Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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von Wolfgang Rirchbach.

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Künstlerischen Schmuck im Inneren giebt es nirgends, außer jenen Karyatiden. Nur mächtige, groß geführte
Hohlkehlen tragen an den Decken die Oberlichtsenster. Der Blick soll durch nichts von den ausgestellten Kunst-
werken abgelenkt werden. Aber die architektonischen Verhältnisse dieser schmucklosen Hallen und Korridore sind
so vornehm und gewählt, ihre Säulen und Wölbungen ergeben so viele phantasievolle Ausblicke und so malerische
geheimnisvolle Winkel und Überschneidungen, daß man durch diese Einfachheit sich im höchsten Grade künstlerisch
und poetisch angeregt fühlt.

Die eigentliche Akademie ist allen Erfordernissen der Neuzeit entsprechend eingerichtet. Wohl hat es
mancherlei Kämpfe gekostet, verschiedenen Wünschen neuerer künstlerischer Richtungen gerecht zu werden, aber
man hat während des Baues jede berechtigte Forderung erfüllt. Im Hauptbau nach der Elbe zu, auf der
Höhe des Walles, befinden sich 24 große Schülerateliers mit der Aussicht auf den Strom und die Berge. Die
jungen Künstler können auf dem Monte Pincio in Rom oder bei Aqua Paolina nicht in schönerer Umgebung,
nicht bequemer Hausen, als hier. Das Licht ist vorzüglich. Die zartesten Freilichtbilder kommen hier zur

Frühmorgen, von Hans Olde.

schönsten Wirkung, von den Bildern älterer Malweisen ganz zu schweigen. In den Eckchrysaliden des Hauptbaues
befinden sich die Meisterateliers. Sie sind sehr luxuriös mit Holzvertäfelungen, mit hölzernen Freitreppen und
Balustraden nach den oberen Ateliers, über die jeder Meister verfügt, mit großmächtigen, altertümlichen Öfen,
mit hydraulischen Aufzügen für die Bilder und sonstigem Zubehör ausgestattet. Die eigentlichen Schulräume
befinden sich in den Flügeln, welche sich im Rechteck um den Akademiehof herumbauen. Die Korridorre laufen
im gleichen Rechteck und sehen mit ihren Fensterreihen nach dem Hof. In dem galerieartigen Ausläufer des
Baues auf Walle befindet sich der große Malsaal, ein riesenhaftes Gemach, mit Fenstern im Norden und
Süden, um je nach Bedarf jedes beliebige Licht herzustellen. Auf gleicher Höhe im Hofbau folgen sich der
Zeichensaal, Gipssaal und Natnrklasse, ein wunderbarer Aktsaal mit terrassenförmig und amphitheatralisch auf-
gebauten Sitzreihen, sowohl nördlich als südlich beleuchtet, je nach Bedarf. Ein Prachtsaal ist der große
„Kostümsaal" für Kostümstudien und verwandte Arrangements, ein besonderes Treppenhaus führt hier hinauf
und über ihm sind Klausurräume für etwaige Konkurrenzarbeiten. Neben der Bibliothek liegt ein großer
Hörsaal mit den nötigen zahlreichen Wandtafeln. Im Mittelbau nach der Elbe zu befinden sich die Prachtsäle
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