Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Die Londoner Sommer-Ausstellungen.

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Jsumbras". Sir Jsumbras ist jedenfalls ein guter alter
Ritter gewesen — so gut, wie sie nur in Fabelbüchern
stehen, und er trug eine goldene Rüstung. Und an einem
prächtigen Abend kehrte er auf seinem Rosse in sein Schloß
zurück und hatte einen Fluß zu durchreiten. Da waren
am Ufer zwei kleine Kinder und die wollten nach Hause
und wußten nicht, wie sie hinüberkommen sollten. Zwei
Krankenpflegerinnen, die da waren, wußten ihnen auch
keinen Rat, und die Kinder wollten schon anfangen zu
weinen, der Knabe hatte Holz für seine Eltern gesammelt,
das Mädchen hatte ihn begleitet. Da kam der Ritter
dazu, er hörte die Geschichte, er lächelte und nahm die
Kinder auf seinem Pferde über den Fluß mit; am Ufer
standen die frommen Krankenpflegerinnen und freuten sich
des freundlichen Herrn. Der Ritter lächelte, sah liebe-
voll zu den Kindern, die sich an ihm hielten und von
denen der Knabe noch nicht ganz die Thränen wieder
„heruntergedrückt" hatte, während er den Fluß durch-
ritt, nieder, gab ihnen einen Kuß, als er angelangt war,
und ließ sie zu ihren Eltern gehen. Das ist von
Millais mit einer Herzlichkeit, mit einem volkstümlichen
Ton ganz ohnegleichen erzählt — und mit ebenso viel
Kunst wie Herzlichkeit, was selten ist. Es ist ja
eigentlich ein Holzschnittmotiv, kein Bildmotiv; und welch
ein herrliches Bild hat Millais daraus gemacht. Eine
prachtvolle Harmonie, Glanz, Klarheit und Kraft ist in
diesem wunderschönen Werke.

Millais' Genosse im Kreise der Präraffaeliten, Hol-
man Hunt, ist mit einem seiner Hauptwerke vertreten,
dem „Christus' im Tempel", einem mit unendlicher Sorg-
falt gemalten Bilde, dem leider völlig alle Gesamt-
wirkung mangelt. Er hatte sechs Jahre daran gearbeitet
und seinen Wohnsitz nach Jerusalem gelegt, um das Bild
„treu" zu machen; man kann jetzt der Auffassung Hol-
man Hunts nur ein Interesse des Kunsthistorikers, indessen
keinen Beifall abgewinnen. Dagegen Rossetti, der
Maler-Dichter, nur immer in unfern Augen steigt:
„Joli Coeur" ist eines seiner wunderschönen Frauen-
bilder, „Pandora" ist nicht zu seinen schönsten Werken
gehörig, aber die „Dame mit dem Fächer", deren edle
Funktion es ist, „zu leben und schön zu sein", wie mit
Recht von einem Engländer bemerkt worden ist, zeigt
Rossettis Anrecht, der größte Künstler in diesem Kreise
von Künstlern genannt zu werden. Er ist in der That
der innigste und reifste unter den Präraffaeliten und
wenn auch von seinen früheren Werken, den dramatisch
bewegten, die Ausstellung nichts zeigte, so gab sie von
seinen einfachen Bildern weiblicher Einzelfiguren eine
charakteristische Vorstellung.

Eine ganze Ausstellung, weiblichen Figuren geweiht,
war die unter dem Titel „Fair Women", „Schöne
Frauen" in der Grafton Gallery vereinigte Sammlung.
Wie es der Gegenstand erwarten läßt, hörte diese Aus-
stellung nicht auf, besucht zu werden, ein glänzendes
Publikum erfüllte sie, und es war anziehend, hier nicht
nur jene Frauen zu finden, die vor mehreren hundert
Jahren den Männern die Köpfe verdrehten — sondern
auch die lebenden.

