Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 20. 11. Februar 1916

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NEUERWERBUNGEN DES RIJKSMUSEUMS
IN AMSTERDAM

Der kürzlich erschienene Jahresbericht des Rijks-
museums über das Jahr 1914 kann wieder auf
einige bemerkenswerte Bereicherungen der Gemälde-
galerie hinweisen. Wie das seit mehreren Jahren
üblich ist, sind die wichtigsten Erwerbungen in dem
Jahresbericht abgebildet. Es sind im ganzen 22 Ge-
mälde, die in den Besitz des Museums übergegangen
sind, wovon nur fünf käuflich erworben wurden; die
übrigen verdankt man der Freigebigkeit von Freunden
des Museums; dazu kommen noch 25 neue Leih-
gaben. Die Ankäufe bestehen ausschließlich aus alten
Gemälden, die Schenkungen vorwiegend aus neuen,
und diese bedeuten einen sehr wertvollen Zuwachs
der Sammlungen. Der künstlerische oder dokumen-
tarische Wert der alten Gemälde ist nicht sehr be-
deutend. Ein großes Familienbildnis, von dem in Ham-
burg geborenen Jurriaen Jacobson gemalt, das
den Admiral de Ruyter mit seiner Familie darstellt
(2,69x4,6; bezeichnet und datiert 1662), erregt haupt-
sächlich wegen der dargestellten Personen Interesse.
Das Bildnis eines Pfarrers von Hendrick ten Oever
(0,665x0,555; datiert 1686), der bisher nur durch
ein großes Familienstück hier vertreten war, lehrt
diesen Künstler von einer etwas anderen Seite kennen.
DasselbegiltvondemLeidenerMalerDavid Bailly, von
dessen Kunst die zwei bisher allein vorhanden gewesenen
Brustbilder nicht als charakteristische Proben gelten
konnten, den aber jetzt das strenge Porträt des Rektors
der Leidener Universität Anthonie Walaeus (0,71 X0,60;
datiert 1636), ebenfalls ein Brustbild, besser repräsentiert.
Das Interieur von Brekelenkam (0,70x0,315), ein
Notar auf seinem Bureau, das auf einer Auktion bei C. F.
Roos & Co. als die Arbeit eines unbekannten Künstlers
billig erstanden wurde, darf als eine glückliche Er-
gänzung zu den übrigen neun Gemälden dieses
liebenswürdigen Kleinmeisters angesehen werden. Ein
für die ersten Anfänge einer selbständigen hollän-
dischen Landschaftsmalerei charakteristisches Bildchen
ist die Schloßallee, die Esaias van de Velde zu-
geschrieben wird (0,265x0,34); die Landschaft ist be-
lebt von mehreren Figuren in der malerischen, bunten
Tracht des beginnenden 17. Jahrhunderts. Weitaus
wichtiger als diese paar alten Gemälde sind aber, wie
schon erwähnt, die Werke einiger französischer und
holländischer Meister aus der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts.

Diese modernen Gemälde stammen alle aus der
Sammlung van Randwyck im Haag und sind von
den Erben dem Museum geschenkt worden; die
Museumsdirektion hat bei der Auswahl, die sie hier-

bei treffen mußte, eine glückliche Hand geleitet; denn
es sind durchweg Werke von besonderen Qualitäten,
und sie füllen wirkliche Lücken in der Sammlung
aus. So war, um mit einem der wichtigsten Künstler
zu beginnen, Millet bisher überhaupt noch nicht im
Museum vertreten; jetzt kann man seine Kunst an
zwei sehr typischen Werken studieren, einer Zeich-
nung (Nr. 2950x) und einein kleinen Gemälde
(Nr. 1626a). Auf der Zeichnung, die identisch ist
mit der in der Vente Millet unter Nr. 129 aufgeführten
Nummer und die nach dem Auktionskatalog aus dem
Jahre 1853 stammt, ist eine junge Schäferin dar-
gestellt, die, auf ihren langen Stecken gestützt, melan-
cholisch und müde vor sich hinblickt; nach dem
Hintergrund zu, der von einem schon herbstlich ge-
lichteten Walde abgeschlossen wird, weiden einige
Schafe. Es ist eine schlichte, gefühlvolle Skizze, von
einem starken Stimmungsgehalt. Dem Hirtenmädchen,
das Millet hier als Modell gedient hat, begegnen wir
auch auf verschiedenen anderen Arbeiten des Meisters;
in ganz ähnlicher Stellung und mit demselben Mantel
bekleidet finden wir sie z. B. auf einer Radierung,
wo sie strickend dargestellt ist. Auch auf dem Ge-
mälde, das das Museum erworben hat, sehen wir eine
der von anderen Werken her bekannten weiblichen
Figuren, hier ist es aber ein derberer Typus, eins
jener weiblichen Arbeitstiere mit breitem, sinnlichem
Munde und dem Ausdruck stumpfer Traurigkeit in
dem breitknochigen Gesichte; sie schleppt sich mit
zwei Eimern voll Wasser, das sie von dem im dunkeln
Hintergrund liegenden, vom Gebüsch fast ganz ver-
steckten Brunnen geholt hat. Millets synthetischer
Blick, der sich nicht in Details und Nüancen verliert,
tritt in dem Gemälde deutlicher hervor als in der
ausführlichen Zeichnung; die Farbe, die sich auf ein
paar Töne beschränkt, auf Blau, Rot und Lila in der
weiblichen Figur und auf ein unbestimmtes Braun-
Grün 1m Hintergruud, bedeckt von großen Konturen
begrenzte Flächen, ohne merkliche Abstufungen. Auch
hinsichtlich der Stimmung besteht zwischen den beiden
Werken ein nicht unwesentlicher Unterschied; scheint
sich in der Schäferin der Zeichnung die Subjektivität
des Künstlers zu spiegeln, insofern nämlich sie die
traurige Eintönigkeit ihres Bestehens selber unbe-
stimmt empfindet, so tritt das Empfinden des Künstlers
in der Wasserträgerin zurück, da ist nur stumpfe Be-
wußtlosigkeit, kein Reflektieren. Das Gemälde kam
auch auf der Vente Millet vor (Nr. 23); es ist dem
Auktionskatalog nach im Jahre 1860 entstanden.

Noch von zwei anderen Meistern der Barbizon-
schule sind zwei wichtige Proben erworben worden,
von Diaz und Rousseau; von diesen beiden besaß
man schon einige Werke aus der Schenkung der
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