photogravure geschickt wiedergegebener Kinder-
bilder, wo es dem Maler ganz vortrefflich gelang, bei den offen-
bar sämtlich der Natur abgelauschten Szenen seine Darstellung
durch die große Verschiedenheit der Kindercharaktere zu beleben
(siehe S- 75). Gleich das erste Blatt, wo wir die holde Münchener
Jugend etwa beim Oktoberfest entzückt den Späßen eines Hans-
wursts im Kasperltheater lauschen sehen, zeichnet sich durch seine
glückliche Individualisierung der Kleinen in hervorragender Weise
aus, wie durch die gelungene Nuancierung des allgemeinen Ent-
zückens bei jedem einzelnen. Herbert hat sich der gewiß
schmierigen Ausgabe, unausgesprochenen Empfindungen passenden
Ausdruck zu verleihen, mit durchaus anerkennenswertem Geschick
und vielem Witz entledigt. — So verschieden als Berlin von
München, so verschieden mutet auch Fritz Grotemeyers
„Unsere Kinder" mit seinen Skizzen aus dem Pestalozzi-Froebel-
Hanse zu Berlin" an. (Berlin, Walther, Pr. 25 M.). Hier in diesem
hocheleganten, unter der besonderen Protektion der Kaiserin Viktoria
erschienenen Album sind die einzelnen Bilder mit ganz entschie-
denem malerischen Talent skizziert, so daß man an der Begabung
des Künstlers unmöglich zweifeln kann. Aber zu einer Charakteristik
der Kleinen selber, die doch das eigentlich Fruchtbare und allein
Erquickliche an solchen Bildern ist, kommt es nicht, das läuft
nur so nebenher. Denn da mußten bald die hohen Herrschaften
selber mit ihrem ganzen Hofstaat dargestellt werden, wie bei der
Skizze der fröhlich seligen, — besonders aber „gnadenbringenden"
Weihnachtszeit in der Anstalt, bald hatte man diese oder jene
Lehrerin, diese oder jene Lokalität darzustellen, so daß dem Maler
für die Kinder selber wie gesagt nichts übrig blieb, und man
zuletzt nur die eilfertige Produktion der großen Residenz sieht,
die mit ihren tausenderlei Anforderungen immer der Kunst ini
Wege steht. Darum wird denn auch Berlin niemals eine Stätte
unbefangenen künstlerischen Schaffens werden, wie es München
immer, noch ist!

Ähnliches zeigt uns das neueste Jahresheft der deutschen
Gesellschaft für christliche Kunst. (München, Oberuetter.) Das-
selbe entbält eine ganze Reihe durchweg sehr erfreulicher Schö-
pfungen sowohl in Architektur und Plastik als besonders in Malerei.
Bringt uns die ersten eine Anzahl sehr bedeutender Kirchen-
neubauten. so giebt die Plastik treffliche Arbeiten von Syrius
Eberle, Wadere u. a., endlich die Malerei einige hochinteressante
Bilder, so von Martin Feuerstein eine hl. Magdalena, voll
Anmut, von Delug die hl. Frauen am Kreuzweg, kraftvoll und
durchaus eigenartig, von Fugel die Grablegung Christi, sämt-
liche in ihrer vorwiegend malerischen Behandlung mehr oder
weniger der modernen Richtung ungehörig. An Dürer lehnt sich
nur Cahns „Kaiser Rudolf" an. Jedenfalls beweist das ebenso
interessante als gehaltvolle Heft zweierlei: 1. daß sich die christ-
liche Kunst den Einwirkungen der Zeit ebenso wenig verschließt
als die profane, und 2. daß sie dies, wenigstens in München,
immer mit gesundem Verstand und wohlthuendem Maß thut,
demnach nichts weniger als am Absterben ist. I2S24
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