Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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n Jahrgang. Heft 14.

15. April 1894.

GerauFgegeben von Friedrich Recht -r-

vDie Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geheftet. Bezugspreis im
Buchhandel oder durch die Post (Reichspostverzeichnis Nr. 3750. bayer. Verzeichnis Nr. 438. k. u. k. österr. Zeitungsliste Nr. 1747) 3 M. 6) Pf. für das Vierteljahr
_ (6 Hefte); das einzelne Heft 75 Pf. _

Hermann Wrell.

vom Herausgeber.


seufzen in unseren Ausstellungen so oft nach einer natio-
nalen Kunst, die ein wirklicher Ausdruck unseres innersten
Wesens, unserer spezifischen Eigenart sein solle, und vergessen dabei
oft ganz, daß wir diese Kunst bereits längst besitzen! Oder könnte
noch irgend jemand bezweifeln, daß wir an Menzel, Lessing, Alfred
Rethel, Ludwig Richter, Führich, Schwind, Knaus, Makart,
Defregger, A. v. Werner, Janssen, Ed. v. Gebhardt, Böcklin und
vielen anderen ganz eigenartige Künstler besitzen, deren Werke man
nur eben von einer Masse gleichzeitiger trennen muß, die, dem
alten deutschen Trieb der Nachahmung des Fremden gehorchend,
eben darum verdammt sind, früh vergessen zu werden, da nur das
ganz spezifisch Nationale sich im Laufe der Zeiten erhält?

Zu diesen Künstlern nun, die sich in der glücklichen Lage
befinden, begünstigt durch die Umstände, früh ihre deutsche Eigenart
haben ausbilden zu können, gehört als einer der jetzt hervor-
ragendsten der uns hier beschäftigende Leipziger Hermann Prell.
Denn ihm vergönnte das Glück, an einer langen Reihe von monu-
mentalen Arbeiten sich seinen eigenen Stil ausbilden zu können,
was für die so schwer ist, die verdammt waren, immer nur für
Ausstellungen und ihr durch die beständige Konkurrenz mit aller-
hand Fremden so verflachendes Getriebe arbeiten zu müssen. — Ein kurzer Lebensabriß des Künstlers wird es
alsbald deutlich machen, wie sehr seine Laufbahn die Ausbildung kräftiger Eigenart begünstigen mußte.

Hermann Prell ist 1854 in Leipzig geboren. Er besuchte zuerst die damals gründlich verzopfte
Dresdener Akademie, um dann in Berlin Schüler des kecken Naturalisten Gussow zu werden, der dank
seiner damaligen Frische und energischen Wahrhaftigkeit bald den größten Einfluß auf ihn gewann. —
So trugen denn auch seine ersten Erzeugnisse durchaus den Charakter eines rücksichtslosen, aber auffallend kühnen
und phantasievollen Naturalismus. Zumal das bedeutendste derselben, ein Reiter, der in Verfolgung eines
Hirsches diesem nach in den Abgrund stürzt, u. a. m. Um diese Zeit, 1878, konkurrierte er mit um den
v. Bielschen Preis für Freskomalerei. Die Aufgabe war die Verzierung des Festsaales im Berliner Architekten-
haus mit Fresken, und seine Entwürfe errangen den Preis. Sie sollten die Entwickelung der Baukunst zeigen,
eine überaus günstige Aufgabe für den, welcher sie, wie unser Prell, nicht sowohl streng historisch, als vielmehr
bloß die einzelnen Epochen stimmungsvoll charakterisierend zu lösen suchte. — Er selber aber sagte einmal über
die vorgeschriebene Technik: „Das realistischste Studium wird durch die Anforderungen einer Wand von selbst
zu Stil; mit der einfachsten, logischsten Anordnung kann das momentanste Leben in Erscheinungs-Einzelheit un-
beschadet Hand in Hand gehen". So kam denn seinen Wünschen das Fresko eminent entgegen und unsere
Bilder zeigen am besten, wie er ihm bald neue Seiten abzugewinnen verstand, die durchaus in der Richtung
einer lebendigeren und mehr koloristischen Behandlung liegen. So mußte z. B. die Art, wie er die griechische

Hermann prell.

Die Runst für Alle IX.

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