Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

Page: 247
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1893_1894/0315
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Von Heinrich Becker. — Ateliergedanken, von Heinrich Glücksmann.

247

der Stadt — entwickelte sich die Baukunst zu neuem,
bedeutendem Schaffen. Die ersten Häuserreihen aus Hau-
steinen, den mannigfachen Varietäten des schönen Sand-
steins, der in Fülle unseren Gau umsteht, schossen wie
gewappnete Ritter aus dem Boden. Die neue Börse,
das neue Theater entstanden, beide mit Säulen, Por-
talen, Friesen in den besten Steinarten ausgeführt. Die
Giebel dieser Bauwerke boten Raum für Dutzende von
Bildgruppen, allegorischen Figuren der Industrie, des
Handels, der schönen Künste aller Art.

Hier fand Schierholz eine Menge von lohnender
Arbeit — mehr kann man kaum sagen, denn Allegorien,
mit dem Zettel im Munde, sind Nachbildungen von
Kunstperioden, die selber nichts Besseres erfinden konnten.
In dieser Weise hätte der Künstler noch lange hier ein
äußerlich behagliches Dasein gehabt, doch ohne wahrhaft
geistige Produktion, wenn nicht ein Mann des Künstlers
Naturell, sein ideales Streben, wie seine große Geschick-
lichkeit erkannt hätte. Es war ein vornehmer Herr, der
neben seinem Geschäft die Strömung der Zeit in Politik,
Litteratur und Kunst verfolgte und durch Lektüre, wie
durch sorgsame Betrachtung der Kunstwerke ein zwar
zurückgehaltenes, aber in Thaten umso gewichtigeres Ur-
teil sich bildete — Hermann von Mumm, der Vater
des in gleichem Sinne hier wirkenden Sohnes. Dieser
Herr setzte dem Künstler eine Summe von 20 000 Mark
aus, damit er das Opernhaus, neben den vielen Figu-
ranten, auch mit zwei lebigen, kernhaften Vertretern
der höchsten Kunst möge schmücken: mit den Statuen
von Goethe und von Mozart.

Es war eine Aufgabe, wie sie noch keinem Frank-
furter Künstler gestellt war. Denn außer dem Denkmal
von Goethe und Schiller, sowie der Gutenberg-Gruppe
— bei denen das Geld durch jahrelanges Kolportieren
des Klingelbeutels mühsam zusammenkam — besitzt
Frankfurt keine nennenswerten Statuen. Von einem
künstlich angestachelten Pflichtdrange geleitet, doch ohne
freigebige Hand, hat man die ganze Umwallung Frank-
furts von dem Ober- bis zum Untermainthor mit s. g.
Büsten, d. h. Köpfen, die an die altrömischen Marter-
pfähle erinnern,*) zu schmücken geglaubt. Von dem
„Mozart-Square" konnte man noch nicht einmal sagen:
„Schon steht das Piedestal!"

Hier war die edelste Aufgabe gestellt. Goethe und
Mozart sind nicht nur in eminentem Sinne geistes-
verwandt ; sie haben das Höchste, das Tiefste der mensch-
lichen Seele in schönen, anmutigen Formen enthüllt; sie
waren auch von Natur körperlich Plastisch gestaltet, wenn-
gleich Mozart nicht an die Apollogestalt von Goethe
hinanreichte. So konnte der Künstler die edle Seele
seines Helden, das Helle, weitblickende Auge aus dessen
Mienen hervorleuchten lassen. Der gestickte Staatsfrack
bannte zwar in die engen Schranken des 18. Jahr-
hunderts; der Künstler verstand es aber, durch eine
natürlich vornehme Haltung der Statuen diesem Gewände
selber eine veredelte, vornehme Gestalt zu geben Wir
sehen Sarastro und Faust vor uns erstehen und ver-
gessen — Mephisto hatte für einen Augenblick die Helden
in fremdes Gewand gesteckt.

Die Parze zerriß dieses schöne Gespinst. Auch
wir brechen hier ab. Nach jenem Werke ward dem

*) „Bustum", der „verbrannte Leichnam", dann das dem-
selben nachgebildete „Denkmal".

Künstler der ehrenvolle Auftrag, die neugestaltete Biblio-
thek mit Statuen zu schmücken. Die Statuen wurden
vor einigen Wochen aufgestellt; der Hauptschmuck, die
Zierde des Giebelfeldes, blieb unvollendet. Mitten im
Schaffen berührte des Todes kalte Hand seine Schulter;
sie lähmte seinen Arm, sie umnachtete seinen Sinn und
brach einen Geist, der zu hohen Aufgaben berufen war.
Im 54. Jahre riß ihn der Unhold von dannen.

Schierholz war ein hochbegabter, mit allem Ge-
schicke ausgestatteter Künstler. Seinem Schaffen wurde
aber durch den künstlerisch beengten Sinn seiner Vater-
stadt eine enge Schranke gesetzt. „Frankfurt ist gewohnt
vierspännig zu fahren!" Wenn der Künstler auf dem

Die Sänger, von H. W. Walker.

Bocke ein Plätzchen findet, kann er mitfahren. Das ist
die Art, wie der Künstler hier geschätzt wird. Dem Vor-
gänge jenes Mäcenas entsprechend, mühten sich auch
andere Männer, dem Künstler Achtung und „Verdienst"
darzubringen. Er mußte aber bei jedem Werke erfahren,
daß selbst bei seinen Gönnern nur der Preis auch den
Wert bestimmt.

AieliergeöanKen

von L. Glücksmann.

Trost

Is hinter der Absicht noch blieb deine That,

Da haben die Andern dein Lob gesungen;

Sie tadeln jetzt, geben dir guten Rath, —

Dein Werk ist gelungen!

Das Genie bahnt neue Wege, das Talent umrankt sie
mit Blumen, der Aesthetiker zieht die Zäune.
loading ...