Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang

1915/1916

Nr. 9. 26. November 1915

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PARISER MUSEUMSPHANTASIEN

In der Pariser Tageszeitung Le Journal vom
12. Oktober 1915 hat der auch als Dichter bekannte
Konservator des Cluny-Museums Edmond Haraucourt
unter dem Titel »Herr Doktor et L'Avant-
Guerre« einen Aufsatz veröffentlicht, der einige Be-
achtung verdient als ein betrübliches Beispiel jener
geistigen Verwirrung, die in Frankreich auch hoch-
gebildete Männer ergriffen hat. Herr Haraucourt hat
vor dem Krieg als ein zuvorkommender Museums-
direktor die Studien auswärtiger Fachgenossen in
seinem Museum in ebenso höflicher und dankens-
werter Weise erleichtert, wie das in allen zivilisierten
Ländern üblich ist. Jetzt ist ihm die nachträgliche
Erleuchtung gekommen, daß die scheinbar wissen-
schaftlichen Arbeiten seiner deutschen Kollegen im
Cluny-Museum nur Vorbereitungen im Dienste der
Spionage für eine künftige Plünderung gewesen sind,
und daß auch der Internationale Verband der
Museen, der vor achtzehn Jahren von Deutschen,
Engländern, Schweizern, Skandinaviern gegründet
wurde und in dem auch Franzosen und Russen in
gemeinsamer Tätigkeit mitwirkten, diesen verruchten
Zwecken dienen sollte oder gedient hat. Der Aufsatz
lautet mit Hinweglassung unwesentlicher Stellen:

»Ein Museumskonservator, der für mich keine Ge-
heimnisse haben kann, gab mir einen befremdlichen
Bericht; dieser schien mir derart, daß er alle Welt
interessieren müsse und insbesondere die Neutralen,
die wahren und reinen Neutralen, die Intransigenten
der Neutralität, selbst diejenigen, wenn es solche gibt,
die an die Unschuld Deutschlands glauben wollen,
an seine Rechtlichkeit, und die nicht begreifen, wie
gefährlich es ist, in Friedenszeiten diese Organisatoren
des Angriffs und der Plünderung bei sich aufzunehmen.

»Es ist Ihnen nicht unbekannt, sagte mir der be-
treffende Konservator, daß das mir anvertraute Museum
einer der reichsten Plätze der Welt ist, wo die Wunder-
werke der Kunst und die Reliquien der Geschichte
im Überfluß sich häufen; dieses alte Hotel ist wie der
Tempel des Vaterlandes, wo die abgeschiedenen Zeit-
alter schlummern ... Es ist ein geheiligtes Haus.
Alle Touristen der Erde, die durch Paris kommen,
statten diesem Haus ihren Besuch ab. Ich will nicht
behaupten, daß alle das verstehen, was sie dort sehen;
aber ihr Führer und die menschliche Ehrfurcht ver-
pflichten sie, es gesehen zu haben. Vor dem Kriege
brachten uns jeden Tag die roten Baedeker Hunderte
von Passanten ... Ich rede nicht von diesen Maul-
affen. Ich habe aber auch andere Persönlichkeiten
empfangen, die keineswegs uninteressiert waren,
glauben Sie mir, die sich sogar zu sehr interessierten.
Oh die Banditen! Wenn ich sie mir heut ins Ge-

dächtnis zurückrufe, so schaffen sie mir im Rückblick
einen Schauder der Angst, den ich nicht gehabt habe
in ihrer Gegenwart, und den nicht gehabt zu haben,
ich mir nun vorwerfe. Das waren Gelehrte. Denken
Sie sich . . .!

»Ich muß zunächst erzählen, daß die Direktoren
und Konservatoren der Museen vor einigen Jahren
eine Art internationaler Bruderschaft gegründet haben:
sie tauschen Briefe, Notizen, Informationen, Photo-
graphien, Besuche; sie unterrichten sich gegenseitig
über ihre Erwerbungen, über die so häufigen Dieb-
stähle in allen Museen Europas, über die Entstehung
der Fälschungen, die man heute in dieser, morgen in
jener Hauptstadt anbietet. Die Initiative dieser prak-
tischen Organisation schuldet man den Deutschen:
man wäre versucht, ihnen dafür Dank zu wissen, da
die Einrichtung Allen ein Mittel der Verteidigung
schafft. Aber warten Sie das Ende ab und Sie werden
die Verderbtheit erkennen, die sich unter dem Geist
der Methode verbirgt.

»Seit zwei Jahren bemerkte ich eine ganz be-
sondere Tätigkeit meiner deutschen Kollegen. Ihre
Briefe häuften sich: ,Was ist aus jenem Gegenstand
geworden, der früher in dem und dem Saale aus-
gestellt war und sich dort nicht mehr befindet? Wo
kann man ihn wiederfinden?' Die Besuche folgten
den Briefen. Sie kamen alle und jeder von ihnen
erkundigte sich speziell nach einer Gattung, ohne sich
jemals mit dem übrigen abzugeben. Einer wünschte
die Elfenbeinarbeiten durchzusehen, der andere die
Textilien, jener die merowingischen Schmucksachen,
wieder ein anderer das Steinzeug usw. Es war
wirklich ein Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten, denn
sie sind, jeder an seinem Teil, von unvergleichlicher
Gelehrsamkeit; dafür aber wissen sie nichts von dem,
was nicht zu ihrer Spezialität gehört, und sie wollen
nichts davon wissen. Es ist unnütz, ihnen im Vorbei-
gehen ein Meisterwerk zu zeigen, das nicht in ihr
Gebiet fällt: sie wenden sich gleichgültig ab; es ge-
hört nicht zu ihrem Rayon. Sie sind Rayonchefs;
sie lieben nicht, sie bewundern nicht, sie regen sich
nicht auf; sie nehmen Notiz und machen Listen.
Jeder von ihnen beschäftigte mich durchschnittlich
zwei oder drei Morgenstunden, wenn die Abwesen-
heit des Publikums das Öffnen der Vitrinen gestattete;
er nahm Maße, Nummern, Platzangaben; war seine
Liste fertig, so verschwand er, und ich sah ihn nicht
wieder. Aber ich sah dann andere, und so fort, mit
einer Häufigkeit, die sich aufs höchste steigerte im
Frühling 1914. Endlich, Mitte Juli, stellte sich ein
kleiner Mensch vor, ein einfacher Spion, ohne Titel
und Empfehlungen, völlig kenntnislos in allen Kunst-
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