Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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n Jahrgang, tzeft Z.

i. Oovemver 1893.

Gerausgrgeüen von Friedrich Wechr

„Die Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geheftet. Bezugspreis im
Buchhandel oder durch die Post fReichspostverzeichnis Nr. MSI, bayer. Verzeichnis Nr. 1671, k. u. I. österr. Zeitungsliste Nr. 42S) 3 M. 60 Pf. für das Vierteljahl
_ (6 Hefte); das einzelne Heft 7S Pf. __

Die IahreFauMellung 189z der Aünstlergenossenschaft zu München.

vom Herausgeber.

IV.*) (Schluß.)


M

»enn man es über sich gewinnt, die Werke der
klassischen Zeit in unseren Pinakotheken in Bezug
auf ihre Wahrheit mit etwas weniger anerzogenem
Respett und etwas mehr Kritik zu betrachten, als man
dies gewöhnlich über sich gewinnt, so erstaunt man
bald, wie viel Konvention und wie wenig unmittelbar
der Natur Abgelauschtes man da antriffl. Letzteres fast
nur bei den allerersten Meistern und selbst bei diesen
noch lange nicht immer. Diese Werke sind fast alle
im Atelier erdacht und da dem Modell nachgemalt.
— Um so respektabler ist aber das Können- Den alten
Malern war es nun einmal gewöhnlich nur darum
zu thun, ein schönes Bild darzustellen, die Wahrheit
der Charaktere und besonders des Ausdrucks kam den
meisten von ihnen doch erst in zweiter Linie. Selbst
neun Zehntel der doch sonst so vortrefflichen Bildnisse
zeigen uns die Dargestellten nichts weniger als un-
befangen, sondern mit einem ausgesprochenen „Sitz-
gesicht" , d. h. mit dem vollkommenen Bewußtsein, daß
sie beobachtet werden und mit der Absicht, möglichst
wenig zu verraten, aber dafür den Betrachter ihrerseits
auch auszuforschen. — Selbst unter den Kindern sind
die vollkommen naiven eine Seltenheit. Hier also hätte
die moderne Kunst einzusetzen, um sich der alten als
ebenbürtig zu erweisen, und allerdings thut sie es
auch. In der That haben dies viele Meister unserer
Ausstellung denn auch mit gutem Erfolg versucht, am
glücklichsten wohl Ed. von Gebhardt, Knaus,
Kampf, Lenb ach, Defregger und besonders Leibl,
der ganz zuletzt noch ein altes Paar von so stupender W> -rheit gebracht hat, wie sie kaum von anderen erreicht
worden, obwohl die Frau mit ihrer Kaffeemühle und :, der eben von der Jagd zurückgekehrt, sich höchstens
über das Wetter unterhalten, bis sie imstande sein wird, ihn mit einer Tasse zu erquicken (s. Heft 1). — Dennoch
kann man das Bild in jede Galerie neben die größten Meister hängen, so vortrefflich ist es gemacht. Daneben
bleiben von Auswärtigen höchstens Helsteds „Deputation" oder Roybets ganz zuletzt gekommener Trompeter,
der einer unsäglich gemeinen Geflügelhändlerin einen Braten abschmeicheln möchte, bestehen, wie er denn auch

Wistrr. von Herm. Richir.

Jabres-Ausstellung 1893 der Künstlergenossenschaft zu München.

*) IH. siehe VILI, Heft 23.

Kunst für Alle IX.
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