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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 42. 1. September 1916

Die Kunstchronik und der Kunstmarkt erscheinen am Freitage jeder Woche (im Juli und August nach Bedarf) und kosten halbjährlich 6 Mark.
Man abonniert bei jeder Buchhandlung, beim Verlage oder bei der Post. Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Qewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E.A.Seemann, Leipzig, Hospitalstr. 11 a.
Abonnenten der Zeitschrift für bildende Kunst erhalten Kunstchronik und Kunstmarkt kostenfrei. Anzeigen 30 Pf. die Petitzeile; Vorzugsplätze teurer.

»EIN VORBILD ZU DÜRERS CHRISTLICHEM RITTER

Unter diesem Titel veröffentlicht Mela Escherich
im letzten Heft der Zeitschrift für christliche Kunst
Seite 6i ein ziemlich mittelmäßiges Alabasterrelief des
Germanischen Museums mit dem heiligen Georg, das
dem Ende des 15. Jahrhunderts angehört und das nach
ihrer Meinung Dürer für seinen Kupferstich: »Ritter,
Tod und Teufel« von 1513 teilweise als Vorbild be-
nutzt hat, wenn ihm nicht ein unbekanntes älteres
Original in Kupferstich oder Holzschnitt für seine be-
rühmte Komposition diente. Die Rüstung des Ritters
sei ja — sagt Mela Escherich — bekanntlich der
Albertina-Zeichnung von 1498 entnommen, aber auch
nur diese. Der Kopf des Ritters und das Pferd
hätten mit der Kostümstudie nichts gemein, gingen
dagegen »unverkennbar« auf das Vorbild des älteren
deutschen Meisters zurück. Die Verwandtschaft er-
strecke sich sogar bis auf Ähnlichkeiten der Auf-
zäumung. Der verzeichnete linke Hinterfuß des Ala-
basterpferdes machte Dürer — sagt Mela Escherich —
»zweifellos« zu schaffen. Er suchte ihn zu ändern
und kam nicht gleich zurecht damit, bis er sich ent-
schloß, ihn vom Boden zu heben. So erkläre sich
der oft besprochene »Reuezug« (Pentimento) des im
Kupferstich rechten Hinterbeines.

Mit den Vorderbeinen mußte aber — sagt Mela
Escherich — auch eine Veränderung stattfinden. Dürer
hob den linken Fuß weniger stark als den entsprechen-
den im Alabasterrelief, um Raum für den zweiten Pferde-
kopf zu gewinnen. Die Gegenseitigkeit des Stiches —
sagt Mela Escherich — sei ein weiterer Anhaltspunkt
für seine Abhängigkeit vom Relief, und die primitive
Landschaft des letzteren mit Fels und Burg habe
Dürer die Anregung zu seinem so feinsinnig ausge-
arbeiteten Hintergrund gegeben.

An all diesen Behauptungen ist das Richtige nicht
neu und das Neue nicht richtig. Man faßt sich un-
willkürlich beim Lesen an den Kopf und fragt: wie stellt
sich eigentlich Fräulein Mela Escherich die Schaffens-
weise des größten Künstlers deutscher Nation vor? —
Hat Dürer nötig gehabt, für eine seiner grandiosesten
Schöpfungen, die heute noch als ein Markstein neben
Adam und Eva und der Melancholie aus seinem Werke
emporragt, ein so kümmerliches Machwerk wie das
.Nürnberger Alabasterrelief zu Hilfe zu nehmen, um
sich daraus »Anregung« für — — — Pferdebein-
steilungen oder Hintergründe zu holen? Sollte er so
»komponiert« haben wie heute etwa ein strebsamer
Kunstgewerbeschüler, der sich aus den Mappen der
alten Meister im Kupferstichkabinett verwendbare »Mo-
tive« zusammensucht?

Zwischen den beiden Pferden besteht auch nicht
der leiseste Zusammenhang, und die Aufzäumung sieht

der auf dem heiligen Georg nur insofern ähnlich, als
sie, wie üblich, aus Kopfgestell und Schwanzriemen
besteht. Dürer hielt sich, was Mela Escherich nicht
bemerkt zu haben scheint, genau an seine Vorstudie
in der Albertina, die meines Erachtens nach dem
lebenden Modell gemacht ist und das Pferd daher
ruhig stehend und nicht ausschreitend zeigt. Einzel-
heiten, wie die Kette auf dem Backenstück des Kopf-
gestells, das hinter Trensen- und Kandarenzügel herab-
hängende Ende des auf der Backe mit einer Schnalle
versehenen schmaleren Lederriemens, die Schelle über
dem Hinterteil und die Lage und ungleiche Länge der
beiden von ihr ausgehenden, in runde Metallstücke
endenden Riemen, endlich auch das Eichenlaubbüschel
an der Wurzel des Pferdeschweifes stellen die Be-
nutzung der 15 Jahre älteren Zeichnung außer Zweifel,
von der das Zaumzeug — beiläufig bemerkt — schon
für den heiligen Georg von 15081) B. 54 als Vor-
lage diente.

Und die Burg über den Felsen des Hintergrundes? —
Mein Gott, mußte sich Dürer dazu gerade von diesem
Alabaster-Georg Anregung holen, da dochauf Hunderten
von heiligen Jörgen des 15. Jahrhunderts das traditio-
nelle Felsenschloß des Königs von Lybien erscheint?
Dürer war ein leidenschaftlicher Burgenfreund, und
die Erinnerung an die malerische Bergfeste seiner
Vaterstadt klingt in zahlreichen Kupferstichen'2) und
Holzschnitten8) bei ihm an.

Aber die ganze Hypothese würde keiner ernst-
haften Entgegnung oder Widerlegung wert sein, wenn
sie nicht von prinzipieller Bedeutung wäre. Es
muß einmal mit allem Nachdruck gegen solche eil-
fertigen Entdeckereien Einspruch erhoben werden,
die, ohne ausreichende ikonographische Kenntnis, ohne
Qualitätsgefühl, ohne methodische Schulung und ohne
die vor der Drucklegung so sehr wünschenswerte Über-
legung niedergeschrieben, unseren Fachzeitschriften
zur zweifelhaften Zierde gereichen und die Zeit des
geduldigen Lesers ganz unnützerweise in Anspruch
nehmen. — Auch wenn sie von Damen herrühren.

Ich bin gewiß der letzte, der die Berechtigung
der weiblichen Mitarbeit auf kunsthistorischem Gebiet
anfechten möchte, die ja durch zahlreiche Namen von
gutem Klange außer Frage gestellt wird. Meine Be-
schwerde richtet sich auch nicht persönlich gegen
Fräulein Mela Escherich, sondern nur gegen einen
Typ, dem sie angehört. Sie zählt keineswegs zu den

1) Ursprünglich 1505 datiert.

2) Vergl. B. 11, 40, 57, 58, 63, 71, 73, 77, 80, 82, 93
und 94.

3) B. 2, 10, 63, 67, 78, 79, 84, 87, 90, 92, 100, 102, 120,
128 und 131.
 
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