Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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WeihnachrDüchcrschau.

vom Herausgeber.

III.»)

C. W. Alters, „La Bella Napoli". (Stuttgart, Union, Deutsche Verlags-
gesellschaft, inPrachtbd. 40 M) In nichts vielleicht inall sich der Umschwung in unserer
heutigen Kunst wie Litteratur so ausfallend, als in ihrem Verhältnis zur alten
Heimat der Künste, zu Italien. Nicht weniger überrascht aber auch der merkwürdige
Kreislauf, den sie beide im letzten Jahrhundert durchgcmacht haben. Denn genau
so wie Goethe vor hundert Jahren mit scharfem Blick für die Wirklichkeit, aber auch
mit warmem Herzen das schöne Land und sein begabtes aber tief gesunkenes Volk
beschrieb, so schildert es heute der Stift unseres Alters. Nach Goethe, der Italien

erst recht in die Mode brachte, waren bekanntlich die Romantiker hingekommen

und hatten es in ihrer Art unsinnig vergöttert. Die Stael mit ihrer Corinna
war darin ebenso übeitrieben als Leopold Robert unter den Künstlern. Und ihre
Verhimmelung ward noch von der George Sand, von Winterhalter, Feuerbach
und unzähligen anderen fortgesetzt. Gerade die Deutschen haben zehnmal mehr
über Italien geschrieben, und zeitweise auch beinahe ebenso viel da gemalt als in
ihrer eigenen Heimat. Und leider auch viel schlechter, d. h. unwahrer. — Dchkonnte
man nun wohl gespannt sein, wie der genial nüchterne Alters, der sich ja in Capri
sogar angesiedelt, Land und Volk auffassen würde, als man Höne, daß er Neapel

schildern wolle. Jetzt ist das Werk endlich heraus und hält alles,

was man sich von seinem Verfasser versprechen durfte, in ungewöhn-
lichem Maße. Denn es bringt uns eine ziemlich neue Auffassung
dieser Bevölkerung, die gleich entfernt ist von jeder Idealisierung
wie Verkleinerung, sondern im Gegenteil so schlagend wahr, wie wir
sie bis dahin kaum je gesehen zu haben uns erinnern. Freilich läßt
uns das Buch nur eben den Kursus durchmachen, wie ihn säst jeder
Fremde absolviert, der Italien mit seinem Rundreisebillet in zwei
Monaten gründlich kennen lernen will. Erst führt es uns in Neapel
selber herum, dessen charakteristische Straßen- und
Cafehausfiguren uns höchst ergötzlich gezeigt werden.
Dann können wir nacheinander Bajac, Jschia be-
suchen, auf den Vesuv hinauf und nach Pompei

*) II. siehe Heft 5.

Zeichnung von W. Süs. Probe-Illustration aus „Unsre Annst".

(Verlag von Hermann Michels in Düsseldorf, s. S. 90.)

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