Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 27.1916

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVII. Jahrgang 1915/1916 Nr. 24. 10. März^l916

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-- LITERATU

Aug. Schmarsow, Kompositionsgesetze in der Kunst des
Mittelalters. Architektur. Mit Atlas. Leipzig, Teubner.
Geheftet 10 Mark.

Titel und äußere Erscheinung des Buches erregen
andere Erwartungen, insbesondere beim Architekten, als
sein Inhalt erfüllt. Es schien, daß man über die bei der
Komposition der mittelalterlichen Bauwerke tatsächlich an-
gewandten Gesetze einiges oder vieles erfahren würde, was
den Baukünstler oder Architekturhistoriker befähigte, tiefer in
den Entstehungsvorgang der Bauwerke hineinzuschauen.

Gerade das Gegenteil ist der Fall — was ja allerdings
bei der eigenartigen Kunstauffassung Schmarsows selbst-
verständlich schien. Es handelt sich hier vielmehr um eine
Ästhetik des Innenraumes der altchristlichen und roma-
nischen Basilika, um eine zunächst rein wissenschaftlich-
logische Behandlung der Vorgänge im Beschauer, die
psychologisch und zum Teil physiologisch wird, um schließ-
lich mit den gewonnenen Begriffen und Feststellungen die
verschiedenartigen Innensysteme von der einfachen Säulen-
basilika bis zu den kölnischen Kleeblattanlagen doch ganz
systematisch zu beleuchten und abzuwandeln. Das Schluß-
ergebnis ist erheblich realer, als der gelehrte Anfang er-
warten ließ, der allerdings unentbehrlich ist, um in die be-
sondere philosophische Auffassung Schmarsows wieder
einzuführen, wie er sie schon in seinen »Grundbegriffen
der Kunstwissenschaft« dargelegt hat, aber hier zu einer
schärferen und planmäßigeren Anwendung bringt.

Ich darf gestehen, daß mir die hier geübte Art der
Behandlung recht realer Dinge von dem Standpunkte des
Architekten wie des Architekturhistorikers bisher wenig
fruchtbringend erschien; wenigstens so, wie sich diese
Neigung bei Schmarsows Schülern und Nachfolgern äußert,
muß aber auch hinzufügen, daß mir die Arbeit des Meisters
selber ganz erheblich besser gefällt, und daß ich es für
einen geistigen Gewinn erachte, sie durchgelesen, vielmehr
durchgearbeitet zu haben. Denn ganz bequem zu lesen
ist sie nicht, besonders wenn man seit den Universitäts-
jahren die schulmäßige Logik nicht mehr viel hat hand-
haben müssen, die uns Leute von der gewöhnlichen Archi-
tekturhistorie immer ein wenig Goethes: »Der Philosoph
der tritt herein, und beweist Euch, es muß so sein« ins
Gefühl führt.

Man muß es aber zugeben: auch diese Art der Be-
trachtung hat ihre Berechtigung, gerade so gut, als die des
ganzen realen Daseins nach wissenschaftlich-logischem
Systeme. Man gewinnt durch sie eine gewissermaßen
rein objektive Stellung zu den Kunstwerken, insofern, als
nicht diese selber, sondern ihr Verhältnis zu unserer eigenen
seelischen Tätigkeit zu erfassen gesucht wird. Es ist be-
zeichnend genug, daß hier der Genießer lediglich als im
Innenraum der Bauwerke stehend angenommen ist, sodann
aber die Einwirkung der Raumgestaltung auf ihn und seine
geistige Reaktion darzustellen gesucht wird. Auf die sehr
interessante Einleitung, der künstlerischen Raumbehandlung,
die von der Reihung zu der Gruppierung und den »Konzen-
trationsmotiven« übergeht, kann ich hier nicht eingehen.

RNUMMER -

Von ganz besonderer Anziehung für mich war die
Vergleichung dieser Behandlung mit der in der Metrik,
wo der fortlaufende Vers, die Periode bis zur Strophe in
der Tat nahe verwandte Parallelen bieten. Es ließe sich
da selbst im einzelnen noch viel weiter gehen, wie ohne
jeden Zweifel z. B. die Terzine oder das Sonett mit be-
stimmten übergreifenden und verschlungenen Bogenmotiven
höchste Ähnlichkeit aufweisen.

Es muß zugestanden werden, daß uns das hier ange-
wandte System in der Tat aus der zeitlichen Begrenzung
und natürlicher, aber beschränkter empirischer Behandlung
ins Zeitlose und Ewige, fast ins Metaphysische hineinführt,
und daß dem gegenüber es untergeordnet erscheint, daß
man vielleicht, wie ich es anfangs andeutete, greifbare und
anwendbare Kompositionsgesetze zu finden erwartete, die
demgegenüber nur ephemeren Wert hätten.

Jedenfalls haben wir dem Gelehrten dankbar zu sein,
daß er uns die ewig hier maßgebenden Gesetze des inneren
Aufbaus oder wenigstens der Reflexe, die dieser in der
menschlichen Seele hervorruft, hier von seinem Standpunkte
aus zu entwickeln versucht. Eine erhebliche geistige
Förderung bleibt ohne jeden Zweifel der erfreuliche Ge-
winn aus dem Studium des geistvollen Buches.

Hannover. Albrecht Haupt.

Wilhelm Hausenstein, Die bildende Kunst der Gegenwart.
Stuttgart und Berlin 1914. Deutsche Verlags-Anstalt.
Der Geschichtsschreiber, der sich den Vorgängen seiner
eigenen Zeit zuwendet, sieht sich vor Schwierigkeiten ge-
stellt, die keinem anderen historischen Material innewohnen.
Das Gegenwärtige hebt sich durch eine besondere Betonung
von allem Vergangenen ab. Es fordert zur Stellungnahme
auf. Es verlangt Bejahung oder Verneinung, Zustimmung
oder Ablehnung, begnügt sich nicht mit einer leidenschaft-
losen Feststellung. Es kommt auf Standpunkt und Tempera-
ment des Schriftstellers an, ob er in klagendem Tone den
Untergang einer besseren Zeit besingt und die Mitlebenden
als Abtrünnige von den wahren Idealen der Vergangenheit
betrachtet, oder ob er für sie Partei nimmt und zu deuten
sucht, wie alles so hat werden müssen, wie es geworden
ist, und wie die Gegenwart Erfüllungen bringt, denen das
Frühere nur Vorstufe war. Die moderne Auffassung vom
Kunstwollen, die Riegl am eingehendsten begründet und
am weitesten ausgebaut hat, begünstigt die zweite Form
einer optimistischen Darstellung des gegenwärtigen Ge-
schehens, und dies scheint der eigentliche Grund zu sein,
warum die in den neuen Anschauungen erzogene jüngere
Generation der Kunsthistoriker eine so große Zahl begeister-
ter Apostel der letzten Versuche und Richtungen bildender
Kunst gestellt hat. Es ist nun zweifellos richtig, daß die
Ergründung des künstlerischen Wollens, das der Schöpfung
eines Werkes mehr oder minder bewußt zu Grunde liegt,
der Interpretation gute Dienste leistet, aber es ist ebenso
sicher, daß es keinen Maßstab der Beurteilung zu geben
geeignet ist. Man kann konstatieren, daß die verschieden
gearteten Äußerungen zweier aufeinander folgender Stile
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