Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang

1915/1916

Nr. 3. 15. Oktober 1915

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REISEEINDRUCKE

Von Ernst von Liphart

III.1)

VENEDIG UND FLORENZ

Die Frage, ob das Konzert des Palazzo Pitti in
Florenz ein Oiorgione oder ein Tizian ist, wurde noch
immer nicht endgültig entschieden. Neuerdings stimmt
Gronau für Tizian und führt ganz richtig die auf dem
Spinett liegenden Hände der Hauptfigur als ganz ti-
zianisch an, womit ich ganz einverstanden bin, doch
stehen sie in absolutem Gegensatz zu allem übrigen.
Die Hände sind gefärbelt, da spielen rosa und silberne
Töne hinein, die man im Kopfe des Augustinermönches
und sonst überall vergeblich sucht, denn alles ist im
strengen Lokalton modelliert, wie es nur der einzige
Giorgione kann. Mithin ist die einzige Erklärung
möglich, wenn man annimmt, daß dieses Konzert im
Todesjahre 1511 unfertig vom Meister hinterlassen
wurde und Tizian, wie bei einigen anderen Werken
Giorgiones, die letzte Hand angelegt und sie vollendet
hat. Ein ähnliches Beispiel ist die sogenannte Zigeuner-
madonna in Wien: die Jungfrau mit ihrem pastos
gemalten Mantel, in den die Hand hineingreift, nebst
dem idyllischen Hintergrunde sicher von Giorgione,
das Kind hingegen durchaus von einer anderen Hand,
viel zu hübsch für Giorgione, auch fängt im Kinde
dieselbe obenerwähnte Färbelei an, die das beste Unter-
scheidungszeichen der beiden Meister ist.

Für mich ist das Pittikonzert das vollkommenste,
letzte Werk des Giorgione. Nun komme ich auf
einen merkwürdigen Umstand, den ich entdeckt zu
haben glaube: die Ähnlichkeit des Kanonikus mit der
Laute auf dem Konzert mit dem Damianus des Markus
auf dem Thron, gegenwärtig auf dem Altar der Sa-
kristei der Salute in Venedig.

Sollte diese Ähnlichkeit wirklich nur eine zufällige
sein? Ich glaube es nicht. Ist es aber dieselbe Per-
son auf beiden Bildern, so wäre es wahrscheinlich,
obgleich nicht notwendig, daß sie auch von demselben
Meister herrühren. Weiß doch Vasari nicht, ob der
Markus von Tizian oder Giorgione sei: Vasari Vol. VII,
Pag- 431: • • • »in quella di Santu Spirito fece (Tiziano)

1) In der Zeitschrift für bildende Kunst, Jahrgang
1912/13, Heft 9 und 11, war der erste und zweite Teil dieser
»Reiseeindrücke« erschienen, gleichzeitig mit der Veröffent-
'chung eines Stückes davon im Jahrbuch der Kgl. preuß.
^"nstsammlungen. Der hier mitgeteilte Schluß der Arbeit
e nun bei der Redaktion seit Kriegsausbruch, weil der
"asser das versprochene Abbildungsmaterial nicht senden
onnte. Wjr veröffentlichen diesen Schlußaufsatz deshalb
jetzt ohne Abbildungen.

una piccola tavoletta (?)'2) un San Marco a sedere in
mezzo a certi Santi cui volti sono alcuni ritratti
di naturale fatti a olio coa grandissima dili-
genza laqual tavola molti hanno creduto che sia di
mano die Giorgione.« Ob diese »molti« nicht viel-
leicht Recht hatte.

Das Jahr 1504, welches nach Gronaus scharf-
sinniger Erörterung wahrscheinlich das Entstehungs-
jahr des Markus ist, als Votivbild gestiftet zum Dank
für den gnädigen Verlauf der Pestepidemie jenes Jahres,
die verhältnismäßig wenige Opfer forderte. Nun frage
ich, kann dieses wunderbare, vollkommene Werk von
derselben Hand geschaffen sein, die 1503 ein vielver-
sprechendes, aber immerhin sehr ungeschicktes, unreifes
Erstlingswerk hervorbrachte wie den Jacopo Pesaro
vor dem hl. Petrus kniend, vom Papst Alexander VI.
vorgestellt (Antwerpen). Wo ist eine Spur der knitt-
rigen Gewandung auf dem Markus zu entdecken, und
die Ähnlichkeit des Vorwurfes fordert förmlich zum
Vergleich mit dem Petrus auf dem Thron auf, dessen
maßlos großer Kopf das ängstliche Gefühl bei dem
Beschauer noch erhöht, der Heilige würde nächstens
das Gleichgewicht verlieren.

Auch kommen wir mit dem Altar Tizians nicht
zu Strich, da mir M. Herbert Cook Recht zu haben
scheint, wenn er mit Vasari und namentlich mit Dolce,
der seinen trattato della pittura 1557 schrieb, das Ge-
burtsjahr Tizians um 1488—90 setzen. Wenn man
die Mitte nimmt, also 1489, so kommt die unmög-
liche Zumutung heraus, der 15jährige Tizian habe
das Salutebild gemalt, welches einen vollständig reifen,
geschulten Meister bekundet. Schwer ist es zu glauben,
daß es einem Vierzehnjährigen gelang, das Antwerpe-
ner Bild zu malen; wenn es auch sehr fehlerhaft ist,
enthält es Schönheiten ersten Ranges, die wir eben
gezwungen sind, auf Konto des frühreifen Genies zu
setzen.

Das Zeugnis zweier Zeitgenossen, wie Vasaris und
Dolces, sind nicht so von der Hand zu weisen und
dem Charakter Tizians wäre es ganz entsprechend,
wenn er, um den König Philipp zu veranlassen, tiefer
in die Tasche zu greifen, sich um 13 Jahre älter
machte. Der Brief stammt vom Jahre 1571. Tizian
sagt darin dem König, er wäre 95 Jahre alt und werde
wohl nicht mehr lange die ihm vom König huldvoll
zugesagte Pension beziehen.

So kann man durch das Pittikonzert einen Ein-
blick in das Leben Giorgiones tun, denn ich fühle
mich versucht, eine Stelle gleich aus der Biographie
des Sebastian Viniziano des Vasari zu zitieren, wo es

2) Sehr relativ, wenn man den Markus mit der Assunta
vergleicht, dann ist es eine Taboletta.
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