Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Der Münchener Aunstderein.

vom Herausgeber.

A^as berühmte Vorbild zahlloser ähnlicher Gesell-
schäften in Deutschland, der am 16. Februar 1824
errichtete Münchener Kunstverein, begeht eben jetzt sein

Lus dem Vestibül des Münchener Kunstverrinshauses,

70. Stiftungsfest. Er thut das mit um so größerem
Rechte, als er heute noch an der Spitze dieser für unser
Kunstleben so hoch bedeutsamen Vereinigungen steht und
mit Stolz auf eine Entwicklung ohnegleichen zurückblicken
darf. Tenn wenn er damals aus dem Bedürfnis hervor-
ging, ein Institut zu besitzen, welches der Vermittlung
des Verkehrs zwischen den schaffenden Künstlern und
dem kunstgenußlustigen Teil der Nation zu dienen hätte,
so ist es ihm gelungen, sich dieser nichts weniger als
leichten Aufgabe nach und nach immer besser und genauer
anzupaffen und dadurch im Laufe der Jahre, wenn auch
nicht ohne die mannigfachsten Schwankungen doch zuletzt
einen Einfluß zu gewinnen, wie ihn kein ähnlicher Verein
in irgend einer deutschen oder auswärtigen Stadt auch
nur entfernt besitzt.

Der Verein war aus der richtigen Einsicht hervor-
gegangen, daß jede Kunstblüte nur dann Gewähr der
Dauer habe, wenn sie nicht vom guten Willen, wenn
auch noch so hochstehender einzelner abhänge, sondern
nur, wenn sie im genauesten Zusammenhang mit der
Nation selber bleibe, innerhalb welcher sie entsteht, ja,
wenn sie sich recht eigentlich zum höchsten Ausdruck des
gesamten nationalen Lebens zu machen verstehe. Diese
Aufgabe konnte nun die damals in München eben auf-
blühende Cornelianische Schule mit ihrem romantischen
Klassizismus höchstens nach einer Seite hin erfüllen, ja
eigentlich volkstümlichzu werden war ihr überhaupt versagt,
und sie fühlte auch kaum das Bedürfnis dazu. Daher waren
es auch durchaus realistische und naturalistische Künstler,
wie Peter Heß, Dominik Quaglio, Stieler u. a.,
welche zuerst auf den Gedanken kamen, die Münchener Be-
völkerung in fortlaufender Kenntnis ihres Schaffens zu er-
halten. Das blieb denn auch der eigentlich charakteristische
Zug der ganzen Stiftung — man sollte da den Kunst-

genuß als tägliches Bedürfnis empfinden lernen, nicht
als einen bloßen Luxus, den man sich alle Jahre etwa
einmal gestattet.

König Ludwig nahm alsbald Kenntnis von der
neuen Stiftung und blieb auch der treueste Beschützer
des Vereins, da derselbe gerade seinen Intentionen, die
Kunst als Bildungsmittel der Nation zu benützen, voll-
ständig entsprach, während sich Cornelius z. B. demselben
ganz fernhielt. — Dieser Grundgedanke war denn auch
so richtig und entwicklungsfähig, daß der mit 189 Mit-
gliedern gegründete Verein, dessen Wochenversammlungen
zunächst in einem Privathaus stattfanden, zehn Jahre
später, als Ref. zuerst nach München kam, bereits
1400 Mitglieder in einem eigens gemieteten Lokal in
dem Hofgarten-Bazar versammelte. Faktisch war er denn
auch bereits Träger der nationalen und realistischen Kunst
im Gegensatz zur akademisch klassizistischen, Vertreter des
Fortschritts und Mittelpunkt des wahrhaft volkstümlichen
Kunstlebens in einem ungeahnten Grade geworden. Denn
lediglich er verschaffte durch seine allwöchentlich erneuten
Ausstellungen begabten Künstlern die Möglichkeit, auch
ohne offizielle Aufträge zu existieren und bei der
ganzen Münchener Bevölkerung bekannt und beliebt zu
werden, was bei dem fast gänzlichen Mangel eines
thätigen Kunsthandels sonst fast unmöglich geworden
wäre. Ja, dank dem fleißigsten Besucher, König Ludwig,
waren die drei kleinen Salons des Kunstvereins Sonntags
bereits das Rendez-Vous der Münchener vornehmen und
eleganten Welt geworden. Auch im übrigen Deutschland,
zunächst in Düsseldorf, Dresden, Prag, Wien rc., exi-
stierten bereits Kunstvereine zu Dutzenden, aber freilich
meist ohne allen lebendigen Verkehr der Laienwelt mit
den Künstlern selber, als bloße Bilderverlosungs-Anstalten.
Dank dieser gesunden Grundlage hob sich der Münchener
Verein in den nächsten zehn Jahren bis auf 3100 Mit-
glieder, allerdings nicht ohne dann zwanzig Jahre lang
ziemlich stationär zu bleiben, d. h. also sbei der doch

Partie aus dem TrrPperchaussaalr des Münchener Runst-
vereinshauses,

Die Runst für All- IX,
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