Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang

1915/1916

Nr. 34. 19. Mai 1916

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TAGEBUCHBLÄTTER VON EINER
STUDIENREISE NACH RUSSLAND (1913)
Von Theodor Hampe

(Schluß aus der vorigen Nummer)

Freitag, den 26. September: Vormittags noch-
mals in die Eremitage und in die Bibliothek, wo ich
meine vier Handschriften zu genauerer Durchsicht be-
kam1). Nachmittags Ausflug nach Peterhof. Gang durch
das kaiserliche Lüstschloß, in dessen prächtigen Zimmern
manch hübscher Gobelin, zahlreiche gute Bildnisse
und andere Gemälde, darunter mehrere in die Wand
eingelassene von Philipp Hackert mit der Darstellung
der Verbrennung der türkischen Flotte bei Tschesne
durch Orlow, gute Bronzen — reizvolle Bronzeuhr
von Cafieri, im Arbeitszimmer des Zaren auf seinem
Schreibtisch eine goldbronzene Reiseuhr von Lang-
schwert in Würzburg — u. a. m. zu bewundern ist. —
Blick von der Terrasse nach Kronstadt hinüber, das
mit Petersburg durch einen durch das Wattenmeer
geführten, gemauerten »Meerkanal« verbunden ist
und dessen Kuppelkirche man, namentlich durch ein
Fernrohr, von Peterhof aus gut sehen kann: bei dem
warmen Herbstsonnenschein und dem blauen Himmel
ein an Venedig erinnerndes Bild. Gang durch den
Park, wo die Wasserkünste (zum Teil recht alberne
Spielereien: Frosch und Ente) spielen, und zu dem
Ritter-Schweiggerschen Neptunbrunnen, der hier in-
mitten eines weiten Wasserbeckens und ziemlich niedrig
aufgestellt ist, so daß er wesentlich anders als die
Kopie auf dem Nürnberger Hauptmarkt wirkt . . .

Bald nach 6 Uhr wieder in Petersburg. Spät um
11 Uhr Abreise vom Moskauer Bahnhof am Snam-
jenskajaplatz nach Moskau, wo wir Sonnabend den
27. September um 10Uhr ankamen, um eine Stunde
später zunächst eine Orientierungswanderung an-
zutreten.

Es ist gerade hoher Festtag (Kreuzeserhöhung)
und sehr viel Landvolk und sonstige geringere Leute
auf den Straßen, die dadurch ein besonders belebtes,
wenn auch eben nicht sehr farbenreiches Bild bieten.
Die russischen Bauern machen in ihrer einfachen,
sauberen, zweckmäßigen Kleidung, ihrem offenbar
höchst solide gearbeiteten Schuhzeug einen ganz vor-
trefflichen Eindruck.

Jenseits des Moissejewskajaplatzes, an dem das
Hotel National liegt und auf dem natürlich auch eine
Kapelle steht, führt die doppelte Iberische Pforte auf
den berühmten Roten Platz. Außen vor der Pforte
zwischen den beiden Torbögen liegt die kleine Kapelle

1) Darunter (Geschichte Nr.76) eine gleichzeitige Hand-
schrift des Nürnberger Markgrafenkrieges 1552—1554.

der Iberischen Mutter, in welcher beständig An-
dachten abgehalten werden und vor der sich die
Vorübergehenden mit der größten Inbrunst verneigen,
vor der sie auf den Knien liegen und sich bekreuzen,
obgleich die Madonna selbst einen großen Teil des
Tages auf Krankenbesuchen bei solchen, die es zahlen
können, abwesend ist. Einige der Kollegen sahen sie
eines Abends in sechsspänniger Kutsche zu ihrer
Kapelle heimkehren.

Betritt man also von dort den Roten Platz, so hat
man zur Rechten einen Teil der Kremlmauer vor sich,
deren Türme und Tore, samt der zinnenbekrönten
Mauer selbst zu Ende des 15. Jahrhunderts von Mai-
länder Baumeistern erbaut, wohl das Prächtigste und
Feinste sind, was man an Bauwerken in Rußland,
jedenfalls in Petersburg und Moskau, sehen kann.
Den Platz selbst schmückt das wirkungsvolle Denk-
mal Minins und Posharskijs, der beiden Befreier von
der polnischen Fremdherrschaft zu Anfang des ^.Jahr-
hunderts. Am anderen Ende des Roten Platzes ragt
die wunderlich bunte, echt russische Basilius-Kathe-
drale mit ihren verschieden hohen Kuppeln auf, die
sich im Innern — auch hier sind Italiener der Re-
naissance als Künstler tätig gewesen — als ein Laby-
rinth von dunklen Gängen und dämmerigen kleinen
Kapellen ohne jeden größeren Raum darstellt. Auch
sie ist also, wie der Kreml und einige andere Ge-
bäude, von dem großen Brande Moskaus 1812 nicht
ergriffen worden. Ihr gegenüber, an der Eingangs-
seite neben dem Iberischen Tor liegt das Historische
Museum, das seine Bauformen und Ornamentations-
motive nicht besonders glücklich den alten Bauten,
namentlich den Kremltürmen entlehnt. Die andere
Langseite des Platzes nehmen die Hauptgebäude der
»Handelsreihen« ein, die, wie Kollege Sch.-M. es
treffend ausdrückte, in einem »style tingeltangelesque«
erbaut sind.

Durch das Sspasskija-Tor, durch das man nur un-
bedeckten Hauptes schreiten darf, betraten wir den
Kreml. Leider waren mehrere Höfe gerade in der
Neupflasterung und das Innere der Usspjenskij-Kathe-
drale in der Restaurierung begriffen; dazu sind so
viele neue, mehr oder weniger kasernenhafte Gebäude
zwischen die alten hineingebaut, daß der Gesamt-
eindruck der Kremlbauten kein sehr harmonischer
und kein allzu anziehender und erfreulicher mehr ist.
Das Bedeutendste und künstlerisch Schönste und Wert-
vollste bleibt die Umfassungsmauer, die man nament-
lich von dem aussichtsreichen Denkmal Alexanders II.
aus gut überschaut. Blick über Moskau vom Turm
Iwan Welikij aus. Besichtigung der Riesenglocke,
der großen Kanone und verschiedener Kirchen und
Kapellen, auch der südwestlich vom Kreml gelegenen
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