Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 38. 16. Juni 1916

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Während der Sommermonate erscheinen wie üblich Kunstchronik Kunstmarkt in größeren Zwischen-
räumen; die nächste Nummer (39) wird am 30. Juni ausgegeben werden -

DAS SALZBUROER MUSEUM UND DIE FESTE
HOHENSALZBURG

Bei den Festlichkeiten, mit denen vor einigen Wochen
die hundertjährige Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich
gefeiert wurde, sprachen offizielle Redner von der Hoffnung
der Stadt, die dem Militärärar gehörige Feste Hohensalz-
burg zum Geschenk zu erhalten, in die das städtische Mu-
seum verlegt werden solle. Damit drang zum ersten Male
die Nachricht von einer Angelegenheit ins Publikum, die
seit langer Zeit von den beteiligten Behörden erwogen und
beraten wird; und die noch reiflicher Überlegung bedürfen
wird, ehe sie als spruchreif erklärt werden kann. Von den
fiskalischen Schwierigkeiten, von der Notwendigkeit für die
Militärbehörden, sich andere zu Kasernen und Depots ge-
eignete Baulichkeiten zu verschaffen, von der sehr beträcht-
lichen finanziellen Last für die Stadtgemeinde, den be-
deutenden Qebäudekomplex der Festung zu erhalten —
was die Militärverwaltung verhältnismäßig wohlfeil zu be-
streiten imstande war —, von all dem soll hier nicht ge-
sprochen werden. Hier kann nur davon die Rede sein,
was Festung und Museuni — beide den meisten deutschen
Fachgenossen und sogar einem guten Teil des großen
Reisepublikums wohlbekannt — von der beabsichtigten Ver-
änderung zu gewinnen und zu verlieren, zu hoffen oder
zu fürchten haben.

Der Plan, den beiden Lieblingen der Salzburger Kunst-
freunde durch ihre enge Verknüpfung neues Leben zu-
zuführen, ist aus der Geschichte beider Bauten und ihrer
gegenwärtigen Situation ohne weiteres verständlich. Die
Feste Hohensalzburg ist mit der älteren Geschichte der
Stadt, die sie bekrönt und beherrscht, aufs engste ver-
knüpft; unter den großen Erzbischöfen des Investitur-
streites, den unbeugsamen Widersachern ihrer Kaiser,
erbaut, hat sie namentlich in den unruhigen Zeiten am
Ausgang des Mittelalters eine Rolle gespielt und ihre
architektonische Ausgestaltung erfahren. Das alte Haupl-
schloß, der Palas der weitläufigen Anlage, jetzt Hohestock-
kaserne genannt, ist unter Erzbischof Leonhard von Keut-
schach (1495—1519) modernisiert worden; die Formen der
ausgehenden Gotik sind vom Geist der einsetzenden Re-
naissance regiert. Noch dient die Feste den geistlichen
Landesherren als Residenz, aber schon mögen sie auch
innerhalb ihrer Beengtheit den neuen Luxus vornehmer
Existenz nicht missen, reich verzierte Prunkräume, üppiges
Getäfel und Marmorbildwerke an allen Ecken scheinen des
Emsts der Trutzburg zu spotten. Nach dieser Übergangs-
zeit, die die Glanzperiode von Hohensalzburg ist, gleitet
es rasch zum bloßen Nutzbau herab; die Fürsten bauen
ihre stolzen Paläste in der Stadt, die Festung aber wird
Teil und Schlußstein des großzügigen Fortifikationssystems,
mit dem Erzbischof Paris Lodron (1619—53) in den Stür-
men des Dreißigjährigen Krieges seine Hauptstadt schirmt.
Die nächsten Jahrzehnte haben noch einzelne Verstärkungen
und Veränderungen gebracht, im ganzen aber ist Hohen-
salzburgs Geschichte zu Ende; es wird — in den napoleo- [

nischen Invasionen militärisch völlig ausgeschaltet — Ge-
fängnis, Kaserne, Magazin, ein ärarisches Nutzgebäude,
dessen stolze Silhouette uns darüber hinwegtäuschen will,
daß hier eine tote Maske die adeligen Züge von einst fest-
hält. Ein solcher Zustand erschien schon den roman-
tischen Generationen um die Mitte des 19. Jahrhunderts
unwürdig; ein Teil des Hauptschlosses, die sogenannten
Fürstenzimmer, wurden aus dieser Gesinnung 1851 in radi-
kaler Weise restauriert. Täfelungen und Schnitzereien
wurden erneut, Tapetenmuster gemalt und Interieurs ge-
schaffen, die den naiven Beschauer in die Gralsburgstini-
mung eines geträumten Mittelalters zurückversetzen sollten.

Derselben historisierenden Romantik, die mit mate-
riellen Mitteln ihre Ideenwelt handgreiflich machen wollte
und in die augentäuschende Echtheit ihrer Träume ihren
Stolz setzte, verdankt das Salzburger Museum Carolino-
Augusteum seine charakteristische Gestaltung. Es wurde
ursprünglich (1833) durch den privaten Eifer eines be-
geisterten Salzburgers, des Leihhausverwalters Vinzenz
Maria Süß, begründet; er trug Waffen und sonstige Re-
liquien der vaterländischen Vergangenheit zusammen und
vereinigte sie in einem Baumagazin, das die Stadt ihi i zur
Verfügung stellte. Aus diesen bescheidenen Anfänge l er-
wuchs dank dem unermüdlichen Eifer von Süß und der
opferwilligen Teilnahme der Bürgerschaft eine reiche Sfinni-
lung bedeutender und unbedeutender Denkmäler der 3 ü :-
burger Stadt- und Landesgeschichte; ihren einheitlichen
Rahmen erhielt sie durch den Museumsdirektor Jost Schiff-
mann, der von 1870 an in den gewölbten Räumen des
alten städtischen Magazins eine Reihe von malerischen
Interieurs schuf, die einheitliche Kulturbilder zu vermitteln
bezweckten; Kapelle und Zunftstube, Studierzimmer und
Renaissancehalle, Küche und Rokokostübchen, wurden nun
mit den alten Kunstgegenständen ausgestattet. Daß es
dabei nicht ohne Gewalttätigkeit abgehen konnte, ist natür-
lich; um alles ausstellen zu können, mußte Widersprechen-
des vereint, um eine einheitliche Wirkung zu erzielen,
Echtes durch Falsches ergänzt werden. Der malerischen
Wirkung wurde die Übersichtlichkeit, dem Gesamteindruck
das Einzelstück, der zweifelhaft bleibenden Echtheit des
Ganzen die Achtung vor der materiellen Echtheit der
Objekte geopfert; deshalb wurde das Museum von Anf;rg
an vielfach angegriffen, Albert 11g hat es jahrelang grimmig
im Namen systematischer Kunstwissenschaft befehdet. Den-
noch hat sich Schiffmanns Anordnung behauptet; ein:ge
der schlimmsten Verfälschungen wurden ausgemerzt, die
zahlreichen neuen Säle, in die das sich mächtig dehne nie
Museum hineinwuchs, wurden systematisch geordnet, den
Kern der Sammlung aber bilden nach wie vor die histo-
risierenden Interieurs Schiffmanns, und ohne Zweifel sind
es gerade diese piae fraudes, die dem ganzen Museum
eine außerordentliche Popularität verschafft haben. Vollends
den Salzburgern ist es, wie es ist, ans Herz gewachsen;
nicht mehr eine bloße Sammelstätte von Denkmälern,
sondern selbst ein Denkmal, und mancher sieht vielleicht
mit Mißbehagen, wie es — tatkräftig geleitet und ver-
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