Die Ausstellung fing mit einigen griechisch-ägyptischen
Bildnissen an. Es ist schon lange her, daß diese gemalt
wurden, bei Mumien sind sie gefunden worden, wir
wissen nichts über die Frauen, die hier dargestellt sind,
und wie es heute noch vorkommt, so war es schon

damals, daß nicht alles schön war, was dem weiblichen
Geschlecht angehörte. Die eine der beiden vorgeführten
ägyptischen Damen ist furchtbar häßlich; man begreift
nicht, wie sie in die Ausstellung „schöner Frauen" hinein-
geraten ist, doch würde sie in ihr Gesellschaft finden.
Denn der Katalog selber deutet es schon in einer kleinen
graziösen Vorrede an: nicht alle Frauen sind schön, die
wir hier zur Ausstellung bringen, einige sind auch nur
deshalb in ihr, weil sie berühmt wegen ihres Geistes
oder Einflusses waren; aber doch ist Venus hier die
Göttin und nicht Pallas Athene.

Und wenn man nun an diesen Wänden die Frauen-
bildnisse herunterblicken sieht, glaubt man die Seide rascheln
zu hören, die kleinen Fäuste Schicksale halten zu sehen,
die Mär von der Schwäche des schönen Geschlechtes ver-
flüchtigt sich, wenn auch nicht wenige der hier ausgestellten
Frauen ebenso unglücklich wie schön waren.

Viele Fürstinnen sind dargestellt; aber fast alle übrigen
Dargestellten ebenfalls haben Herrschaft geübt, wie es
denen zukommt, die glänzende Anziehung ausüben
konnten.

In rascher Folge wird man durch das Ende des
fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert geführt: die schöne
Simonetta, aus Sandro Botticellis Schule, und die
Schwester Heinrichs VIII., Margarethe Tudor, Königin von
Schottland, angeblich von Hol dein, aber keinesfalls von
ihm, eröffnete den Reigen. Einzelne italienische Bilder,
auch ein spanisches, das sehr schön ist, von Zurbaran,
fallen wohl auf, aber mit Rubens erst fängt die Aus-
stellung an, sich auf einer breiteren Grundlage zu errichten.
Dem Rubensschen Bilde der „Anna von Österreich" folgen
die Bilder des glänzendsten Schülers von Rubens, van
Dycks, diesem folgen Le ly und Kneller, in Knellers
Todesjahr wird Reynolds geboren, zwei Jahre später
in Frankreich Grenze. Und nun sind wir im Fahr-
wasser der Galerie; Drouais, Gainsborough er-
scheinen, Romney folgt — nun tauchen nebeneinander
die schönen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts auf.
Und wir folgen ihnen von den großen Leinewänden bis
in die kleine Miniatur, und von den Bildern, die sie
darstellen, zu den Spitzen, die sie trugen; und ein Par-
füm von dem allen bleibt. Wieviel Schönheit und wie-
viel Talente, die sie malten.

Und dann kommen wir in die neuere Zeit. Eine
Thür öffnet sich und die Weltdame von heute erscheint,
eine Lady in schwarzem Atlas, ausgeschnitten, etwas
herausfordernd, in ihrem Boudoir. Sie erscheint und
der Duft des achtzehnten Jahrhunderts entflieht, der
Traum entflieht und die Wirklichkeit kommt. Wir sehen
„Typen", ack I diese Lady, sie ist von dem Italiener Bo l-
dini gemalt, nä II Katharina Grant, von Herkomer,
diesen ganz anderen Typus, ein bewußtes Mädchen, ein
Mädchen, das sich dem Mann als gleich — mindestens
als gleich gegenüberstellt, ein Mädchen, dessen Augen so
blicken, als verdiente sie sich in einer Frauenuniversität den
Doktorhut, .und deren Arme unter den langen schwedischen
Handschuhen so stark scheinen, als ruderte sie sehr regel-
mäßig auf der Themse und wünschte auch im Sport ihre
Ebenbürtigkeit zu beweisen.

Den dritten Typus bildet Sarah Bernhardt; in
einer Marmorbüste aus ihrer Jugendzeit tritt sie vor
uns, diese Königin unter den Schauspielerinnen. Welchen
Rang sie behauptet, sieht man an dem Platze, der ihrer
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