Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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43 Ein englisches Urteil über deutsche kunstwissenschaftliche Publikationen und ihre Zukunft nach dem Kriege

„Abstand zwischen der koloristischen Finesse, mit der
„einzelne nebensächliche Stellen behandelt sind, und
„der grotesken Mangelhaftigkeit in der Formengebung
„der Hauptpartien ist so groß, daß man fast auf den
„Oedanken kommen könnte, ein Schüler hätte eine
„bloß in Flecken angegebene, vielleicht auch stellen-
weise abgekratzte Untermalung nach eigenem Gut-
dünken in den wichtigeren Partien ergänzt, um das
„Gemälde dadurch verkäuflich zu machen; dergleichen
„ist ja sicherlich schon öfters vorgekommen. Nun
„sträubt man sich anzunehmen, daß gerade jemand,
„der über ein so imposantes Maß von Ungeschick-
lichkeit verfügt, es gewagt haben sollte, sich dieser
„Arbeit zu unterziehen. Bleiben wir also bei der von
„der Autorität gestützten Meinung, daß es sich hier
„um eine in allen Teilen echte Originalarbeit
„Tizians handle; niemand aber kann uns zumuten,
„diese Arbeit aus einem andern Gesichtspunkt inter-
essant zu finden, denn als Beweis dafür, wie
„erstaunlich tief Vater Homer manchmal schla-
fen kann«. — Gewiß wird jeder Leser mit dem Ver-
fasser zu dem eingangs von ihm aufgestellten Schlüsse
kommen, daß es keineswegs »um die Sach- und
Fachkenntnis der mit der Beaufsichtigung
besagter Galerie betrauten Persönlichkeiten
recht übel bestellt sei«. BODE.

EIN ENGLISCHES URTEIL ÜBER DEUTSCHE
KUNSTWISSENSCHAFTLICHE PUBLIKATIONEN
UND IHRE ZUKUNFT NACH DEM KRIEGE

Im Augusthefte des Burlington Magazine, in dem nach
wie vor Neuerscheinungen des deutschen Büchermarktes,
sofern sie noch nach England gelangen, besprochen werden,
findet sich ein für die englische Auffassung sehr charakte-
ristischer Artikel aus der Feder von Sir Martin Conway, ein
wahres Schulbeispiel dafür, mit welchen Scheuklappen
leider selbst freundlich gesinnte, unterrichtete Engländer
»unentwegt« die Deutsche Welt betrachten.

Das Werk, das Conway zu seinen Betrachtungen
über die Verdienste der deutschen kunstwissenschaft-
lichen Literatur und — die Oleichgültigkeit des englischen
Publikums ihr gegenüber Anlaß gibt, ist der erste
Band des Monumental Werkes über »Bayerische Kirchen-
schätze«, das E. Bassermann-Jordan bei Bruckmann in
München herausgibt. Die beachtenswerten Ausführungen
Conways mögen hier unverkürzt folgen: »Dieser dick-
leibige Band sollte den ersten einer Folge bilden, die
alle bayerischen Kirchenschätze umfassen sollte. Er wird
wahrscheinlich für viele Jahre der einzige bleiben. Der
Krieg zerstört nicht nur zahllose unvergleichliche Kunst-
werke, sondern hindert andere am Entstehen. In den
letzten Jahren war die Welt hauptsächlich deutschen Ver-
legern zu Danke verpflichtet für eine Menge wertvoller und
gut ausgeführter Veröffentlichungen, die Reproduktionen
von Werken alter Kunst jeder Gattung enthielten. Solche
Bücher konnten nur in Deutschland erscheinen, weil nur
da die Nachfrage groß genug war, den Umfang einer Auf-
lage zu absorbieren. Dies ist nicht nur dem Interesse zu-
zuschreiben, das das deutsche Publikum der Kunstgeschichte
entgegenbrachte, sondern noch mehr der eigentümlichen
Zusammensetzung des Deutschen Reiches. Die zahl-
reichen Residenz- und Universitätsstädte in seinen größeren
und kleineren Staaten, jede mit einer Bibliothek, die große
Leistungsfähigkeit erstrebte, und jede ein sicherer Käufer

eines solchen Werkes, ermöglichten solche Veröffent-
lichungen, weil auf jeden Fall die Abnahme von einer ge-
nügenden Anzahl von Exemplaren, die die Herstellungs-
kosten deckte, verbürgt war. Die englisch sprechende Welt
gewährt keinen solchen Markt. Wir haben zahllose städti-
sche und andere öffentliche oder halb öffentliche Biblio-
theken, aber wer von uns jemals in dem Verwaltungs-
ausschuß einer solchen gesessen hat, weiß, wie aussichtslos
es ist, für kostbare illustrierte kunstgeschichtliche Werke
Geld bewilligt zu bekommen, besonders wenn dieselben
in einer fremden Sprache abgefaßt sind. Diese Biblio-
theken sorgen für die Bedürfnisse eines Lesepublikums von
geringer Bildung (low education), und so lange dies der
Fall ist, werden die Bibliotheken, die man anhäuft, niemals
wirklich monumentale Werke der Wissenschaft von einem
notwendig kostspieligen Charakter enthalten. Daher kam
es, daß der Absatz der großen deutschen Ausgaben von
Reproduktionen alter Kunst in England und Amerika immer
so klein gewesen ist. Natürlich unterbricht der Krieg nicht
nur den Strom derartiger Veröffentlichungen in Deutschland,
sondern muß auch für Jahre und wahrscheinlich für Jahr-
zehnte die Geldquellen verstopfen. Die großen Unter-
nehmungen, die schon begonnen sind, werden kaum wieder
aufgenommen werden, wenn der Friede zurückkehrt, falls
nicht, was Gott verhüten möge — unsere Feinde sieg-
reich sein sollten. Die großen Publikationen sämtlicher
Zeichnungen Raffaels und Holbeins z. B. — Ausgaben,
die jede, wenn abgeschlossen, 50 £ kosten müßten —
werden voraussichtlich auf dem Punkt stehen bleiben, den
sie vor Beginn des Krieges erreicht hatten. Auch die
Sammlung karolingischer Elfenbeinarbeiten, wovon ein
Band erschienen ist, wird in gleicher Weise betroffen
werden, und so viele andere ebenfalls, die zu zahlreich
sind, als daß man sie aufzählen könnte. Deutschland hat
die Arbeit auf natur- und geisteswissenschaftlichem Ge-
biete, die es so befähigt war, für die Welt im allgemeinen
zu verrichten, aufgegeben in dem eiteln Bestreben, die
Weltherrschaft zu erlangen, und mit dem Scheitern dieses
Versuches werden all seine heilsamen (salutary) Tätig-
keiten in gleicher Weise, wenigstens für ein Menschen-
alter, vernichtet sein. Wenn wir nur hoffen könnten, daß
die englischen Publikationen dieser Art an ihre Stelle
treten und die Lücke ausfüllen könnten, würden wir es
nicht so bedauern, aber unser englisches Publikum küm-
mert sich wenig um die Dinge, die den Lesern dieser
Zeitschrift am Herzen liegen, und es ist auch nicht wahr-
scheinlich, daß sich ein Interesse, das in den weichlichen
Tagen des Friedens und des Glückes spärlich blühte, nach
der Leidenschaft des Krieges kräftiger entwickeln wird.
Der vorliegende Band muß deshalb als die Probe eines
großen Unternehmens betrachtet werden, das zum Unter-
gang verdammt ist. Es ist das Denkmal einer Periode,
die ebenso tot und vergangen ist, wie die Feudalzeit. Wir
dürfen sogleich sagen, daß es ein würdiges Denkmal jener
Periode ist, ein vollendetes Werk friedlichen Gelehrten-
fleißes, der zwar bibergleich war und der Bewunderung,
des Glaubens und der Liebe entbehrte [jener Ruskinschen
Dreiheit], der aber gewissenhaft, sorgfältig und so um-
fassend wie möglich war. Der Verfasser ist kein Kunst-
richter, kein leidenschaftlicher Liebhaber der Kunst; er be-
arbeitet jeden Gegenstand, um das Tatsächliche festzu-
stellen, wie ein Entomologe sich mit einem Käfer be-
schäftigt. Er bestimmt die Zeit, den Ort und die näheren
Umstände, gruppiert das Objekt zu verwandten Erschei-
nungen, sondert es von denen ab, mit denen es nichts zu
tun hat und zählt alle ermittelbaren Tatsachen in knapper
Form auf. Beziehungen (Fäden) werden geduldig verfolgt,
und ein grenzenloser Fleiß offenbart sich auf jeder Seite.«
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